Goldene MorgenröteWie griechische Neonazis die Schulen infiltrieren

Die Nazis der Goldenen Morgenröte verbreiten ihre Gesinnung inzwischen systematisch in griechischen Bildungseinrichtungen – selbst in Grundschulen. von 

Eine Anhängerin der Goldenen Morgenröte verteilt Lebensmittel nur an Griechen.

Eine Anhängerin der Goldenen Morgenröte verteilt Lebensmittel nur an Griechen.  |  © Menelaos Michalatos/AFP/GettyImages

Es war keine Schlägerei, auch kein brutaler Übergriff, der dieses Mal soviel Aufsehen erregte. Schließlich hatten in den letzten Wochen häufiger Lehrer griechischer Gymnasien davon berichtet, wie Schüler überfallen wurden von ihren Mitschülern. Dass in den Schulen häufiger die Parole "Ausländer raus" zu hören sei. Dass sich ganze Gruppen von Schülern der rechtsextremen Bewegung Goldene Morgenröte angeschlossen hätten.

Doch die jüngsten Vorkommnisse an einer Schule in der Hafenstadt Patras haben viele Menschen in Griechenland verstört. In einem Gymnasium der Stadt weigerten sich mehrere Jugendliche, an einer Gedenkstunde teilzunehmen für die Opfer des Aufstandes gegen die Junta-Diktatur am 17. November 1973.

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Zu diesem Boykott hatte zuvor per Flugblatt landesweit die rechtsradikale Partei Goldene Morgenröte aufgerufen, die seit der Wahl im Juni im griechischen Parlament sitzt. Die Schüler in Patras sagten ihren Lehrern, sie hielten es für eine Lüge der Linken, dass es damals bei dem Aufstand Tote gegeben habe.

"Wir werden die Schulen besuchen!"

"Die Goldene Morgenröte ist unter Schülern besonders in ärmeren Stadtbezirken geradezu in Mode", sagt die Lehrerin Olympia Georga ZEIT ONLINE. Sie ist Mitglied der Gruppe Antifaschistische Bildungsfront , die Pädagogen erst kürzlich aufgrund der jüngsten Ereignisse gegründet haben. "Für die Jugendlichen sind die Rechtsradikalen attraktiv, weil sie sich in der Krise als kraftvolle Alternative gegen das System und gegen den Kapitalismus präsentieren", erklärt Georga. Die Fremdenfeindlichkeit stehe nicht direkt im Vordergrund der Agitation.

Die rechtsradikale Partei hat das griechische Bildungssystem kürzlich zum neuen Zielobjekt ihrer Propaganda erklärt. Im Athener Parlament kündigte der Abgeordnete Antonis Gregos an: "Wir werden die Schulen besuchen!" Vom Bildungsminister verlangte er gleichzeitig, dass "die nationale Überzeugung in den Schulen wieder betont" werde. Darunter versteht die Goldene Morgenröte dem eigenen Bekunden nach: Vaterland, Religion, Familie.

Seit dieser Proklamation im Parlament hat die Partei eine Offensive begonnen. Flugblätter und CD werden auf Schulhöfen verteilt, vor allem aber versuchen Parteimitglieder und Anhänger über die Elternverbände mehr Einfluss auf die Aktivitäten der Gymnasien und Grundschulen zu gewinnen. Selbst in einem Kindergarten kam es zu einem Zwischenfall.

Auf der ionischen Insel Lefkada bedrängten Eltern eine Erzieherin. Sie hatte mit den Kindern Landesfahnen gebastelt, zwei Kinder malten die albanische Nationalflagge, weil sie aus dem Land stammten. Einige der Eltern, die mit der Goldenen Morgenröte sympathisieren, reichten daraufhin eine offizielle Beschwerde im Bildungsministerium ein und warfen der Kindergärtnerin "antigriechisches Verhalten" vor.

Hakenkreuze in Grundschulen

Solche Berichte häufen sich seit wenigen Wochen. "Uns berichten Lehrer aus Grundschulen, dass Kinder den Hitlergruß zeigen und Hakenkreuze auf die Schulbänke malen, ohne wirklich zu wissen, was sie da tun", sagt die Athener Pädagogin Georga. Dass solche Verhaltensweisen nun gerade unter Grundschülern auftreten, sei in Griechenland ein Novum.

Die Antifaschistische Bildungsfront hat mit ersten Gegenmaßnahmen begonnen. Vor allem wollen die Lehrer im Bildungsministerium durchsetzen, dass im Unterricht die historische Rolle des Rechtsextremismus und die Besatzung Griechenlands durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg stärker beleuchtet werde. "Es muss auch gezeigt werden, welchen Schaden damals die griechischen Kollaborateure der Nazi angerichtete haben", fordert Georga.

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Leserkommentare
    • Sven88
    • 23. November 2012 18:48 Uhr

    Das ist doch nur ein Symptom.
    In einem anderen Beitrag habe ich schon geschrieben, dass das in Deutschland auch wieder passieren wird, sobald es abwärts geht. Grade deswegen sollten wir den Griechen helfen. Einfach um Europa zu stärken!

    2 Leserempfehlungen
    • Nero11
    • 23. November 2012 18:50 Uhr

    dass die Rechten leichtes Spiel haben bei den Umständen dort. Ich hoffe wirklich, dass dieser Raubtierkapitalismus bald in Flammen aufgeht.

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  1. Neulich meinte ein Grundschullehrer(!) hier in Griechenland, er wuerde die Goldene Morgenroete waehlen, weil die mal so ordentlich ausfegt! Ich habe mich da sehr erschrocken und noch mehr, als andere miteinstimmten. Wo das noch hinfuehrt, moechte ich mir gar nicht vorstellen!

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  2. Das ist doch ein Treppenwitz.

    Die sollten sich mal best. Gebieten unserer Republik rum treiben in denen Neonazis nachts die Gegend unsicher machen und ihnen erzählen sie seien auch Neonazis. Da würden die Griechen ganz schnell merken, dass die Neonazis ihres Gleichen als Abschaum empfinden.

    Die Menschheit ist so blöd das es weh tut.

    Übrigens war auch ein Grieche Opfer Des NSU.

    Wäre der von den Griechen verehrte Hitler an die Macht gekommen, würden sie heute in Arbeitslagern Hakenkreuzfahnen nähen als Untermenschen.

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    Vor ein paar Jahrzehnten hatte ich eine lange Diskussion mit einem griechischen Bauern auf Kreta. Er war durch die Agrarpolitik der EU schon damals zu Wohlstand gekommen. Er sprach mit mir ueber die Europaeische Gemeinschaft und die Situation in Griechenland. Fuer ihn waere ein Sieg Hitlers fuer sein Land besser gewesen. Dann gaebe es dieses Chaos nicht.
    Auch ihm habe ich damals erklaert, er und seine Landsleute waeren dann Sklaven fuer das Deutsche Reich geworden (das mit dem Hakenkreuz-Fahnen naehen waere eine tolle Symbolik gewesen, an die ich nicht gedacht hatte) und keine wohlhabenden, eigenstaendigen Bauern, die ihre Kinder zum Studium nach Athen oder in die Welt schicken koennen. Das wollte er nicht wahrhaben. Ausgerechnet ein Kreter, die doch als ganz besonders rebellische Individualisten bekannt sind.
    Und auf Lesbos hatte ich eine ebenso heftige Diskussion darueber, dass die Deutschen zwar Boeses in Griechenland angerichtet haetten, aber als Soldaten doch zu bewundern seien.
    Wie soll man das Denken der Menschen je verstehen, wenn ein Volk, dass ganz furchtbar unter der deutschen Besatzung gelitten hat, solche Kraefte nicht nur agieren laesst, sondern in hohem Masse unterstuetzt? Doch wenn schon ein katholischer Bischof den Holocaust leugnet und dennoch wieder in den Schoss der Kirche aufgenommen wird, worueber kann man sich dann noch wundern? Ich tue das schon lange nicht mehr. Griechenland. Ungarn. Holland. Daenemark. Unser Osten. Der Schoss ist fruchtbar noch...

  3. Armut und Hoffnungslosigkeit waren und sind der Nährboden für kackfarbene Gesinnung. Die neo-liberale "Umgestaltung" der europäischen Gesellschaftssysteme, auch unseres, nach dem Zerfall des sozialistischen Gesellschaftsmodells bereitet für diese Entwicklung den idealen Nährboden. Geschichte wiederholt sich diesbezüglich.
    Es soll niemand sagen, er habe es nicht gewusst!

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    • va
    • 23. November 2012 21:04 Uhr

    Das kann man nicht deutlich genug herausstreichen. Man darf nicht vergessen, dass Griechenland eine Militärdiktatur hatte und die jetzige Finanzmisere zu nicht geringem Anteil auf Waffenkäufe auch aus Deutschland zurückzuführen ist. Ich werde die ganze Geschichte mit Argusaugen beobachten. Die Situation ist höchst alarmierend.

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    Antwort auf "Weimarer Verhältnisse"
    • grapo
    • 23. November 2012 21:09 Uhr

    also muss es abgeschafft werden.
    Und das System heisst in GR Demokratie.
    So einfach ist das.
    Vielen ist die Ideologie der Nazis egal, Hauptsache die Verantwortlichen der Misere enden am Galgen...
    In der Grundschule meiner Tochter, schrien ein paar zehnjaehrige vor einem Monat Chrisi Avghi (goldene morgenroete).
    Der Lehrer stand daneben , war sichtlich geschockt, hat seid ruhig gesagt und die Baelger sind froehlich davongezogen.
    Vor einer Woche wurde in der Schule der 17. November gefeiert, ohne wietere Vorkomnisse.
    Die Nazis sind da, haben Blut geleckt und der finanzielle Niedergang des Landes befluegelt sie.
    Wir erleben historische Zeiten in GR.
    chinesischer Fluch
    (moegest du in einer interessanten Zeit leben)
    besonders moechte ich mich zum Schluss fuer die europaeische Solidaritaet bedanken.
    Die Milliarden die als GR Hilfe gelten, sitzen gut gehuettet in Banktresoren.

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    • Lunova
    • 24. November 2012 4:57 Uhr

    wenn 50 prozent der jugedlichen arbeitslos sind in griechenland. dann hat das fatale folgen für die rentner in der zukunft. die zahlen ja nix ein. wer soll denn die renten dort sicherstellen. das wird ein megadesaster und ist wohl nur der anfang. man sollte dem land wirklich auf die beine helfen, und nicht den banken in DE und FR. solange merkel an der macht ist passiert eh nix. die arbeitet konkret für die banken. griechenland sollte sich aus dem euro verabschieden. sich losreissen . ansonsten wird griechenland ein perpetum mobile. egal wer kanzler ist, man kann es drehen wie man will. hàssliche eu.
    man kann für jede firma ein neues geschäftsmodell aufstellen, das klappt auch für griechenland, wenn man es denn wollte. aber mir scheint man will es gar gar nicht. drum ist die eu hässlich und nicht europa, wie es grad in einem anderen artikel auf zeit online steht.
    zudem ist europa mehr als deutschland. auch länder die nicht in der eu sind. schon mal daran gedacht herr redaktor?

    • va
    • 23. November 2012 21:10 Uhr

    Es ist schon richtig: "Wes' Brot ich ess, des' Lied ich sing." Das war schon bei den alten Römern so!

    Antwort auf "Soziales Engagement"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bildungsministerium | Fremdenfeindlichkeit | Griechenland | Grundschule | Lehrer | Mine
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