Ägyptens Premierminister Hisham Kandil (l.) und der Hamas-Führer Ismail Hanija am Freitag in Gaza-Stadt © Ahmed Zakot/Reuters

Die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern dauert trotz einer vorübergehend vereinbarten Waffenruhe an. Radikale Palästinenser feuerten zahlreiche Raketen auf den Süden Israels ab, teilte die israelische Armee mit. Die israelische Luftwaffe antwortete mit einem Angriff auf das Haus eines Hamas-Kommandeurs, verlautete aus Kreisen der Palästinenser.

Aus palästinensischen Sicherheitskreisen und von Medizinern wurde berichtet, Israel habe eine Gruppe von Zivilisten in der Region Nasila angegriffen, zwei Palästinenser seien getötet worden.

"Die Hamas respektiert nicht den Besuch des ägyptischen Ministerpräsidenten im Gazastreifen und verletzt die vorübergehende Feuerpause, in die Israel vor dem Besuch eingewilligt hat", beklagte ein Sprecher von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu .

Der ägyptische Ministerpräsident Hescham Kandil war zu einem Solidaritätsbesuch im Gazastreifen angekommen. Unter anderem führte Hamas- Regierungschef Hanija ihn in ein Krankenhaus. Ägyptens Präsident Mohammed Mursi hatte Kandil darum gebeten, in das Konfliktgebiet zu reisen, wo sich militante Palästinenser und israelisches Armee seit drei Tagen gegenseitig beschießen.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu stimmte während des Besuches einer Feuerpause zu und entsprach damit einem Wunsch Ägyptens.

In Gaza Stadt am Freitagmorgen © Marco Longari/AFP/Getty Images

Grundsätzlich stellt sich Israel auf einen Angriff des Gazastreifens mit Bodentruppen und Artillerie ein. Die Militärführung verlege Truppen in die Region, um für einen Einmarsch bereit zu sein, sollte der Befehl kommen, sagte ein ranghoher Beamter in Tel Aviv . Am Abend war mindestens ein Dutzend Transporter zu sehen, die Panzer in das Grenzgebiet brachten. Busse mit Soldaten waren auf dem gleichen Weg.

Berichte über begonnenen Offensive

Zugleich berief Israel 16.000 Reservisten ein . Insgesamt könnten bis zu 30.000 Männer und Frauen einberufen werden. General Joaw Mordechai sagte dem Fernsehsender Channel 2, die Armee sei dabei, "die Aktionen auszuweiten". Ob die Obergrenze bei einer Einberufung voll ausgeschöpft werde, sei unklar. "Alle Optionen liegen auf dem Tisch."

Berichte über eine angeblich schon begonnene israelische Bodenoffensive dementierten jedoch Streitkräfte und dem Außenministerium. Auch in dem Gebiet am Mittelmeer war über das Eindringen israelischer Truppen nichts bekannt.

In 45 Minuten 85 Raketen auf Gaza-Stadt

Anlass der Mobilmachung sind seit Tagen andauernde Raketenangriffe radikalislamistischer Palästinenser auf Israel. Am Donnerstag hatten Geschosse sogar Tel Aviv getroffen. Die Stadt löste erstmals seit Jahren Luftalarm aus. Bis zum Freitagmorgen gingen laut Militär etwa 300 Geschosse auf Israel nieder. (Karte von Haaretz.com hier, Stand vom Abend)

Die israelische Luftwaffe schlug bereits zurück: Am Freitagmorgen gingen binnen 45 Minuten 85 Raketen auf Gaza-Stadt nieder.

Auch Tunnel an der Grenze zu Ägypten waren Ziel der israelischen Geschosse. Schmuggler nutzen die Tunnel regelmäßig, um zivile Güter und Waffen in den Gazastreifen zu bringen. Das Militär zerstörte laut israelischen Angaben zudem den Stromgenerator für das Haus des ehemaligen Ministerpräsidenten der Palästinensischen Autonomiegebiete, Ismail Hanija . Es sei unklar, ob er zu der Zeit in dem Haus war.

Radikale Palästinenser feuerten weiterhin sporadisch Raketen in Richtung Israel. Hamas-Premier Hanija kündigte eine "Dauer-Intifada" an , "bis zur Befreiung des gesamten Palästina, so Allah will". Ein israelischer Militärsprecher fragte rhetorisch , an Kritiker der Gegenschläge gerichtet: "Wie kann das kein Terrorismus sein?"

Die Zahl der Toten im Gazastreifen stieg auf 16. Ein Kleinkind sei im Krankenhaus an seinen Verletzungen gestorben, teilte das Gesundheitsministerium in Gaza-Stadt mit. Bei einem weiteren Angriff im Gazastreifen ist nach Angaben der Vereinten Nationen auch ein Lehrer einer UN-Hilfsorganisation getötet worden.

Am Mittwoch hatte Präsident Mursi seinen Botschafter aus Israel abgezogen. Die USA hoffen zur Entschärfung des Konflikts auf die ägyptische Regierung: "Wir bitten Ägypten, seinen Einfluss in der Region für eine Deeskalation zu nutzen", sagte der amerikanische Außenamtssprecher Mark Toner.

Die Hacker-Gruppe Anonymous attackierte wegen der Angriffe im Gazastreifen zahlreiche israelische Websites, darunter die Seite der israelischen Streitkräfte IDF und die Seiten von mehreren Banken. Die Armee bestritt die Cyberattacken, das IDF-Blog sei wegen Überlastung der Site nur weniger als eine Stunde nicht erreichbar gewesen, sagte ein Sprecher.

Israel hatte am Mittwoch mit der gezielten Tötung des Hamas-Militärchefs Ahmed Dschaabari eine Offensive aus der Luft gegen militante Palästinenser im Gazastreifen begonnen. Nach neuen Angaben der israelischen Streitkräfte wurden seit Beginn der Offensive 320 Ziele im Gazastreifen angegriffen. 16 Menschen starben, mehr als 150 wurden verletzt. Im gleichen Zeitraum seien aus dem Gazastreifen 306 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Dabei starben dort drei Menschen und mindestens zwölf wurden verletzt.