Gaza-GefechteKein Vertrauen in Nahost

Israel verteidigt sich gegen Raketen aus Gaza. Doch der Nahe Osten war selten so unübersichtlich wie heute – das macht einen neuen Krieg so gefährlich. von 

Israelische Soldaten in Beerscheva

Israelische Soldaten in Beerscheva  |  © Ilia Yefimovich/Getty Images

Kommt es zu einem neuen Krieg im Nahen Osten? Das, was derzeit zwischen Israel und dem Gazastreifen geschieht , erinnert in fataler Weise an die Situation Ende 2008. Auf den fortwährenden Raketenbeschuss von Gaza auf Israel folgte die israelische Militäroperation "Gegossenes Blei". Mehr als tausend Menschen starben, darunter Hunderte Zivilisten. Große Teile von Gaza-Stadt lagen hinterher in Trümmern .

All dies könnte sich nun wiederholen. Die Lage an der Grenze ist schon seit Langem angespannt, dafür haben in den vergangenen Monaten nicht zuletzt der militärische Arm der Hamas (der sich vom politischen wenig bis gar nichts sagen lässt) und andere radikale Palästinensergruppen gesorgt. Mehr als 1.000 Raketen und Granaten wurden vom Gazastreifen in diesem Jahr auf Israel abgeschossen. Viel Schaden richteten sie nicht an, was allerdings nicht an der Gutherzigkeit der Angreifer liegt, sondern vielmehr an dem ihnen zur Verfügung stehenden Material und dem neuen israelischen Raketenabwehrsystem. Eine Rakete der Hamas kam durch und tötete drei Israelis in Kiryat Malachi, immerhin 30 Kilometer vom Gazastreifen entfernt.

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Gut möglich also, dass die israelische Regierung eine ähnlich große und zerstörerische Operation wie 2008/2009 in die Wege leitet. Schon hat die Armee damit begonnen, Reservisten einzuziehen und Bodentruppen rund um den Gazastreifen zu versammeln. Selbst eine Bodenoffensive wird derzeit nicht ausgeschlossen.

Netanjahu geht es um den Machterhalt

Israels Vorgehen ist verständlich. Das Land hat das Recht, sich selbst zu verteidigen, auch Barack Obama hat das gestern bekräftigt . Trotzdem ist dieser Konflikt hoch brisant – gefährlicher jedenfalls als die Auseinandersetzungen davor. Denn dieses Mal zeichnet sich durch die völlige Abwesenheit an vertrauenswürdigen Akteuren aus. Das gilt für Israel, für die Palästinensergebiete, für die Nachbarstaaten.

Benjamin Netanjahu zum Beispiel. Was diesen Mann antreibt, ist der Machterhalt. International hat er jegliches Vertrauen verspielt, seit er in diesem Sommer drauf und dran war , Iran im Alleingang anzugreifen – und es dann doch lieber bleiben ließ. Netanjahus erratische Politik und seine ultraradikalen Koalitionspartner haben viel zur unsicheren Lage im Nahen Osten beigetragen.

Was macht Mursi?

Oder Mahmud Abbas . Auch der Palästinenserpräsident hat seine eigene Agenda. Nicht zuletzt weil er sich im Dauerclinch zwischen Fatah und Hamas beweisen muss, forciert er die Aufwertung der Palästinensergebiete bei der UN . Er riskiert damit, dass auch die westlichen Länder, die üblicherweise den gemäßigten Kräften im Westjordanland gut gewogen sind, sich von ihm abkehren. Gleichzeitig ist klar, dass er viel zu schwach ist, um mäßigend auf die Hamas einwirken zu können. 

Markus Horeld
Markus Horeld

Markus Horeld leitet die Ressorts Politik, Meinung und Gesellschaft bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Und schließlich Mohammed Mursi . Ägyptens Präsident ist der größte Unsicherheitsfaktor in dieser unsicheren Region. Früher konnte sich Israel darauf verlassen, dass Ägypten sich aus Konflikten mit den Palästinensern weitgehend heraushielt. Hosni Mubarak und sein Militärapparat agierten undemokratisch und willkürlich nach Innen. Nach Außen waren sie berechenbar.

Das ist vorbei. Wie anders die Lage ist, zeigt schon der Umstand, dass Ägypten als Reaktion auf die Tötung des Hamas-Militärchefs Ahmed Dschabari seinen Botschafter aus Tel Aviv abzog. Wie wird Mursi sich weiter verhalten? Wird er, wie von der Hamas gefordert, den Palästinensern im Gazastreifen helfen? Wird er die latent israelfeindliche Stimmung im Land anheizen? Und wie reagiert das Militär?

Vertrauen ist rar in diesen Tagen. Doch nicht nur die zentralen Akteure handeln erratisch. Die ganze Region liegt im Durcheinander: In Israels Nachbarland Syrien herrscht Krieg, der auf das andere Nachbarland Libanon überzuspringen droht. Alte Verbündete wie die Türkei haben sich abgewendet. Selten war die Lage im Nahen Osten gleichermaßen explosiv wie undurchschaubar. Das macht einen neuen Gaza-Krieg so gefährlich. Niemand kann die Auswirkungen wirklich überblicken. Sicher an dieser verfahrenen Situation ist nur eines: Die Bevölkerung des Gazastreifens leidet weiter.

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Leserkommentare
    • SonDing
    • 15. November 2012 21:44 Uhr

    der Teilungsplan wurde von der zionistischen als auch von arabischer Seite nicht angenommen:

    "Die radikalen Nationalisten wie Menachem Begins Irgun oder Jitzhak Schamirs Lechi (auch unter dem Namen Stern Gang bekannt) lehnten den Plan ab - ihnen ging er nicht weit genug."
    http://de.wikipedia.org/w...

    Antwort auf
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    auf seiner UN Mission einen Plan unterbreiten wollte,
    wie die Rechte der Palästinenser dennoch gewahrt
    werden können, ordnete Shamir dessen Ermordung an.

    Graf Bernadotte wurde in seinem Jeep in Jerusalem erschossen.

  1. In ihren Augen sind die Israelis/Juden/Zionisten reißende Wölfe und die Palästinenser friedliebende Lämmer, die keinem etwas zu Leide tun wollen und mit den Israelis gerne friedlich zusammen leben wollen.
    Welch einer hetzerischen Lüge sind sie da aufgesessen! Aber das hat ja nun System - "Der Jude ist an allem schuld!"
    Diese Pseudoeinschränkung "Die JETZIGE Regierung..." hat doch nur Alibifunktion.

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    es gab bereits einige israelische Regierungen vorher, die
    sich ebenso wenig an das Völkerrecht gebunden fühlten.

    • SonDing
    • 15. November 2012 21:58 Uhr

    indem Sie Israelis, Juden und Zionisten in einen Topf werfen.

    Dass es da gehörige Unterschiede bzw. Divergenzen geben kann, wird immer mehr Menschen klar. Deswegen lösen sich diese Schwaden immer schneller in Luft auf:

    Zionists Do Not Represent Jews
    http://www.jewsagainstzio...

  2. auf seiner UN Mission einen Plan unterbreiten wollte,
    wie die Rechte der Palästinenser dennoch gewahrt
    werden können, ordnete Shamir dessen Ermordung an.

    Graf Bernadotte wurde in seinem Jeep in Jerusalem erschossen.

  3. es gab bereits einige israelische Regierungen vorher, die
    sich ebenso wenig an das Völkerrecht gebunden fühlten.

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    Das mit dem Völkerrecht ist so eine Sache.
    Schreien die, die bei Israel lauthals nach dem Völkerrecht scheien,- wenn es da überhaupt etwas wirklich zu schreien gibt -, auch bei den Palästinensern und ihrem Morden nach dem Menschenrecht?

    • SonDing
    • 15. November 2012 21:58 Uhr

    indem Sie Israelis, Juden und Zionisten in einen Topf werfen.

    Dass es da gehörige Unterschiede bzw. Divergenzen geben kann, wird immer mehr Menschen klar. Deswegen lösen sich diese Schwaden immer schneller in Luft auf:

    Zionists Do Not Represent Jews
    http://www.jewsagainstzio...

  4. der übrigens im 2ten Weltkrieg zigtausende von Juden
    aus dem KZ Theresienstadt befreit hat,
    zeigt deutlich, mit welcher Härte und Brutalität
    von Beginn an von jüdischer Seite vorgegangen wurde.

    Dieser Wikipedia Artikel ist wirklich interessant
    und aufschlußreich zugleich :

    http://en.wikipedia.org/w...

  5. der übrigens im 2ten Weltkrieg zigtausende von Juden
    aus dem KZ Theresienstadt befreit hat,
    zeigt deutlich, mit welcher Härte und Brutalität
    von Beginn an von jüdischer Seite vorgegangen wurde.

    Dieser Wikipedia Artikel ist wirklich interessant
    und aufschlußreich zugleich :

    http://en.wikipedia.org/w...

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    • SonDing
    • 15. November 2012 22:21 Uhr

    da es für die Verständnis der Israel-Palästinenserproblematik sehr wichtig ist:

    "Folke Bernadotte
    Am 17. September 1948 wurde er zusammen mit UN-Beobachter Colonel André Serot von militanten Führern der jüdischen Terroristen-Gruppe Lechi, die manchmal auch als „Stern-Gruppe“ bezeichnet wird, erschossen. Grund für die Ermordung war sein öffentliches Bekenntnis, die palästinensischen Flüchtlinge hätten einen Anspruch, in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen. Darüber hinaus stieß jedoch auch sein Plan, die Stadt Jerusalem unter internationale Aufsicht zu stellen sowie das Gebiet Negev an die Araber abzutreten, auf massiven Widerspruch der Israelis. Seine Vorschläge zur Lösung des Flüchtlingsproblems waren die Basis für die Resolution 194 der UN-Generalversammlung vom 11. Dezember 1948, in der das Recht auf Rückkehr für die Flüchtlinge beider Seiten festgestellt wurde.

    Die Drahtzieher des Anschlags erhielten wenige Monate später trotz dringenden Tatverdachts Generalamnestie von der israelischen Regierung."

    http://de.wikipedia.org/w...

  6. Die neueste Eskalation der Lage ist zurückzuführen auf die Erschießung eines gestig behinderten Palästinenser namens Ahmad Nabhani, der der israelischen Grenze zu nah gekommen sein soll.....
    In den Massenmedien ist natürlich nichts davon zu finden, außer die Houston Chronicle und diverse andere Blogs....

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Benjamin Netanjahu | Mohammed Mursi | Barack Obama | Hamas | Mahmud Abbas | Nahost
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