Gaza-KriegIsrael hat sich an den Gazakrieg gewöhnt

Gaza-Attacken als permanenter Krieg: Auch in eine demokratische Gesellschaft lässt sich dieser Zustand integrieren. Eine beunruhigende Aussicht, kommentiert Y. Feldman. von Yotam Feldman

Israelische Soldaten nahe der Grenze zum Gaza-Streifen, 18. November 2012

Israelische Soldaten nahe der Grenze zum Gaza-Streifen, 18. November 2012  |  © Jack Guez/AFP/Getty Images

Sommerregen, Kiefernduft, Herbstwolken, Gegossenes Blei – das sind nur einige jener poetischen Namen, die das israelische Militär seit 2005 seinen Angriffen auf den Gazastreifen gab. De facto jedoch herrscht seit mehr als sieben Jahren der Zustand eines permanenten Krieges gegen die Bevölkerung von Gaza, denn zwischen den Großattacken gibt es keine Atempause, die frei wäre von israelischen Invasionen zu Lande oder gezielten Tötungen aus der Luft.

Yotam Feldman

ist israelischer Autor und Filmemacher, er hat als Investigativ-Journalist für die Zeitung Haaretz gearbeitet. Sein Dokumentarfilm "The Lab" über die israelische Waffenindustrie erscheint in den kommenden Monaten.
 

Einige dieser israelischen Angriffe waren Reaktionen auf palästinensische Attacken, Winterregen beispielsweise folgte der Geiselnahme des israelischen Soldaten Gilad Schalit, meist aber hatten die Angriffe wenig mit einer Bedrohung Israels aus dem Gazastreifen zu tun. Auch die aktuelle Operation wurde begonnen, obwohl kurz zuvor eine langfristige Waffenruhe zwar noch nicht unterschrieben, immerhin aber ausgehandelt worden war, nur Stunden bevor Israel den Militärchef der Hamas ermordet hatte.

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Ein hoher Offizier der israelischen Armee hat einmal die israelische Militärstrategie in Gaza mit dem Einsatz eines Rasenmähers verglichen: So gesehen sind die Operationen des Militärs keine abgeschlossenen Ereignisse. Das Ende der einen markiert lediglich den Beginn der Wartezeit bis zur nächsten Operation, die unweigerlich kommen muss. In Israel empfindet man die Angriffe auf Gaza zunehmend als hinnehmbar und befürwortet sie ohne Weiteres, da sie, anders als der Libanon-Krieg oder die erste und zweite palästinensische Intifada, wenig Tote und Verletzte in Israel zur Folge haben.

Gaza-Offensiven nutzen der Wirtschaft

Auch wenn die Israelis einen Preis zahlen, steht er in keinem Verhältnis zu dem der Palästinenser. Die – bisher – beispiellose Gewaltanwendung während der Offensive Gegossenes Blei im Jahr 2008/2009 zeigte sich allein schon im extrem ungleichen Verhältnis der Opferzahlen: Den 1.400 palästinensischen Toten standen 13 israelische gegenüber. Im Übrigen genießen israelische Politiker allemal breite Unterstützung, wenn sie das Militär als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln oder als Ersatz für politisches Handeln einsetzen.

Während vergangene Kriege die israelische Wirtschaft belasteten, kommen ihr die Offensiven gegen Gaza eher zugute. Der Gazastreifen bietet sich als Testgebiet für Produkte der israelischen Rüstungsindustrie geradezu an, "kampferprobte Waffen" – so heißt es im Werbematerial der Hersteller – lassen sich erfolgreich auf dem internationalen Markt verkaufen.

Leserkommentare
    • bayert
    • 19. November 2012 14:28 Uhr

    die seit der Räumung des Gaza-Streifens auf Israel abgefeuert wurden. Ein Grund für die geringe Opferzahl unter den Einwohner Israels ist der gut funktionierende Zivilschutz.

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    Naja, wir reden hier über extrem primitive, selbstgebastelte Raketen, die jeder von uns selbst basteln könnte. Die V2 aus dem zweiten Weltkrieg ist dagegen ein Wunderwerk der Hochtechnologie.

  1. 10. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/cv

    11 Leserempfehlungen
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    • R.Heyer
    • 19. November 2012 16:11 Uhr

    Ausgrechnet Erdogan, der keinerlei Probleme damit hat den Norden des Irak (schon mehrmals geschehen) zu besetzen um gegen die Kurden zu kämpfen, quengelt rum.
    Sorry :))

  2. Aber im tiefsten! Und die wollen sogar noch weiter zurück! Die möchten gerne die gesellschaftlichen Zustände wie zu Zeiten des Propheten anno 630 n.Chr.!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ohne Konsequenzen ?"
  3. "Gaza - auf diesem Boden gedeiht der Hass der Hamas
    Wer es durchbrechen will, muss ihm die Nahrung entziehen. Will Israel das? Wir wissen aus den WikiLeaks-Depeschen, was Israel in Gaza tut. Im Jahr 2008 erklärten israelische Offizielle den Amerikanern, dass Gaza ganz bewusst und absichtsvoll "am Rand des Kollaps" gehalten werde, ohne dass es aber zum völligen Zusammenbruch komme. Gaza solle "auf dem niedrigsten Level funktionieren, der gerade noch eine humanitäre Katastrophe" ausschließt.

    Und die Palästinenser? Am 29. November will ihr Präsident Mahmud Abbas in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus beantragen. Die USA können das nicht blockieren. Amerika droht den Vereinten Nationen mit finanziellen Sanktionen. Israel droht mit der Annexion von Gebieten im Westjordanland.

    Was ist die Botschaft an die Palästinenser? Auch friedliche Mittel helfen euch nichts!

    Auf diesem Boden gedeiht der Hass der Hamas."

    (Augstein heute im Spiegel)

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    aber falls Gaza wirklich am Rande des Zusammenbruchs gehalten wird, wie ist es dann möglich, dass die Hamas jeden Tag Werte in die Luft schießt, mit denen man die eigene Bevölkerung eigentlich ganz gut versorgen könnte.
    Und woher kommen die Raketen? Doch wohl von außen! Wenn Waffenschmuggel möglich ist, müßte es doch auch möglich sein, Lebensmittel oder Bücher zu schmuggeln.

    • Bashu
    • 19. November 2012 18:40 Uhr

    sollte die Europäer Palästina unterstützen.

    http://www.guardian.co.uk...

    Deutschland wird als Vasall natürlich parieren, ich hoffe dass die Franzosen sich von unseren "Freunden" nicht einschüchtern lassen.

    • SonDing
    • 19. November 2012 14:31 Uhr

    Wenn man das alles so liest, passen Erkenntnisse, dass die Hamas gezielt von Israel unterstützt wird, wie die Faust aufs Auge:

    How Israel Helped to Spawn Hamas
    "Hamas, to my great regret, is Israel's creation," says Mr. Cohen, a Tunisian-born Jew who worked in Gaza for more than two decades."
    http://online.wsj.com/art...

    How Israel and the United States Helped to Bolster Hamas
    http://www.democracynow.o...

    Der "antiwestliche Terror" wird teilweise also selbst vom vermeintlichen Opfer geschürt.

    Ähnliche Strategien gibt es schon seit Jahrzehnten, auch in Europa:

    Strategie der Spannung
    http://de.wikipedia.org/w...

    Gerade wieder macht bei uns die NSU-Mordserie Schlagzeilen. Terror unter den Augen und teilweise gestützt durch verantwortliche Geheimdienste.

    In welcher Welt leben wir nur?

    Wenigstens trägt dieser Artikel Ansätze, für eine Aufklärung.

    15 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  4. aber falls Gaza wirklich am Rande des Zusammenbruchs gehalten wird, wie ist es dann möglich, dass die Hamas jeden Tag Werte in die Luft schießt, mit denen man die eigene Bevölkerung eigentlich ganz gut versorgen könnte.
    Und woher kommen die Raketen? Doch wohl von außen! Wenn Waffenschmuggel möglich ist, müßte es doch auch möglich sein, Lebensmittel oder Bücher zu schmuggeln.

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    ... lohnt sich nicht. Israel liefert jeden Tag genug. Gestern(!) - Sonntag - wurden 80 LKWs voller Lebensmittel und med. Güter herübergeschickt!!!

    Ich bin auch ganz hin- und hergerissen! Das ganze Theater im Nahen Osten begleitet mich nun schon seit mehr als 40 Jahren.

    Aber wer ist eigentlich Aggressor und wer Verteidiger? Gibt es Medien, die tatsächlich vorurteilsfrei, unabhängig und fair berichten? Gerade wir Deutschen, mit der viel zitierten Verantwortung für Israel, müssten uns doch ein klares Bild von der Situation machen, bevor wir urteilen. Aber wie?

    Nicht, dass sich durch objektive Berichterstattung oder mein Urteil irgendetwas ändern würde, aber man könnte seine Meinung mit fundierten Argumenten untermauern.
    Seit 40 Jahren ist es doch wie im Kindergarten mit echten Waffen – der war’s! Ne, der war’s! Ne die war’s u.s.w.

    Ein weiser Mann aus dem Orient hat mir mal gesagt: „Überall dort, wo die Engländer mal waren, haben sie bei ihrem Abzug einen Stachel hinterlassen – und wenn man den nicht früh genug entfernt, fängt der irgendwann an zu eitern.“

  5. wonach die gezielte Liquidierung des militärischen Hamas-Führers Ahmad Al-Dschabari kurz nach dem Erhalt eines Entwurfs zu einem vom ägyptischen Geheimdienst mitgeförderten dauerhaften Waffenstillstandsabkommen zwischen Hamas und Israel stattfand.

    Israels offizielle Instanzen hätten davon gewußt und dennoch der Liquidierungsaktion stattgegeben, so der israelische Friedensaktivist Gershon Baskin.

    Kam dieses Einlenken der Hamas Israel ungelegen? Wemm also nutzt der Konflikt wirklich?

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    • dacapo
    • 19. November 2012 16:54 Uhr

    Keinem nutzt der Konflikt. Frieden muss her. Der ist nicht durch Waffengänge zu erreichen. Was aber der Hamas keinefalls gefallen kann, ist eine friedliche Lösung: Zwei Staaten auf dem Gebiet Palästina/Israel. Die Hamas kann nur im Zustand der "ewigen" Bedrohung durch die aggressive Politik Israels existieren. Nur mit zum Kriegszustand einhergehenden "Wohltätigkeiten" (was eigentlich selbstverständliche Aufgaben eines Staates sind) und den schleimigen "Einsätzen" von Kindern für Propagandazwecke versuchen sie ihre Existenzberechtigung zu behalten. In Friedenszeiten (sollten sie eines Tages eintreten) wird die Hamas offenbaren müssen, welche Unterdrückungsmaschinerie sie in Gaza hat aufbauen können. Die Palästinenser wissen es in der großen Mehrheit, Israel mit seiner Unbereitschaft zu einem Frieden macht es aber möglich, dass dieser Teufelspakt mit dem Hamasregime eingegangen wird.

    • Slater
    • 19. November 2012 14:36 Uhr

    "als Vorposten der westlichen Werte und Demokratie als gutes Beispiel vorangeht.

    Israel ist ein Modell, wie dem antiwestlichen Terror entgegenzutreten ist."

    wäre Israel nicht dort, wie sähe der 'antiwestlichen Terror' dann aus?
    würde Europa überschwemmt werden? es ist doch nicht mehr Eroberungszeit des Mittelalters, die Leute wollen in Frieden leben,
    einen 50 km entfernen Staat können Regierungen leichter als Gegner instrumentalisieren als ferne andere Kontinente

    Einzelaktionen wie der 11. September, so fragwürdig der für sich auch ist, kann man doch kaum als allgemeine Bewegung bezeichnen,

    würde der Islam einen Vorposten in Europa halten, wäre der kaum von allen Seiten mit Raketen beschossen, soviel kann der Westen wohl als zivilisierteres Verhalten 'im Vergleich' behaupten,

    aber selber einen Staat mitten unter Feinden aufzubauen, 50 Jahre alle Nachbarn mit überlegener Technik kleinzuschießen,
    darin kann ich bisher kein (Erfolgs-)Modell des Westens erkennen

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    ... ist eine Verharmlosung, wie der Staat Israel gegründet wurde. Ein Kern-Prinzip war die ethnische-Reinheit dieses Staates weshalb der damaligen USA Botschafter Loy Henderson schrieb:

    ...[Proposals for partition] are in definite contravention to various principles laid down in the [UN] Charter as well as to principles on which American concepts of Government are based. These proposals, for instance, ignore such principles as self-determination and majority rule. They recognize the principle of a theocratic racial state and even go so far in several instances as to discriminate on grounds of religion and race…”

    Die Tatiken der Stern/Lehi Terror-Gruppen für "den Aufbau" des Staats Israel sind gut dokumentiert.

    Quellen:http://original.antiwar.com/alison-weir/2011/10/10/the-real-story-of-how-israel-was-created/

    http://www.wsws.org/artic...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Israel | Hamas | Militär | Geiselnahme | Gilad Schalit | Krieg
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