IsraelWarum Netanjahu sich zurückhielt

Die Waffenruhe zwischen Israel und Hamas kam überraschend. Doch sie könnte auch Teil eines größeren Plans des israelischen Premiers sein, kommentiert Yotam Feldman. von Yotam Feldman

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu  |  © Baz Ratner/Reuters

Noch Stunden vor der Einigung für eine Waffenruhe in Nahost ließen alle Anzeichen eigentlich nur eine Schlussfolgerung zu: Nach den Luftangriffen der vergangenen acht Tage wird Israel seinen Angriff auf den Gazastreifen nun am Boden fortsetzen. Vor der Grenze wartete die Armee bereits auf den Einsatzbefehl. Die israelische Öffentlichkeit sann auf Vergeltung für den Terroranschlag am Mittwoch in Tel Aviv. Und die Wähler der Likud-Partei fordern von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schon lange, dass er endlich eine seiner zentralen Zusagen aus dem Koalitionsvertrag von 2009 erfüllt: den Sturz der Hamas-Regierung.

Nach der vereinbarten Waffenruhe sieht die Realität jedoch anders aus: Die radikal-islamische Hamas ist stärker als je zuvor. Sie konnte der Öffentlichkeit zeigen, dass sie als Akteur international Gewicht besitzt. Und sie konnte ein Abkommen durchsetzen, das nur mit militärischem und politischem Druck auf Israel zustande kommen konnte und in erster Linie die Interessen der Palästinenser stützt.

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Das durch Ägypten vermittelte Abkommen sieht die Öffnung der Grenzübergänge zum Gazastreifen vor. Dies wird nun als Aufhebung der israelischen Gaza-Blockade präsentiert. Israel steht daher bei einigen als Verlierer da.

Die Gründe für Netanjahus Einlenken

Was hat Netanjahu von der geplanten Bodenoffensive abgehalten? In seiner Rede an die israelische Öffentlichkeit sprach er am Dienstag von der "Komplexität der Verhältnisse im Nahen Osten". Diese sind heute tatsächlich anders als noch zu Zeiten der Operation Gegossenes Blei: Die israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen von 2008/2009 hatten das Mubarak-Regime und andere arabische Länder noch zähneknirschend geduldet.

In den vergangenen Tagen haben Ägyptens Präsident Mohammed Mursi und der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan jedoch deutlich gemacht, dass sie die Angriffe dieses Mal nicht einfach dulden werden.

Yotam Feldman

ist israelischer Autor und Filmemacher, er hat als Investigativ-Journalist für die Zeitung Haaretz gearbeitet. Sein Dokumentarfilm "The Lab" über die israelische Waffenindustrie erscheint in den kommenden Monaten.
 

Netanjahu weiß auch, dass eine Bodenoffensive heikel ist. Die Folgen lassen sich nicht so einfach absehen wie Angriffe aus der Luft. Auch darf sich die Entführung eines israelische Soldaten wie im Fall Gilad Schalit nicht wiederholen. Ein vergleichbarer Fall würde in der Öffentlichkeit Entsetzen auslösen.

In Israel wird am 22. Januar gewählt. Der Einsatz des Militärs wird im Wahlkampf eine Rolle spielen. Die jüngsten Manöver wurden auch von Seiten der Opposition toleriert. In der Likud-Partei heißt es gar, Netanjahu habe den Einsatz zu früh beendet.

Netanjahu könnte jedoch noch etwas anderes im Sinn haben. Er könnte Politik und Bevölkerung mit dem Gaza-Einsatz und der Ankündigung, viele Reservisten zu mobilisieren, eingestimmt haben auf ein noch größeres und gefährlicheres Abenteuer: den Angriff Israels auf den Iran.

Aus dem Englischen übersetzt von Sybille Klormann.

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Leserkommentare
    • Edda2
    • 23. November 2012 9:55 Uhr

    Einer der von Ihnen so benannten "Israelbasher" hat, wie der Film informiert, ein Buch geschrieben: Titel - Die Zionisten sind die gefährlichsten Feinde der Juden.
    Interessanter Gedanke, finde ich. Dass Sie das als "gähnende Leere" zu diffamieren versuchen - hmmm - ist auch klar.

    Antwort auf "Oh nein"
  1. dann greifen sie alleine den Iran an. Aber davon kann kein Mensch ausgehen, es wäre absurd. Selbst mit Hilfe der Streitkäfte der USA wäre es ein kaum zu übersehendes Risiko, Luftangriffe gegen den Iran zu fliegen. Denn die Jungs haben nicht geschlafen, sie sind mit hochmodernen Abwehrsystemen ausgerüstet. Zudem wären die Russen und die Chinesen sehr ungehalten bis zornig, würde die USA - Israel Allianz angreifen! Das kann Bibi getrost vergessen - Israel wird in absehbarer Zeit einem Gleichgewicht des Schreckens gegüberstehen! Die einzige Lösung, und damit ein Weg zum Frieden ist ein Zweistaatensystem, Aufgabe der Siedlungen im Westjordanland und die dann mögliche Abrüstung der Israelitischen Streitkräfte.

    • pabory
    • 23. November 2012 10:04 Uhr

    "Netanjahu könnte jedoch noch etwas anderes im Sinn haben. Er könnte Politik und Bevölkerung mit dem Gaza-Einsatz und der Ankündigung, viele Reservisten zu mobilisieren, eingestimmt haben auf ein noch größeres und gefährlicheres Abenteuer: den Angriff Israels auf den Iran."

    Mr Y. Feldmann you are so filled with hatred against Israel that even in the face of facts that Israel has conceded peace you continue to portray the nation Israel as "possibly" contemplating another "big and dangerous adventure: Israel attacking Iran". What a folly.

    You hide behind the falacy of loving and seeking the human rights and welfare of the Palestinians and continiously in ALL your articles propagate your redline anti-semetic attitudes.
    History repeats itself "they are exploiting you, I am come to provide jobs and economic growth for you and our bloved nation and race". We all know the outcome that ended in 1945!

    • Edda2
    • 23. November 2012 10:27 Uhr

    "Geschichtslos? Sie nennen (Sie wagen es?) einen Deutschen geschichtslos, der deshalb an der Seite Israels steht, weil vor 70 Jahre das eigenen Land Juden millionenfach umgebracht hat?
    Denjenigen fragen Sie, ob er etwas aus der deutschen Geschichte gelernt hat?"
    Mein lieber Freund und Kupferstecher!
    Die Lehre aus dieser "Geschichte" ist doch wohl als aller erstes, nie wieder ein Volk zu diskriminieren, demütigen, unterdrücken, vertreiben, einzusperren, zu bestehlen und schlimmeres. Wie wagen Sie es, zu verlangen, man solle einer Regierung bei genau diesen Untaten helfen?

  2. Antwort auf "Wann und wo?"
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    • fse69
    • 23. November 2012 10:58 Uhr

    ... aber selbst Ihnen dürfte es schwer fallen, eine Ankündigung, künftig zivile Hilfsschiffe ggf. militärisch eskortieren zu lassen, als militärische Drohung gegenüber Israel umzudeuten. Also nochmals: wann und wo soll die Türkei gegenüber Israel militärisch gedroht haben?

    • peaces
    • 23. November 2012 10:46 Uhr

    Jedes Land der Welt hat das Recht auf Selbstverteidigung, auch Israel, dabei sollte man dann aber auch die Verhältnismäßigkeit beachten: Für 2-3 Raketen, die die Palästinenser abfeuern und irgendwo im israelischen Acker explodieren oder schlimmstenfalls ein Auto treffen, werden auf der anderen Seite gleich ganze Häuserblöcke in Schutt und Asche gelegt, wobei dann in der Regel auch zig Zivilisten a...
    uf palästinensicher Seite sterben. Ist das etwa gerecht? [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf rein spekulative Behauptungen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jp

    • fse69
    • 23. November 2012 10:58 Uhr

    ... aber selbst Ihnen dürfte es schwer fallen, eine Ankündigung, künftig zivile Hilfsschiffe ggf. militärisch eskortieren zu lassen, als militärische Drohung gegenüber Israel umzudeuten. Also nochmals: wann und wo soll die Türkei gegenüber Israel militärisch gedroht haben?

    Antwort auf "zum Beispiel hier?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn Erdogan damit droht, "zivile Hilfsschiffe", die die legitime israelische Seeblockade durchbrechen wollen, ggf. militärisch eskortieren zu lassen, dann ist das ganz sicher eine militärische Drohung! Wenn die Türkei damit droht, das zypriotische und israelische Engagement im östlichen Mittelmeer mit Kriegsschiffen zu unterbinden, dann ist das ebenfalls eine Drohung. http://www.welt.de/politi...

    Die Türkei ist momentan in der Region der Kriegstreiber Nr. 1: Eskalation in Syrien, Hassrhetorik und Drohungen gegen Israel, Bedrohung des EU-Mitglieds (!) Zypern, Wiederholt völkerrechtswidrige Einmärsche im Irak bei ihrem Vernichtungskrieg gegen die PKK.

    Link entfernt. Bitte beachten Sie, dass wir auf dieses Video nicht verlinken möchten. Danke, die Redaktion/au.

    "Die Türkei verschärft ihre aggressive Rhetorik gegen Israel. "Israel kann im östlichen Mittelmeerraum nicht machen, was es will", sagte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Donnerstag bei einem Besuch in Tunis. Türkische Kriegsschiffe könnten jederzeit vor Ort sein. "Israel wird unsere Entscheidungen zu diesem Thema erkennen", sagte er."

    http://derstandard.at/131...

    "Der Streit über die Gaza-Hilfsflotte verschärft sich. Künftig sollen Kriegsschiffe der Türkei die Lieferungen eskortieren, kündigt Ministerpräsident Erdogan an, und riskiert damit eine weitere Eskalation. "
    http://www.spiegel.de/pol...

    "Türkei droht offen mit Krieg:
    Seine naechste Ankuendigung war potentiell sogar noch ernsthafter und offen kriegerischer, denn dazu braucht es keinen besonderen Anlass (weitere Gasaterrorflotte), sondern ist eine generelle Inanspruchnahme aller Bodenschaetze selbst in direkter israelischer Kuestennaehe:

    Die Tuerkei werde Massnahmen ergreifen, “Israel daran zu hindern, einseitig Rohstoffe im oestlichen Mittelmeer auszubeuten.”"
    http://www.haolam.de/?sit...
    Erdogan wirft sich damit auch direkt hinter die Forderungen der Hisb’Allah im Libanon, die von sich bereits offen mit Krieg in Sachen Gasreserven drohte.

    • inuu
    • 23. November 2012 11:14 Uhr

    "BILD erklärt den Gaza-Streifen
    …und fragt: Warum pumpen wir Millionen in dieses Terror-Nest?" (http://www.bild.de/politi...)

    Was für eine tolle 'Volksaufklärung' durch Bild. Was für ein einseitiger, oberflächlicher Text. (http://www.bild.de/politi...)
    Ist Deutschland wirklich so blöd und schluckt solche Art von Journalismus? Glaub ich nicht.

    Ja, warum pumpen wir Millionen in dieses 'Terrornest*??? Weil die Palästinenser wegen der jüdischen Restriktionen und täglichen Schikanen überhaupt keine Chance haben, sich ihr Essen zu verdienen!! Weil fast ihre gesamte Infrastruktur von Israel kaputt gebombt worden ist und das Gewissen der Welt einfach dafür sorgen MUSS, dass Krankenhäuser, Schulen, Polizeistationen usw. dort mindestens halbwegs funktionieren.
    Wie kommt es aber, dass alle (auch wir Deutschen ) immer brav bezahlen, statt mal an Israel, den wahren Verursacher dieses ganzen Elends heranzutreten, damit es mindestens für die materiellen Schäden aufkommt, die es so locker flockig anrichtet. Israel werden doch ständig Milliardenbeträge von USA geschenkt. Sollen sie einen Teil davon mal für den Wiederaufbau im Gaza und als Wiedergutmachung für die Palästinensern benutzen.

    Der Kommentar wurde wiederhergestellt. Die Redaktion/sh

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Benjamin Netanjahu | Israel | Hamas | Militär | Mohammed Mursi | Abenteuer
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