Raketenangriffe in Tel Aviv Alarmsirene plus 90 Sekunden

Die Jüngeren von Tel Aviv erleben ihre ersten Raketenangriffe. Plötzlich ist die unsichtbare Mauer weg, die die Stadt immer dem Nahost-Konflikt entzog. Von G.Dachs

Im Alarmfall bleiben den Einwohnern Tel Avivs 90 Sekunden, um Schutz zu suchen. Entweder in einem Treppenhaus ohne Fenster, im Bunker oder notfalls nur auf dem Boden liegend mit den Armen über dem Kopf. Seit dem Golfkrieg 1991 hatte man solche Sirenen nicht mehr gehört. Außer in den Fernsehberichten über die Raketenangriffe im Süden des Landes. Aber für die Tel Aviver war das immer irgendwie weit weg gewesen. Die harsche Realität dort, oft nur vierzig, fünfzig Kilometer von hier, schien Lichtjahre entfernt. Es gab immer eine Art unsichtbare Grenze, die Tel Aviv zu schützen schien. Bis vor zwei Tagen.  

Die erste Sirene am Donnerstagabend versetzte die vier Mütter, die sich um diese Zeit noch auf dem Hof der Tel Nordau Schule befanden, deshalb in Schock. "Wir wurden alle blass und wussten erst gar nicht wohin", erzählt Libi Drori, 39. Weil der Bunker da noch nicht offen war, entschieden sie sich fürs Zusammenkauern auf einer tiefergelegenen Treppe. "Wir umarmten die Kleinen ganz fest und versuchten sie hektisch zu beruhigen, was die Sache vermutlich nur noch verschlimmert hat."

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Als am Tag darauf wieder Alarm ausbrach, war sie im Dizengoff-Einkaufstentrum. Erst wusste sie gar  nicht, was los war, weil man drinnen die Sirene nicht hören konnte, sie sah nur nach draußen strömende Menschen hysterisch reagieren. "Da waren junge Leute, die so etwas gar nicht mehr aus eigener Erinnerung kennen und die weinten, aber es gab auch Ältere, die in Panik ausbrachen, als man sie nicht durch den Ausgang gehen lassen wollte," erzählt Drori. Am heutigen Schabbat will sie mit ihrer 7-jährigen Tochter jetzt auf jeden Fall zu Hause sein.

Auf einmal fällt ihr – und den anderen Kindern ihrer Klasse – das Einschlafen schwer. Die Kinder wollen wissen, ob und wann es wieder eine Sirene geben wird. Sie fragen, ob sie jetzt immer so weiterleben müssten, sorgen sich, dass sie nachts nicht aufwachen, wenn die Sirene ertönt. Sie wollen plötzlich bei den Eltern schlafen. Was ist, erkundigen sie sich, wenn sie gerade in der Badewanne sitzen, schaffen sie es dann noch bis ins Treppenhaus zwei Stockwerke tiefer? Macht die Hamas nachts oder am Wochenende manchmal Pause? 

Die Tel Aviver Mütter versuchen seither, Haltung zu bewahren – und identifizieren sich mit den israelischen Frauen im Süden. Dort hat man nur 15 Sekunden Zeit, um in Deckung zu gehen. Auf einmal klingt der lapidare Satz, den man in den Nachrichten Hunderte von Malen gehört hat, ganz anders: "Eine Rakete schlug in der Nähe von Sderot ein, es gab weder Schaden noch Verletzte." Von den psychologischen Folgen hat man zwar oft gehört, aber jetzt kann man sich eine genauere Vorstellung machen.

Als während des Golfkriegs vor mehr als zwanzig Jahren die letzten Raketen in Tel Aviv einschlugen, hatten sich die Menschen vor irakischen Angriffen mit chemischen Waffen gefürchtet. Sie saßen mit Gasmasken in versiegelten Räumen und harrten wochenlang ihres Schicksals. Manche setzten sich irgendwann darüber hinweg, andere verließen fluchtartig die Stadt. Über diese besondere Atmosphäre in Tel Aviv, wo nach allgemeiner Auffassung Privilegierte, Künstler, Linksintellektuelle und Kriegsdienstverweigerer lebten, wurden später Filme gedreht. In den letzten Jahren klagten die Menschen im Süden oft, dass man in Israel erst wirklich von ihrem Schicksal Notiz nehmen würde, wenn auch die Tel Aviver betroffen sein würden.

Ofer Waldman, Vater einer kleinen Tochter und eines noch ungeborenen Kindes, kann mit dieser neuen Situation gar nicht umgehen. Gleich nach der ersten Sirene nimmt der Musiker, der eine Zeit lang auch in Deutschland gearbeitet hat, seine kleine Familie ins Auto und fährt in den Norden des Landes, nach Galiläa, zu den Schwiegerelten. "Wir fliehen", schreibt er später in seinem Blog an deutsche Freunde, und hat dabei aber auch ein schlechtes Gewissen. Denn "was die Menschen im Süden Israels durchmachen ohne zu fliehen – das ist wahrer Mut. Und die in Gaza können ja gar nicht fliehen."

Als ein älterer israelischer Freund seine Zeilen missbilligt, weil er vom Davonlaufen nichts hören will, schreibt Waldman seinen deutschen Freunden wieder: "Das Wort Flucht hat auf Deutsch einen starken Beigeschmack. Es ist sowohl schwierig, weil man dem Ausland – also Euch – nicht zeigen will, wie lose unser Griff in diesem Boden ist. Und – wie soll ich es schreiben – dieser Freund gehört einer Generation an, die sich das Fliehen abgeschworen hat. Man ist genug auf Deutsch geflohen, jetzt will man auf Hebräisch seßhaft werden."  

Auch ohne Ofer Waldman geht das Leben in Tel Aviv weiter seinen Gang. Die Cafés sind offen, die Menschen gehen an den Strand. Nur gehört für all diejenigen, die hier leben, von nun an die Sirene zum Leben, auch wenn sie gar nicht ertönt. Libi Droris Tochter hat letzte Nacht ins Bett gemacht.

 
Leser-Kommentare
  1. Hunderte Raketen, die mit Absicht abgefeuert werden, um jederzeit wahllos Menschen treffen zu können, bezeichnen Sie als "Wutausbruch"?

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    ... wäre auch ihr Kommentar zu verstehen.

    Tun sie was für die Völkerverständigung. Beginnen Sie klein mit Ihrem Leseverständnis. Denn wenn Sie nicht verstehen wollen, werden auch die anderen nicht verstehen. Bis dann doch eine dumme Rakete oder eine Kugel oder ein Blechkasten auf Rädern trifft, dann ist Ihre Chance perdu.

    ... wäre auch ihr Kommentar zu verstehen.

    Tun sie was für die Völkerverständigung. Beginnen Sie klein mit Ihrem Leseverständnis. Denn wenn Sie nicht verstehen wollen, werden auch die anderen nicht verstehen. Bis dann doch eine dumme Rakete oder eine Kugel oder ein Blechkasten auf Rädern trifft, dann ist Ihre Chance perdu.

    • Atan
    • 17.11.2012 um 11:24 Uhr

    Fanatikern das ziemlich egal ist, denn der Tod von palästinensischen Kindern und Zivilisten ist perverserweise der einzige Effekt, der die arabische Empörung über Israel steigern kann und somit die sinnlosen Raketenangriffe motiviert. Nethanjahus Wahlkampf ist dier perfekte Ergänzung zu diesem zynischen Szenario, seine Wähler wollen verständerlicherweise eine Beendigung der Angriffe, und das funktioniert zuverlässig nunmal nur durch eine Bodenoffensive mit minimalen eigenen Verlusten und maximalem Schaden für Hamas - was dann nebenbei die überlebenswichtige zivile Infrastruktur in Gaza gleich miteinäschert.
    Die Menschen in Gaza könnem einem wirklich leid tun, für die eine Seite sind sie die verhassten Araber, die keine Ruhe geben wollen, für ihre eigenen Führer sind blosses Kanonenfutter, dass reichlich als "Märtyrer" an die bis auf's Blut gereizte IDF verheizt wird.

    Es herrscht ein beispielloser machtpolitischer Zynismus auf beiden Seiten, aber stoppen können die Eskalation nur diejenigen, die für die militärisch sinnlosen Beschießungen Israels verantwortlich sind.

    9 Leser-Empfehlungen
    • _bla_
    • 17.11.2012 um 11:28 Uhr

    Man sollte also nicht verharmlosen oder in Schwarz/Weiß-Malerei verfallen - es gibt nicht "die Guten" und "die Bösen".

    Sicher sollte man das nicht, es gibt auf beiden Seiten viel zu kritisieren, aber die Kritik hat doch oft eine anhand der Faktenlage kaum nachvollziehbare Schlagseite.

    Da fordert die eine Seite die Auslöschung der anderen, während die andere Seite Probleme mit einer politisch einflussreichen Minderheit hat, die sich nicht an territoriale Absprachen halten kann.
    Die eine Seite zielt bewusst auf die Zivilbevölkerung, während die andere Kollateralschäden hinnimmt.
    Das eine Land ist eine halbwegs funktionierende Demokratie, während das andere Land von einer Regierung beherrscht wird, die sich dringend von der Zivilbevölkerung benötigten Hilfsgüter unter den Nagel reist.

    Eigentlich sollte man da meinen, es wäre ziemlich eindeutig welche Seite das hellere Grau hat, seltsamerweise fällt das Urteil vieler Mitbürger eher komplett anders rum aus. Die Taten und Motivation der einen Seite wird ignoriert und die andere Seite ist angeblich schlimmer als Nordkorea.

    14 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Alles richtig,"
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    Beide Seiten haben oft genug gezeigt, dass zumindest die politischen Führer oder machtinnehabenden Parteien nicht an einer Lösung der Konflikte auf Basis eines Kompromisses interessiert sind.

    Israel ist unseren Ländern nach Regierungsform und Lebensstandard zwar näher als der Gaza-Streifen. Israel sorgt aber auch selber mittels Abschottung der im Gaza-Streifen lebenden Menschen dafür, dass dieser Zustand aufrecht erhalten wird. Denn wer den ganzen Tag mit Nahrungsbeschaffung beschäftigt ist, kann sich kaum nebenbei vernünftig bilden (lassen). Und Demokratien brauchen mündige, gebildete Bürger. Ausreichend Schulen fehlen etc.

    Wo genau Sie in Israel da den "helleren Grauton" entdecken, kann ich nicht nachvollziehen.

    Frei nach Spiderman: "Aus großer Kraft erwächst große Verantwortung."

    Terror und Angriffe gegen die Zivilbevölkerung sind absolut inakzeptabel. Aber Israel als deutlich stärkere Partei nutzt die eigenen Möglichkeiten beruhigend auf den Konflikt einzuwirken genauso wenig - Stichwort zB. Siedlungspolitik. Die Führungen BEIDER Länder sind vollkommen unverantwortlich, opfern den Frieden ihrer Völker der eigenen Machterhaltung.

    Beide Seiten haben oft genug gezeigt, dass zumindest die politischen Führer oder machtinnehabenden Parteien nicht an einer Lösung der Konflikte auf Basis eines Kompromisses interessiert sind.

    Israel ist unseren Ländern nach Regierungsform und Lebensstandard zwar näher als der Gaza-Streifen. Israel sorgt aber auch selber mittels Abschottung der im Gaza-Streifen lebenden Menschen dafür, dass dieser Zustand aufrecht erhalten wird. Denn wer den ganzen Tag mit Nahrungsbeschaffung beschäftigt ist, kann sich kaum nebenbei vernünftig bilden (lassen). Und Demokratien brauchen mündige, gebildete Bürger. Ausreichend Schulen fehlen etc.

    Wo genau Sie in Israel da den "helleren Grauton" entdecken, kann ich nicht nachvollziehen.

    Frei nach Spiderman: "Aus großer Kraft erwächst große Verantwortung."

    Terror und Angriffe gegen die Zivilbevölkerung sind absolut inakzeptabel. Aber Israel als deutlich stärkere Partei nutzt die eigenen Möglichkeiten beruhigend auf den Konflikt einzuwirken genauso wenig - Stichwort zB. Siedlungspolitik. Die Führungen BEIDER Länder sind vollkommen unverantwortlich, opfern den Frieden ihrer Völker der eigenen Machterhaltung.

  2. Die Strategien der Gegner gleichen sich leider sehr. Jegliche Strategie auf beiden Seiten ist der Vermeidung von Kompromissen geschuldet.
    Wenn man nicht jeden Vorwand zum Anlass nähme, Verhandlungen zu vertagen oder gleich zur Gegengewalt zu greifen, wäre schon längst ein wesentlich ruhigeres Fahrwasser erreicht. Deshalb können Radikale auf beiden Seiten immer wieder verhindern, dass sich irgendwann mal eine friedliche Lösung erreichen liesse.
    In diesem Konflikt gibts schon lange kein Gut und Böse mehr, sondern nur noch Opfer, wobei der Hamas das eigene Gewissen wahrscheinlich genauso egal ist wie den israelischen Hardlinern. Die Opferrollen sind schon seit langem eher asymmetrisch verteilt, gestorben wird vor allem auf der palästinensischen Seite.
    Das eigentliche Problem ist, dass für einen Frieden beide Seiten etwas aufgeben bzw. "bezahlen" müssten. Weil niemand bereit ist, der eigenen Anhängerschaft diese unbequeme Wahrheit beizubringen und auch niemand Unbequemes hören oder gar akzeptiern möchte, können die Hardliner ihre Anhängerschaft mit schönen Versprechungen halten.
    Dieser Konflikt wird uns noch lange hässliche Nachrichten liefern, mangels Einsicht und vor allem mangels guten Willens auf BEIDEN Seiten.

    4 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "@1 :"
  3. so lange die Israelis mit Palästinensern so umgehen (Schindereien bei den Kontrollpunkten), Kollateralschäden billigens in Kauf nehmen und solche Leute wie Netanjahu ins Parlament wählen (die eine rechte Gesinnung haben), so lange wird sich auch in Gaza jemand finden, der in die Hände von Hamas rennt.

    Aber diese Sicht wollen Sie auch nicht sehen.

    Wie die Hamas, so auch das rechte Gesocks der israelischen Regierung, versuchen durch Konflikte ihre Partei zu stärken. Beide sind Täter.

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    Antwort auf "Kausalitäten"
    • modrow
    • 17.11.2012 um 11:37 Uhr

    Dass nur über die "armen" Israelis berichtet wird.
    Auch manche Kommentare hier sind unmöglich. "Die israelische Armee bombardiert natürlich nur militärische Einrichtungen, wobei aus Versehen auch mal ein paar Zivilisten mit draufgehen". Hallo? Ist das Regierungsgebäude eine militärische Einrichtung? Nein!! Bombardiert wurde es trotzdem! Und man vergleiche mal bitte die Zahl der Todesopfer beider Seiten....
    Es ist klar was da läuft. Und die Palis haben keine Chance. Denn sie haben nur Ihre Raketen!!!!

    PS: Der Artikel wimmelt nur so vor Rechtschreibfehlern....

    3 Leser-Empfehlungen
  4. Ein feinsinniger Artikel, der den psychologischen Aspekt gut beleuchtet ohne allzu pathetisch auf die Tränendrüse zu drücken.
    Es ist beeindruckend, wie es Israel unter diesen Umständen gelingt, sein offenes Gesellschaftsmodell zu erhalten anstatt die Liberalität vollends der Angst zu opfern.

    2 Leser-Empfehlungen
  5. ... wäre auch ihr Kommentar zu verstehen.

    Tun sie was für die Völkerverständigung. Beginnen Sie klein mit Ihrem Leseverständnis. Denn wenn Sie nicht verstehen wollen, werden auch die anderen nicht verstehen. Bis dann doch eine dumme Rakete oder eine Kugel oder ein Blechkasten auf Rädern trifft, dann ist Ihre Chance perdu.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Begrifflichkeiten"

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