GomaKongos Armee zerstört sich selbst

Das kongolesische Militär integriert ehemalige Rebellen, damit sie aufhören zu kämpfen. Genau das könnte die Ursache für den Angriff auf Goma sein, analysiert A. Böhm. von 

Wie es weitergeht, weiß im Moment niemand im Kongo . Unbekannt ist die Zahl der Toten und Zehntausende sind geflohen, seit am Dienstag die Rebellen der von Ruanda und Uganda unterstützten Bewegung M23 Goma eingenommen haben, die Provinzhauptstadt von Nord-Kivu. In den Stunden zuvor war die Stadt unter heftigen Beschuss geraten. Die UN evakuiert jetzt ihr gesamtes Personal, dabei kontrollierten die Blauhelme bis zuletzt noch den Flughafen.

Die Sicherheitsleute  der Vereinten Nationen greifen nun nicht mehr in das Kampfgeschehen ein, wobei ohnehin nur noch eine Seite kämpfte: die Rebellen. Die geschlagenen kongolesischen Armee-Einheiten haben den ungeordneten Rückzug eingeleitet – offenbar Richtung Beni und Bukavu, wo man sie auch nicht haben möchte. Die International Crisis Group warnt eindringlich vor einem neuen regionalen Konflikt , UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bat Ruandas Präsident Paul Kagame telefonisch, mäßigend auf M23 einzuwirken. Es war ein Bettelanruf von New York nach Kigali .

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Die kongolesische Armee zerstört sich selbst

Was sind die Ursachen dieses Desasters? Ersparen wir uns den verwirrenden Stammbaum kongolesischer Rebellengruppen und ihre Verbindungen zu den Nachbarländern des Kongo. Reden wir stattdessen über die kongolesische Armee. Über deren anhaltend katastrophalen Zustand wird nach dem Fall von Goma wieder viel geschrieben werden. Aber das ist nicht der Punkt. Das zentrale Problem dieser Armee besteht darin, dass sie seit dem offiziellen Kriegsende 2002/2003 als gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ehemalige Rebellen benutzt worden ist. Integration, Integration, Integration – das war die Losung. Und irgendwann wurde daraus Desintegration.

Die schwedische Konfliktforscherin und Kongo-Expertin Maria Eriksson Baaz hat das unlängst zusammen mit ihrer Kollegin Judith Verwejien dargelegt: Eine Regierung, die immer auf's Neue Rebellengruppen in die Armee eingliedert und deren Anführer mit hohen Offiziersposten ködert, schafft keine Deeskalation oder gar Frieden, sondern ein Geschäftsmodell.

Wer Amok läuft oder plündert, geht straflos aus

Genau diese Strategie hat Kinshasa über die vergangenen Jahre immer wieder angewandt. Es mag als Bestandteil eines grundlegenden Friedensabkommens noch Sinn machen, ehemaligen Feinden die gleiche Uniform anzuziehen und sie dann mühsam in eine halbwegs professionelle Armee umzutrainieren. Im Kongo aber fehlten und fehlen für diesen Ansatz zu viele Voraussetzungen: Eine regelmäßige Bezahlung der Soldaten ist bis heute nicht gewährleistet (obwohl der Sold inzwischen per Handy und nicht mehr über korrupte Vorgesetzte überwiesen werden soll). Es gibt kein "screening", um jene Anwärter auszusortieren, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Es gibt keine funktionierende Militärgerichtsbarkeit, die Straftaten von Armeeangehörigen ahndet. 

Leserkommentare
    • puter
    • 21. November 2012 19:40 Uhr

    Die kongolesische Armee ist eine völlig undisziplinierte, schlecht ausgebildete Truppe mit einer unfähigen, zu großen Teilen korrupten Führung.
    Ihre Soldaten haben einen miserablen Bildungsstand, so gut wie keine Kampfmoral, sind in der Mehrheit ein gruseliger Haufen von Strauchdieben, der zu schlimmen Greueltaten fähig und in keiner Weise mit europäischen Streitkräften zu vergleichen ist.
    Dieser marode Haufen ist weder willens noch fähig, die äußere und innere Sicherheit des Kongo sicherzustellen.
    Die Eingliederung der Rebellen, die am desolaten Zustand des Landes genauso Schuld tragen wie die unfähige Kabila-Regierung, wird die Lage nur noch verschlimmern, leider:

  1. ... Blog-Seite der Parkranger des Virunga-Nationalparks hat ein paar Fotos aus Goma gepostet:

    http://gorillacd.org/blog/

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Bildunterschrift ist falsch.
    Das ist keine Munition, das sind nur leer Hülsen.

    4" - 5" Granatendürten das sein.
    Warscheinlich aus einem BMP.

  2. Die Bildunterschrift ist falsch.
    Das ist keine Munition, das sind nur leer Hülsen.

    4" - 5" Granatendürten das sein.
    Warscheinlich aus einem BMP.

    Antwort auf "Die ..."
    • Plupps
    • 24. November 2012 23:57 Uhr

    Formal scheint der Artikel etwas sehr überverkauft, Frau Böhm gibt hier doch im Wesentlichen die Thesen der beiden Forscherin wieder? Also so eine Art "Review mit aktuellem Teaser" - beim besten Willen konnte ich nicht den Standpunkt der Autorin erkennen, an dem die Thesen gebrochen wurden.

    Auch schien es mir, als würde nirgends eigene Erkenntnisse der Autor im Krisengebiet durchscheinen. Bitte nicht so bescheiden: Wo Expertise da ist, sollte man sie auch erkennen lassen!
    Sollet aber im Wesentlichen das Abstract der Untersuchung übersetzt worden sein, nun ja, dann sollte man doch etwas bescheidener auftreten - es ist ja keine Schande, wenn eine Online-Redaktion niemand hat, der sich in der Ecke auskennt

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    "Es wird integriert ohne zu disziplinieren. ... Und wer mit den Befehlsstrukturen oder Profitmargen innerhalb des Militärs unzufrieden ist, der meutert eben wieder. Vor allem darum ging es General Bosco Ntaganda und seiner M23."
    Das klingt so als wären die Rebellen eine Piratenhorde. Ganz im Gegenteil ist es sogar so das die Vorgängerorganisation der M23 unter Nkunda wesentlich disziplinierter und erfolgreicher war als die Regierungsarmee. Wenn sie nur weiter hätten profitieren wollen wie kleine Gauner, hätten sie stillgehalten und weiter kassiert. Da sie aber als Teil des Systems Einsicht darin hatten wie marode und schwächlich es wirklich ist, ist es durchaus nachvollziehbar dass Ntaganda und seine Vertrauten die Möglichkeit beim Schopfe gepackt haben, durch ihre bereits vorhandene überlegene Organisation und Disziplin in der Hierarchie des Kongos aufzusteigen und als Präsident und seine Clique den maximalen Profit einzustreichen.

  3. "Es wird integriert ohne zu disziplinieren. ... Und wer mit den Befehlsstrukturen oder Profitmargen innerhalb des Militärs unzufrieden ist, der meutert eben wieder. Vor allem darum ging es General Bosco Ntaganda und seiner M23."
    Das klingt so als wären die Rebellen eine Piratenhorde. Ganz im Gegenteil ist es sogar so das die Vorgängerorganisation der M23 unter Nkunda wesentlich disziplinierter und erfolgreicher war als die Regierungsarmee. Wenn sie nur weiter hätten profitieren wollen wie kleine Gauner, hätten sie stillgehalten und weiter kassiert. Da sie aber als Teil des Systems Einsicht darin hatten wie marode und schwächlich es wirklich ist, ist es durchaus nachvollziehbar dass Ntaganda und seine Vertrauten die Möglichkeit beim Schopfe gepackt haben, durch ihre bereits vorhandene überlegene Organisation und Disziplin in der Hierarchie des Kongos aufzusteigen und als Präsident und seine Clique den maximalen Profit einzustreichen.

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