Lei Zhengfu hatte noch versucht, den kompromittierenden Film als Fake abzutun, doch es half nichts: Vor ein paar Tagen verlor er schließlich doch seinen Kaderposten. Bis dahin war er Parteisekretär des Beibei-Distriktes in der prosperierenden Metropole Chongqing gewesen, jener 30-Millionen-Einwohner-Stadt, in der sich mit dem geschassten Top-Politiker Bo Xilai und dessen Frau einer der größten Skandale der KP Chinas um Mord, Machtmissbrauch und viel Geld ereignete.

Was also war geschehen? Nur wenige Tage zuvor, am 20. November, hatte der Journalist Zhu Ruifeng aus Peking auf seiner Hongkonger Website Screenshots eines Sexfilmchens veröffentlicht. Fünf Jahre sind die Aufnahmen alt, sie zeigen einen rund fünfzigjährigen, sehr unattraktiven Mann – nämlich Lei Zhengfu – beim Sex mit einer jungen Frau. Diese sei, sagt Zhu, der sich mit Korruptionsfällen beschäftigt, von einem Geschäftsmann aus der Chongqinger Bauwirtschaft angeheuert worden, um Lei Zhengfu erpressbar zu machen.

Das alles sei vor dem Hintergrund geschehen, dass Lei in seiner Zeit als Parteisekretär des Dianjiang-Distriktes im Nordosten von Chongqing zwischen 2002 und 2006 kommunale Bauaufträge an Familienmitglieder vergeben und damit ein Vermögen angehäuft haben soll, heißt es bei Zhu. Der Geschäftsmann fühlte sich hintergangen und wollte Lei daher mit Sexaufnahmen erpressen. Der beschwerte sich jedoch bei einem leitenden Beamten Chongqings über die Affäre; und ausgerechnet Polizeichef Wang Lijun, der den Bo Xilai-Fall um den ermordeten Briten Heywood öffentlich gemacht hatte und dabei selbst im Gefängnis gelandet war, brachte den Geschäftsmann für ein Jahr hinter Gitter und die junge Frau für einen Monat – alles ausführlich aufgeschrieben von der chinesischen Tageszeitung Shanghai Daily .

Parteidisziplin und "sexuelles Fehlverhalten"

Doch für Lei Zhengfu war die Affäre keineswegs ausgestanden. Denn nun verbreiteten sich die Screenshots des Sex-Videos über chinesische Socialmedia-Angebote wie Sina Weibo, ohne dass die stets aufmerksamen Zensoren eingriffen. 420 Millionen User haben Chinas Microblogging-Dienste inzwischen, nur wenigen Chinesen dürfte daher das Konterfei Lei Zhengfus heute noch unbekannt sein. Zhu Ruifeng berichtete außerdem, er habe von weiteren fünf Top-Kadern Chongqings kompromittierenden Filme, die ihm von einem Polizeioffizier der Stadt zugesteckt worden sein.

Der Hinweis auf ein außereheliches Sexleben wird bei internen Disziplinarverfahren in Chinas KP gern als Argument gegen den Angeklagten verwendet, die Partei gibt sich nach außen puritanisch. Auch von Bo Xilai hieß es neben all den anderen Vorwürfen, er habe "unangemessene sexuelle Beziehungen mit zahlreichen Frauen" gehabt; im Mega-Korruptionsfall um Ex-Eisenbahnminister Liu Zhijun gibt es Vorwürfe nicht nur wegen Bestechung, sondern es geht auch um "sexuelles Fehlverhalten".

Der Fall Lei Zhengfus ist nicht der erste, in dem ein führender Kader durch Publikationen in Chinas Microblogs zu Fall kommt. Eine besonders unrühmliche Bekanntheit erlangte beispielsweise Yang Dacai, Ex-Sicherheitschef der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Er verlor seinen Posten, nachdem emsige Microblogger Fotos von ihm im Internet fanden und zusammenstellten , auf denen er verschiedene Luxusuhren trägt, die er sich mit seinem Kadergehalt unmöglich leisten konnte. Derart unter Druck geraten, verteidigte er sich immerhin in einem Chat auf Sina-Weibo, doch das half ihm nichts, denn wenig später tauchten Fotos von ihm mit weiteren Edel-Chronometern auf. Uhren-Bruder ist seither sein Online-Spitzname.