ChinaMit Sexfilmen gegen die Korruption

Ob edle Uhren, Immobilien oder Affären: Chinas Internet-User entlarven korrupte Politiker. Bis zu bestimmten Grenzen gefällt das auch der Parteiführung. von 

Lei Zhengfu hatte noch versucht, den kompromittierenden Film als Fake abzutun, doch es half nichts: Vor ein paar Tagen verlor er schließlich doch seinen Kaderposten. Bis dahin war er Parteisekretär des Beibei-Distriktes in der prosperierenden Metropole Chongqing gewesen, jener 30-Millionen-Einwohner-Stadt, in der sich mit dem geschassten Top-Politiker Bo Xilai und dessen Frau einer der größten Skandale der KP Chinas um Mord, Machtmissbrauch und viel Geld ereignete.

Steffen Richter
Steffen Richter

Steffen Richter ist Redakteur im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Was also war geschehen? Nur wenige Tage zuvor, am 20. November, hatte der Journalist Zhu Ruifeng aus Peking auf seiner Hongkonger Website Screenshots eines Sexfilmchens veröffentlicht. Fünf Jahre sind die Aufnahmen alt, sie zeigen einen rund fünfzigjährigen, sehr unattraktiven Mann – nämlich Lei Zhengfu – beim Sex mit einer jungen Frau. Diese sei, sagt Zhu, der sich mit Korruptionsfällen beschäftigt, von einem Geschäftsmann aus der Chongqinger Bauwirtschaft angeheuert worden, um Lei Zhengfu erpressbar zu machen.

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Das alles sei vor dem Hintergrund geschehen, dass Lei in seiner Zeit als Parteisekretär des Dianjiang-Distriktes im Nordosten von Chongqing zwischen 2002 und 2006 kommunale Bauaufträge an Familienmitglieder vergeben und damit ein Vermögen angehäuft haben soll, heißt es bei Zhu. Der Geschäftsmann fühlte sich hintergangen und wollte Lei daher mit Sexaufnahmen erpressen. Der beschwerte sich jedoch bei einem leitenden Beamten Chongqings über die Affäre; und ausgerechnet Polizeichef Wang Lijun, der den Bo Xilai-Fall um den ermordeten Briten Heywood öffentlich gemacht hatte und dabei selbst im Gefängnis gelandet war, brachte den Geschäftsmann für ein Jahr hinter Gitter und die junge Frau für einen Monat – alles ausführlich aufgeschrieben von der chinesischen Tageszeitung Shanghai Daily .

Parteidisziplin und "sexuelles Fehlverhalten"

Doch für Lei Zhengfu war die Affäre keineswegs ausgestanden. Denn nun verbreiteten sich die Screenshots des Sex-Videos über chinesische Socialmedia-Angebote wie Sina Weibo, ohne dass die stets aufmerksamen Zensoren eingriffen. 420 Millionen User haben Chinas Microblogging-Dienste inzwischen, nur wenigen Chinesen dürfte daher das Konterfei Lei Zhengfus heute noch unbekannt sein. Zhu Ruifeng berichtete außerdem, er habe von weiteren fünf Top-Kadern Chongqings kompromittierenden Filme, die ihm von einem Polizeioffizier der Stadt zugesteckt worden sein.

Der Hinweis auf ein außereheliches Sexleben wird bei internen Disziplinarverfahren in Chinas KP gern als Argument gegen den Angeklagten verwendet, die Partei gibt sich nach außen puritanisch. Auch von Bo Xilai hieß es neben all den anderen Vorwürfen, er habe "unangemessene sexuelle Beziehungen mit zahlreichen Frauen" gehabt; im Mega-Korruptionsfall um Ex-Eisenbahnminister Liu Zhijun gibt es Vorwürfe nicht nur wegen Bestechung, sondern es geht auch um "sexuelles Fehlverhalten".

Der Fall Lei Zhengfus ist nicht der erste, in dem ein führender Kader durch Publikationen in Chinas Microblogs zu Fall kommt. Eine besonders unrühmliche Bekanntheit erlangte beispielsweise Yang Dacai, Ex-Sicherheitschef der nordwestlichen Provinz Shaanxi. Er verlor seinen Posten, nachdem emsige Microblogger Fotos von ihm im Internet fanden und zusammenstellten , auf denen er verschiedene Luxusuhren trägt, die er sich mit seinem Kadergehalt unmöglich leisten konnte. Derart unter Druck geraten, verteidigte er sich immerhin in einem Chat auf Sina-Weibo, doch das half ihm nichts, denn wenig später tauchten Fotos von ihm mit weiteren Edel-Chronometern auf. Uhren-Bruder ist seither sein Online-Spitzname.

Leserkommentare
  1. Wenn ich an die allgemeine Angst vor der Weltmacht China denke, freue ich mich immer wieder, über solche Artikel.
    Es zeigt, dass es Vernunft in diesem Land gibt. Dass die Gesellschaft sich weiterentwickelt und China das potential hat, ein notwendiges Gegengewicht im weltpolitschen Geränge zu werden.

    Hoffen wir, dass sich diese Entwicklung fortsetzt.

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    Wenn ich an die allgemeine Angst vor China denke, dann sehe ich aus solchen Artikeln, dass dieses Land noch sehr weit entfernt davon ist, eines Tages eine Weltmacht zu werden. Mit einer Milliarde Menschen allein ist man noch längst keine Weltmacht -- siehe Indien. Bloß mit Drohungen allein ist es nicht getan -- siehe Putin, Ahmadinedschad, Chavez und Kim Jong Un. Wie der zerstrittene KP-Kongress zeigte, wird China weit mehr mit innerer Sicherheit zu tun haben als mit Wachstum.

  2. Wenn ich an die allgemeine Angst vor China denke, dann sehe ich aus solchen Artikeln, dass dieses Land noch sehr weit entfernt davon ist, eines Tages eine Weltmacht zu werden. Mit einer Milliarde Menschen allein ist man noch längst keine Weltmacht -- siehe Indien. Bloß mit Drohungen allein ist es nicht getan -- siehe Putin, Ahmadinedschad, Chavez und Kim Jong Un. Wie der zerstrittene KP-Kongress zeigte, wird China weit mehr mit innerer Sicherheit zu tun haben als mit Wachstum.

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  3. Mag sein, dass Veröffentlichungen dieser Art bei der Korruptonsbekämpfung helfen können - aber ich bezweifle es. Korrupt sind die meisten Mächtigen, weil sie glauben, es sich leisten zu können. Lei hat sich - nach dieser Denkungsart - einfach nur dumm angestellt, oder er hatte zu einflussreiche Feinde, oder nicht genügend einflussreiche "Freunde", usw.

    Ein weiterer interessanter Punkt: die Obsession der Propagandaabteilung mit "vulgären Netzinhalten" musste offenbar in diesem Fall weit zurücktreten, um diese Bilder online zu halten. Auch wenn Kampagnen wie diese tatsächlich Schuldige treffen, sind die Verrohung und der Zynismus, die sich darin ausdrücken, kein Grund zur Freude - ebenso wenig wie die (nachvollziehbaren) Motive Derjenigen, die sie veröffentlichen und weiterverbreiten.

    Im Grunde drückt sich darin für mich eher Hoffnungslosigkeit aus als eine Chance - und in einem Land, in dem die Erinnerung an die Kulturrevolution zwar nicht unbedingt akut, aber durchaus lebendig ist, werden manche Chinesen ähnliche Gefahren darin sehen, wie sie im Artikel ausgedrückt werden. Wer einmal zum Abschuss freigegeben ist, braucht auf kein faires innerparteiliches oder gerichtliches Verfahren mehr zu hoffen.

    Übrigens: ich bin bis heute nicht davon überzeugt, dass Gu Kalai für den Tod Neil Heywoods verantwortlich ist - nicht einmal davon, dass er überhaupt ermordet wurde.

    • stubert
    • 28. November 2012 20:25 Uhr

    Diese Sexfilm ist bereits 5 Jahre alt und ist wohl bei Polziearchiv in Chongqing aufbewahrt.

    Chongqing hat jetzt aber ein neuer Parteiführer. Er muss alte Kader saubern damit er seine Leute einsetzen kann. Daher ließ er den Sexfilm absichtlich in den Handen eines "freien" Journalistes landen.

    Somit ist einersets eine wichtige Amtsposte vom Bezirkbürgermeister in Chongqing frei, anderseits hat er den schlechten Ruf vermieden, dass er gegenüber alte Funktionäre Vorbehalte hat.

    2 Leserempfehlungen
  4. es zwei mögliche Darstellungsweisen über die Affäre. Entweder man kann sich freuen, daß eine solche Zusammenarbeit zwischen *Öffentlichkeit* und den entsprechenden Institutionen stattfindet. Das zeigt doch, daß eine Art *checks & balances* stattfindet, wenn auch nicht wie in den OECD-Staaten gerne gesehen und gefördert. Dabei weist Herr Richter selber auf die Gefahr des Mißbrauchs von der Denunziation hin.
    Der Zusammenhang der folgenden Sätze erschließt sich mjir dagegen gar nicht:

    "Die auffällige Zunahme von Online-Recherchen über Korruption und Kaderwillkür und deren Publikationen in Microblogs sind in China primär Ausdruck der fehlenden Unabhängigkeit staatlicher Institutionen. Das wissen auch die führenden Politiker des Landes; es erscheinen Artikel darüber auch in offiziellen Medien wie der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua."

    Artikel in offiziellen Medien erscheinen über die fehlende Unabhängigkeit staatlicher Institutionen, über Korruption und Kaderwillkür oder über die Zunahme von Online-Recherchen darüber?
    Wie dem auch sei, zeigt sich auch hierin, daß auf verschiedenen Ebenen mit dem Thema umgegangen wird, bestenfalls damit gekämpft wird. Die Bekämpfung der Korruption steht übrigens auch im 12. Fünfjahrplan ganz oben auf der Agenda. Ebenso Bürgerbeteiligung über das Internet. Da hätte Herr Richter sich mal schlaumachen sollen.

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    "Die Bekämpfung der Korruption steht übrigens auch im 12. Fünfjahrplan ganz oben auf der Agenda."

    Die tragische Betonung liegt auf "auch".

    "Ebenso Bürgerbeteiligung über das Internet. Da hätte Herr Richter sich mal schlaumachen sollen."

    Haben Sie das mit der Bürgerbeteiligung per Internet aus einer chinesisch- oder fremdsprachlichen Publikation, Xie Zeren? Worin besteht diese Bürgerbeteiligung lt. Ihren Quellen?

  5. Die andere Sichtweise wäre übrigens genau die, welche im letzten Kommi (von stubert) beschrieben wurde, es findet eine Instrumentalisierung statt und gewisse *schlaue* Leute nutzen diese Art von Foren für sich aus.
    Wobei das eine das andere nicht auszuschließen scheint. Und was hilft dagegen (sich vereinnahmen zu lassen, auch als Journalist eines OECD-Mediums)? Recherche.

  6. "Die Bekämpfung der Korruption steht übrigens auch im 12. Fünfjahrplan ganz oben auf der Agenda."

    Die tragische Betonung liegt auf "auch".

    "Ebenso Bürgerbeteiligung über das Internet. Da hätte Herr Richter sich mal schlaumachen sollen."

    Haben Sie das mit der Bürgerbeteiligung per Internet aus einer chinesisch- oder fremdsprachlichen Publikation, Xie Zeren? Worin besteht diese Bürgerbeteiligung lt. Ihren Quellen?

    Antwort auf "In der Tat gibt"
  7. Redaktion

    Sie haben Recht, das war nicht eindeutig: Der Satz bezieht sich auf die Veröffentlichung von Artikeln über Korruption und die Zunahme von Online-Recherchen darüber. Die Korruptionsbekämpfung hoch auf die Agenda zu setzen, ist in der VR ja nichts neues, in der letzten Regierung z.B. tat es Hu Jintao mit seinem Aufruf im Juni 2006 oder Wen Jiabao im Rahmen des 10. NVK im März 2007.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte China | Bo Xilai | Korruption | Kommunistische Partei | Xi Jinping | MIT
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