Aleviten : Gleichberechtigung für Minderheiten – auch in der Türkei

Wenn türkische Muslime Anerkennung in Deutschland fordern, findet Leser B. Kacan, müssen sie auch kritisieren, dass die Türkei religiöse Minderheiten unterdrückt.

In Deutschland starten die türkisch-islamischen Verbände immer wieder Programme gegen die Diskriminierung muslimischer Mitbürger. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen, denn es entspricht dem Geist der europäischen Aufklärung. Gleichzeitig muss man aber von diesen Verbänden und vom türkischen Staat erwarten dürfen, dass sie ihr eigenes Minderheitenverständnis überdenken.

Regelmäßig demonstrieren Aleviten in der Türkei für ihre Rechte: Erst Anfang Oktober gingen in Ankara Tausende Aleviten auf die Straße und forderten gleichberechtigte Staatsbürgerschaft. Auch beim Staatsbesuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Deutschland am 31. Oktober, rief die alevitische Gemeinde dazu auf, zu demonstrieren. In Deutschland lebende Aleviten wollten auf die Minderheitenpolitik der Türkei aufmerksam machen. Sie verlangten, dass die dortige Diskriminierung ein Ende findet.

Noch immer werden in der Türkei alevitische Kinder in den staatlichen Schulen dazu gezwungen, dem einseitig sunnitisch ausgelegten Islamunterricht zu folgen. Bis heute sind die Kinder, die sich als Aleviten zu erkennen geben, enormem Druck ausgesetzt.

Die Assimilierungspolitik im türkischen Staat begann in den 1970er Jahren mit der Reislamisierung der kemalistischen Republik; seitdem werden hauptsächlich in von Aleviten besiedelten Regionen Moscheen gebaut. Die rituellen Gebetshäuser der Aleviten selbst, die Cemhäuser, müssen die örtlichen alevitschen Gemeinden privat finanzieren.

Offenkundig wird die staatliche Diskriminierung der Aleviten vor allem durch das Ministerium für religiöse Angelegenheiten, kurz Diyanet. Dieses Ministerium repräsentiert die sunnitische Majorität des Landes, die Aleviten fühlen sich von diesem Ministerium nicht vertreten.

Die Vorgänge in Sürge im Juli, einer Gemeinde im Südosten der Türkei, offenbaren das angespannte Verhältnis zwischen säkularen Aleviten und konservativ-religiösen Sunniten: Nachdem sich eine alevitische Familie offen gegen das Fasten im Ramadan ausgesprochen hatte, umzingelte ein aufgebrachter Mob das Haus der Familie, warf Fensterscheiben ein und drohte damit, das Haus anzuzünden.

Es ist diese Art Pogromstimmung, die Aleviten in permanenter Anspannung hält. Noch immer wirkt das Trauma des Anschlags von Sivas nach: Am 2. Juli 1993 wurde ein Anschlag auf ein alevitisches Festival verübt. Mehr als dreißig Menschen verloren bei diesem Brandanschlag ihr Leben. Noch in diesem Jahr löste der Vorfall gewalttätige Proteste aus, als bekannt wurde, dass der Mordprozess eingestellt wird.

In Deutschland lebende Muslime berufen sich bei ihren Partizipationsbestrebungen zu Recht auf das Grundgesetz. Gleichzeitig dürfen muslimische Verbände nicht wegsehen, wenn Minderheiten in ihren Herkunftsländern diskriminiert und verfolgt werden.

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Kommentare

112 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Vor dem Grundgesetz gilt die Staatsbürgerschaft

Der Beitrag macht leider offensichtlich, dass der Autor nicht zwischen einer Religionsangehörigkeit und einer Staatsbürgerschaft zu unterscheiden weiß. In seinem Blickfeld sind Türken (und auch ihre Interessensvertretungen) hierzulande einfach nur türkische Muslime. Doch ist dies so einfach?

Viele von ihnen leben in Deutschland schon in der zweiten oder dritten Generation und sind inzwischen deutsche Staatsbürger. Sie sind also vom Grundgesetz her primär als solche zu betrachten und dann – sekundär – als Muslime oder türkischstämmig.

Inwiefern sollen also deutsche Staatsbürger mit muslimischen oder türkischen Hintergrund in die Verantwortung für die Politik eines anderen Staates genommen werden? Tun wir das gleiche bei russischstämmigen Bürgern, wenn das Putin-Regime wieder einmal die Menschenrechte mit Füßen tritt? Oder mit chinesischstämmigen Bürgern?

Das bisher geschrieben soll keinesfalls die in dem Beitrag beklagte mangelnde Religionsfreiheit in der Türkei relativieren, ganz im Gegenteil! Allerdings sollte man doch bitte aufhören zu versuchen, Außen- und Innenpolitik auf den Rücken von deutschen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund zu machen. Für Religionsfreiheit, überall auf der Welt, sollten sich alle Menschen allerorts einsetzen. Ohne aber die Religionsfreiheit und die Partizipationsbestrebungen von deutschen Staatsbürgern muslimischen Glaubens hierzulande hinter vorgehaltener Hand an ihrer Einstellung zu anderen Staaten und deren Politik festzumachen.

Die Logik des Artikel erinnert mich an die Logik...

... z. B. mancher Sarrazin-Fans: Wir in Deutschland dürften/sollten Nicht-Christen - speziell Muslime - ruhig schlechter behandeln, weil muslimische Länder sehr häufig und drastisch wenig auf Menschenrechte und Gleichbehandlung geben.

Der Artikel ist mir aber trotzdem um Vieles sympathischer als die Denke vieler Muslim-Verächter, weil er eine Veränderung zum Besseren, zu mehr Gleichberechtigung anstrebt, wo "Die Anderen" scheint's allzeit bereit für eine Abwärtsspirale sind. Eine Abwärtsspirale, die die Zustände in den schlimmsten Ländern zum Ziel hat.

Prinzipiell haben Sie natürlich Recht.

Ein Unterschied besteht aber darin, daß sich z.B. russische Immigranten nicht sonderlich mit der Putin-Regierung zu identifizieren und kein Problem mit einer langfristigen Assimilation in Deutschland zu haben scheinen. D.h. die meisten Russen sind hier als Individuen, nicht als Volksgruppe.

Bei den Türken habe ich einen anderen Eindruck. Auch wenn die Gesamtsituation sicherlich komplex ist und Hunderttausende nicht in dieses Raster passen (siehe Aleviten oder Kurden, Laizisten und Religiöse und - nicht zuletzt - in Deutschland Assimilierte), so ist doch ein Großteil der Türkischstämmigen hierzulande in Verbänden organisiert oder sympathisiert mit diesen. Sie begreifen sich als Teil einer Gemeinschaft und Sprachrohr des Türkentums, sei es unter islamischem oder nationalistischem Vorzeichen.

So gesehen trifft der Artikel ins Schwarze! Allerdings sehe ich im Gegensatz zum Autor keine "Blindheit" der Verbände sondern wohlkalkulierte Taktik - aus einer Mentalität heraus, die dem westlichen Hang zur Objektivität fremd ist und keine Scheu vor geistiger Inkonsequenz hat, sondern knallhart die Argumente nur solange für sich ausnützt, wie sie den eigenen Interessen dienlich sind. Wenn es dagegen um die Türkei geht, gelten diese Werte, auf die man sich so inbrünstig beruft, um in Deutschland etwas durchzusetzen, dann plötzlich nicht mehr.

Klug argumentiert, dennoch am Ziel vorbei!

Wie bewerten Sie denn Erdogans Auftritt in Köln, wo er die Assimilation als ein 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' nannte? Wie empfinden Sie dagegen den Assimilationszwang in der Türkei, das es laut Staatsdoktrin nur 'Türken' gibt und nichts anderes?
Wie beurteilen Sie den Zwang des türkischen Staates, dass, wer sich einbürgern wollte, bis in die 80er-Jahre hinein seinen Namen turkifizieren musste?
Etc...
Die Türkei MUSS endlich akzeptieren, dass die Türkei ein multiethnischer Staat ist, genauso wie Deutschland.
Dieses Bekenntnis zur multiethnischen Türkei erwarte ich von Erdogan.
Zudem muss die Türkei auch von staatlicher Seite anerkennen, dass die Türkei auch ein multireligiöser Staat
ist: Muslime (Shiiten/Sunniten), Alewiten, Christen, Jesiden, Juden,etc..)

Also: Was sagen Sie dazu?

Nur notorische Türken- und/oder Erdoganhasser...

"...Wie bewerten Sie denn Erdogans Auftritt in Köln, wo er die Assimilation als ein 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' nannte? Wie empfinden Sie dagegen den Assimilationszwang in der Türkei,..."

... haben Erdogans diesbezügliche Äußerung in Köln in einem Abwehrreflex auf die deutschen Verhältnisse bezogen. Jedem, der einigermaßen mit den damaligen Verhältnissen und Streitigkeiten in der türkischen Innenpolitik vertraut war, war klar, dass sich dieser Satz verkappt vor allen Dingen auf die Türkei selber bezog. Es war die Zeit, als Erdogan gegen erheblichen Widerstand aus dem alten Establishment und dem seinerzeit noch nicht entmachteten Militär mit etlichen Tabus und "heiligen Kühen" türkischer Staatsräson brach, insb. mit Blick auf die Kurden.

Was Ihre sonstigen Ausführungen anbelangt: was die Türkei Ihrer Meinung nach "muss", interessiert uns Türken nicht die Bohne. Das staatliche türkische Selbstverständnis können Sie nicht begreifen, wenn Sie das Land mit Deutschland vergleichen, sondern dafür müssen Sie schon nach Frankreich blicken. Genau wie in der Türkei, so gibt es auch in Frankreich offiziell keine Minderheiten. Warum? Nicht, weil man leugnet, dass es Franzosen algerischer, tunesischer oder sonstiger Abstammung gibt, sondern weil man in einem sog. republikanischen Staatsverständnis Ethnizität von politisch-staatsbürgerlicher Identität trennt, während in Nationen wie D. historisch das ethnisch definierte Kollektiv konstitutiv für die Definition der Nation war.

Wider am Ziel vorbei

"...Wie bewerten Sie denn Erdogans Auftritt in Köln, wo er die Assimilation als ein 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' nannte? Wie empfinden Sie dagegen den Assimilationszwang in der Türkei,..."

Zu behaupten, dass der o. g. Satz sich auf die Türkei bezog ist schlichtweg unwahr. Jeder der die Rede mit angehört hatte konnte aus den Satzzusammenhängen klar erkennen, dass er die Migranten in Deutschland gemeint hat. Die Öffnung der türkischen Politik haben wir nicht Erdogan zu verdanken, sondern dem massiven Druck der USA und EU. Erdogan ist lediglich derjenige, der die Forderungen umzusetzen hat.

In weiten Teilen stimme ich Ihnen zu. Wenn ich Sie

richtig verstanden habe, nicht in Ihrer Einschätzung, dass hier lebende Aleviten, seien sie nun türkischer oder deutscher Nationalität, nicht das Recht zusteht, gegen die Unterdrückung ihres Glaubens durch die türkische Staatsmacht bei einem Erdogan Besuch zu demonstrieren. Sie demonstrieren ja nicht gegen ihre Nationalität sondern für ihren Glauben!
Wäre die Türkei ein säkularer Staat, als den sie sich gerne bezeichnet, wäre das Problem nicht vorhanden. Es wird halt immer öfter immer deutlicher, dass Erdogan in Richtung sunnitischer Islamismus geht, womit Saudiarabien und die Golfstaaten zu seinen Verbündeten werden, Iran sein größter Feind.
[...]

Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

Verstehe ich nicht. . .

Sind die Ereignisse in diesen Artikel korrekt beschrieben, muß sich da etwas ändern, ist doch völlig klar. Man stelle sich mal vor, die katholische Kirche würde im Norden Deutschlands missionarische Anstrengungen in dieser entwickeln und Prostestanten benachteiligen. Irgendjemanden wegen seiner oder keiner Religionszugehörigkeit zu benachteiligen und zu verfolgen ist hier schlicht verboten und Ende. Das umzingeln von Häusern, Sachbeschädigung bis hin zu Todesdrohungen steht unter Strafe. Was ist los, woher kommt die Zurückhaltung hier? Sollte die Türkei wirklich mal der EU beitreten, müssen die in den Haag ihre Richterstellen aufstocken. Denn die verfolgten Menschen dort können dann, ein Vorteil, als EU Bürger ihre Menschenrechte einklagen. Vielleicht ändert sich in den Köpfen dort dann etwas und die türkische Gesellschaft kommt in unsrer EU Gemeinschaft an.