Leserartikel

US-Soldaten"Nach der Wahl herrscht Frust beim US-Militär"

Unser Leser Christian Sauerborn arbeitet auf einem Militärstützpunkt in Alabama. Dort erlebt er eine eher pro-republikanische Stimmung – auch nach der US-Wahl. von 

Obamas Wiederwahl war ein Sieg der Minderheiten und des gefährdeten Mittelstands – und hat nicht jedem Amerikaner gefallen. Das erlebe ich hautnah auf einem Luftwaffenstützpunkt in Alabama, wo ich in einem Team internationaler Sprachdozenten arbeite. Ich unterrichte höhere Offiziere, die hier eine Weiterbildung durchlaufen. Viele waren in Afghanistan, im Irak, sind hoch dekoriert.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Nach der Wahl herrschte Frust. Sogar beim Feldpriester, von allen freundlich "Padre" genannt – ein hoher, massiger Mensch von deutscher Abstammung, der seine gute Laune sonst nie verliert. Er steckte es aber noch relativ solide weg, dass sein Favorit Mitt Romney nicht gewonnen hatte. Andere nahmen es nicht so leicht, sie konnten ihre Wut nur hinter einer brüchigen Fassade aus militärischer Disziplin verbergen. Wieder andere ließen es raus, sie wussten, dass die konservative Umgebung das hier zulässt.

Anzeige

Während des Wahlkampfes habe ich viel mit meinen Schülern im Kurs debattiert. Das Thema des Kurses war eigentlich Deutschland – doch der Systemvergleich lag stets auf der Hand. Die Kursteilnehmer sind sehr gebildete Menschen, Ingenieure, Logistiker. Sie nutzen die Studienressourcen der Armee, arbeiten hart, wollen lernen. Nichts wäre hier falscher als das anti-amerikanische Klischee vom tumben Wildwest-Soldaten. Und doch stoße ich ab einem gewissen Punkt auf ideologische Verhärtung.

Meine Schüler wollen wissen, warum unsere Marktwirtschaft "sozial" ist und warum deutsche Studenten nicht bereit sind hunderttausend Euro für ihr Studium zu bezahlen. Die Antworten gefallen vielen nicht. Europa hat für sie einen sozialistischen Ruf.

Sozialismus. Das Wort allein heizt jeder Diskussion ein. Kritische Stimmen erscheinen nur am Rande. Im Auslandseinsatz gehörten meine Studenten zu den 47 Prozent der US-Bevölkerung, die keine Einkommenssteuer zahlen. Nur zögerlich erwähnt jemand, dass seine alleinerziehende Mutter schon einmal Lebensmittelmarken beziehen musste.

Nach dem Kurs erzählt mir ein anderer Schüler, der während der heftigen Debatte schwieg, dass er selbst einer der Closet-Democrats sei, die ihre politische Überzeugung lieber für sich behalten. Werden die verborgenen Demokraten auf dem Army-Stützpunkt nach der Wahl offener hervortreten? Eher nicht.

Kaum sind die Republikaner geschlagen, schon treten sie umso härter gegen ihre Feindbilder auf. Das Feedback unserer Debatten war direkt im Anschluss positiv. Jetzt aber hörten meinen Vorgesetzten, ich missbrauche die Kurse, um meine Schüler zu manipulieren und antiamerikanische, sozialistische Propaganda zu verbreiten.

Man vergisst schnell, dass Romney noch zur gemäßigten Seite der Republikaner gehörte. Die Gräben in der Grand Old Party der Republikaner werden jetzt wieder aufreißen und Hetzer wie Palin, Beck und Bachman den liberalen Sündenfall noch lauter beschreien. Das wird leider auch dazu führen, dass die Demokraten im Militär sich wohl weiter bedeckt halten. Der Kulturkampf wird härter.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • iawdw
    • 16. November 2012 11:03 Uhr
    1. Ironie

    Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Die Redaktion/ls

    • iawdw
    • 16. November 2012 11:03 Uhr
    2. Ironie

    Herr Sauerborn, vielen Dank fuer Ihren interessanten Leserartikel.
    Ihre Beobachtung deckt sich ja mit den meisten republikanischen Reaktionen auf die fuer US-amerikanische Verhaeltnisse relativ deutliche Niederlage (51:48).

    Ehrlich gesagt finde ich es amuesant, dass sich "Ihre" Soldaten der Ironie nicht bewusst zu sein scheinen, selbst von staatlicher Stuetze zu profitieren. Und das gleich doppelt und dreifach. Sie haben bereits auf die Steuerbefreiung fuer Soldaten in Action hingewiesen, zusaetzlich werden die Offiziere noch vom boesen Staat bezahlt - ja sogar ihre teure Ausbildung erhalten sie "von der Regierung". Stimmt's? Das ist doch SOZIALISMUS =)

    Was mich noch interessiert: Welchem Milieu entstammen Ihre Schueler, duerfen Sie das berichten? In der gestrigen DailyShow hat Jon Stewart die Katerstimmung der Republikaner schoen analysiert, bei denen schimpft man auf die Verdraengung des weissen Establishments durch lateinamerikanische und asiatische Einwanderer, wie man vor 150 Jahren ueber Juden und Iren geschimpft hat. Vielleicht ist es mein Vorurteil, dass Ihre Schueler auch vor diesem Wandel Angst haben, vielleicht trifft es aber auch zu.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Acaloth
    • 16. November 2012 11:51 Uhr

    Recht deutliche Niederlage ?
    2,2% gerademal....da war der Sieg Obamas vor 4 Jahren grösser und in den 80ern hat die GOP die Demokraten mit bis zu 18% unterschied geschlagen....

    Also so deutlich ist die beileibe nicht.

    • beendet
    • 16. November 2012 15:29 Uhr

    dass Soldaten, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit des Todes in den Krieg geschickt werden für eine Demokratie, mit Steuererlass belohnt werden? Selbst wenn sie sich freiwillig dafür entscheiden. Würde man ähnliche Maßstäbe an EU-Beamte anlegen, müssten diese dem EU-Steuerzahler ca. 1000% erstatten.
    An der Wertschätzung der Soldaten sollte sich D ein Beispiel nehmen.

    Meine Schüler sind hauptsächlich weiße Mittelklasse, die meisten von der Air Force, nur ein paar von der Army. Das ist insofern wichtig, weil jene von Army eher wirkliche Kämpfe erlebt haben, während die von der Air Force selten aus ihren Festungen, wie der Green Zone, rausgekommen sind. Das schafft natürlich unterschiedliche Perspektiven.

    Dann das soziokulturelle Gewebe Amerikas im Allgemeinen – Patriotismus, Business, Religion. Da kann es zu einer Ernüchterung über all diese Werte kommen, wenn man sie im irakischen Staub zugrunde gehen sieht, oder zu einer noch größeren Versteifung auf das, was man dort zu verteidigen glaubt. Für die Wütenden betreibt Obama den Ausverkauf ihre Ehre und ist ein „Buffoon“ (Blödmann, Idiot), wie General McChrystal ihn nannte und dafür gehen musste. Wer das nicht riskieren will, flüchtet sich in eine Art patriotischer Nostalgie. Viele sind schon so um die 40, teilweise älter. Einer meiner „lauten“ Republikaner war schon 1991 am Golf. Heute träumt er vom Glanz der Reagan-Ära, beschwert sich über kubanische Einwanderer, die nicht mal mehr ein Eiersalatsandwich schmieren können und fährt mit einem Pick-up über die Basis, der soviel Sprit verbraucht wie eine Boeing 747.

    Dieses psychologische Fundament in Kombination mit dem angeschlagenen militärischen Stolz des letzten Jahrzehnts bildet vielfach jene Mischung, die nach Schuldigen sucht – Einwanderer sind da ja traditionsgemäß ein beliebtes Ziel, was leider nicht nur für Amerika gilt.

    In einem Artikel auf Zeit Online

    http://www.zeit.de/politi...

    wird erklärt, das es in den USA sogar einen Sozialstaat gibt (wenn auch nicht so umfassend wie hier) er wird aber aus kulturellen Gründen totgeschwiegen. Daher sehen die Soldaten auch keinen Sozialstaatlichen Ansatz in ihren Leistungen.

  1. 3. [...]

    Auf Wunsch des Users entfernt. Die Redaktion/ls

    • Carlton
    • 16. November 2012 11:47 Uhr

    Ich würde mich über weitere Beiträge von Ihnen freuen, quasi als das unvoreingenommenere Gegenmodell zu der Kolummne von Eric Hansen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich lese Eric T. Hansens Kolummne sehr gerne und schätze seine Sichtweise.

    Die Gelegenheit zu einem Austausch mit ihm wäre eine Ehre.

    Quasi:
    Amerikaner in Deutschland/Deutscher in Amerika

    Man wird sehen ;-)

    Da lacht doch die Koralle.

    • Acaloth
    • 16. November 2012 11:51 Uhr
    5. ......

    Recht deutliche Niederlage ?
    2,2% gerademal....da war der Sieg Obamas vor 4 Jahren grösser und in den 80ern hat die GOP die Demokraten mit bis zu 18% unterschied geschlagen....

    Also so deutlich ist die beileibe nicht.

    Antwort auf "Ironie"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • iawdw
    • 16. November 2012 12:14 Uhr

    Zugegeben, ich haette lieber "trotz des 51:48 Verhaeltnisses bei den Waehlerstimmen" schreiben sollen.
    Es sind nach der endgueltigen Auszaehlung der Stimmen in Florida uebrigens insgesamt 2,7% Unterschied laut CNN, also mehr als bei den beiden Siegen von G. W. Bush.
    Entscheidend fuer die Wahl zwischen Romney und Obama ist ja ohnehin die Zahl der Wahlmaenner, der "Electoral Votes", und da wurden die Republikaner deutlich abgehaengt: 332 zu 206 steht am Spielende auf der Tafel, das tut schon eher weh...

    ...würde ich es schon als deutliche Niederlage für Romney sehen. Florida tendierte zum Ende hin stärker zu Romney, aber selbst ein Sieg dort hätte nicht gereicht, wenn Obama in Ohio gesiegt hätte. Aber Obama hat nicht nur den Schlüsselstaat Ohio geholt, sondern Romney mit seinen Siegen in Florida und Virginia fast gedemütigt.

    Es hat ja auch nicht lange gedauert, bis die Partei von allen Seiten über Romney hergefallen ist und ihn für das Debakel verantwortlich gemacht hat. Die mangelnde Nähe zu den lateinamerikanischen Einwanderern war einer der größten taktischen Fehler der Republikaner im Wahlkampf. Das hat selbst Bushs Maschinerie besser gekonnt - schließlich hat er 2004 noch 44% der Latino-Stimmen holen können.

    • OLama
    • 16. November 2012 12:11 Uhr

    Wir haben in Deutschland keinen Sozialismus.

    Wir haben genau so wie in Amerika eine Diktatur des Kapitals. Nur bei uns ist diese sozial angestrichen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mari o
    • 16. November 2012 23:22 Uhr

    ich mach mal Reklame für nen guten Zweck:Aufklärung
    http://www.thalia.de/shop...

    ironie ein :einfach bei der nächsten Wahl nur Republikaner-Wähler zulassen.ironie aus

    irgendwie mich erinnert Obama ein bisschen an Gorbi.
    hoffentich bricht der Kapitalismus bald zusammen

    • iawdw
    • 16. November 2012 12:14 Uhr

    Zugegeben, ich haette lieber "trotz des 51:48 Verhaeltnisses bei den Waehlerstimmen" schreiben sollen.
    Es sind nach der endgueltigen Auszaehlung der Stimmen in Florida uebrigens insgesamt 2,7% Unterschied laut CNN, also mehr als bei den beiden Siegen von G. W. Bush.
    Entscheidend fuer die Wahl zwischen Romney und Obama ist ja ohnehin die Zahl der Wahlmaenner, der "Electoral Votes", und da wurden die Republikaner deutlich abgehaengt: 332 zu 206 steht am Spielende auf der Tafel, das tut schon eher weh...

    Antwort auf "......"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Acaloth
    • 16. November 2012 15:01 Uhr

    das tut nicht so weh wie man denken sollte wenn man schon mit 0,1% mehr die Wahlmänner hat.
    Es zeigt doch eher das es in den ganzen Swing States sehr knapp geworden ist, am Ende hat zwar Obama gewonnen aber viel Abstand gabs nicht....

    Die Dems haben schon mal nur 13 Wahlmänner auf ihrer Seite gehabt....

  2. sind somit nicht ausgenommen von dem kürzlich vermeldeten allgemeinen Trend.
    Militärs bieten aus meiner Sicht nur ein sehr eingeschränktes Bild auf eine Gesellschaft.
    Eher schon dieser Artikel:
    http://www.zerohedge.com/...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service