Leserartikel

US-Soldaten"Nach der Wahl herrscht Frust beim US-Militär"

Unser Leser Christian Sauerborn arbeitet auf einem Militärstützpunkt in Alabama. Dort erlebt er eine eher pro-republikanische Stimmung – auch nach der US-Wahl. von 

Obamas Wiederwahl war ein Sieg der Minderheiten und des gefährdeten Mittelstands – und hat nicht jedem Amerikaner gefallen. Das erlebe ich hautnah auf einem Luftwaffenstützpunkt in Alabama, wo ich in einem Team internationaler Sprachdozenten arbeite. Ich unterrichte höhere Offiziere, die hier eine Weiterbildung durchlaufen. Viele waren in Afghanistan, im Irak, sind hoch dekoriert.

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Nach der Wahl herrschte Frust. Sogar beim Feldpriester, von allen freundlich "Padre" genannt – ein hoher, massiger Mensch von deutscher Abstammung, der seine gute Laune sonst nie verliert. Er steckte es aber noch relativ solide weg, dass sein Favorit Mitt Romney nicht gewonnen hatte. Andere nahmen es nicht so leicht, sie konnten ihre Wut nur hinter einer brüchigen Fassade aus militärischer Disziplin verbergen. Wieder andere ließen es raus, sie wussten, dass die konservative Umgebung das hier zulässt.

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Während des Wahlkampfes habe ich viel mit meinen Schülern im Kurs debattiert. Das Thema des Kurses war eigentlich Deutschland – doch der Systemvergleich lag stets auf der Hand. Die Kursteilnehmer sind sehr gebildete Menschen, Ingenieure, Logistiker. Sie nutzen die Studienressourcen der Armee, arbeiten hart, wollen lernen. Nichts wäre hier falscher als das anti-amerikanische Klischee vom tumben Wildwest-Soldaten. Und doch stoße ich ab einem gewissen Punkt auf ideologische Verhärtung.

Meine Schüler wollen wissen, warum unsere Marktwirtschaft "sozial" ist und warum deutsche Studenten nicht bereit sind hunderttausend Euro für ihr Studium zu bezahlen. Die Antworten gefallen vielen nicht. Europa hat für sie einen sozialistischen Ruf.

Sozialismus. Das Wort allein heizt jeder Diskussion ein. Kritische Stimmen erscheinen nur am Rande. Im Auslandseinsatz gehörten meine Studenten zu den 47 Prozent der US-Bevölkerung, die keine Einkommenssteuer zahlen. Nur zögerlich erwähnt jemand, dass seine alleinerziehende Mutter schon einmal Lebensmittelmarken beziehen musste.

Nach dem Kurs erzählt mir ein anderer Schüler, der während der heftigen Debatte schwieg, dass er selbst einer der Closet-Democrats sei, die ihre politische Überzeugung lieber für sich behalten. Werden die verborgenen Demokraten auf dem Army-Stützpunkt nach der Wahl offener hervortreten? Eher nicht.

Kaum sind die Republikaner geschlagen, schon treten sie umso härter gegen ihre Feindbilder auf. Das Feedback unserer Debatten war direkt im Anschluss positiv. Jetzt aber hörten meinen Vorgesetzten, ich missbrauche die Kurse, um meine Schüler zu manipulieren und antiamerikanische, sozialistische Propaganda zu verbreiten.

Man vergisst schnell, dass Romney noch zur gemäßigten Seite der Republikaner gehörte. Die Gräben in der Grand Old Party der Republikaner werden jetzt wieder aufreißen und Hetzer wie Palin, Beck und Bachman den liberalen Sündenfall noch lauter beschreien. Das wird leider auch dazu führen, dass die Demokraten im Militär sich wohl weiter bedeckt halten. Der Kulturkampf wird härter.

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Leserkommentare
  1. Meine Schüler sind hauptsächlich weiße Mittelklasse, die meisten von der Air Force, nur ein paar von der Army. Das ist insofern wichtig, weil jene von Army eher wirkliche Kämpfe erlebt haben, während die von der Air Force selten aus ihren Festungen, wie der Green Zone, rausgekommen sind. Das schafft natürlich unterschiedliche Perspektiven.

    Dann das soziokulturelle Gewebe Amerikas im Allgemeinen – Patriotismus, Business, Religion. Da kann es zu einer Ernüchterung über all diese Werte kommen, wenn man sie im irakischen Staub zugrunde gehen sieht, oder zu einer noch größeren Versteifung auf das, was man dort zu verteidigen glaubt. Für die Wütenden betreibt Obama den Ausverkauf ihre Ehre und ist ein „Buffoon“ (Blödmann, Idiot), wie General McChrystal ihn nannte und dafür gehen musste. Wer das nicht riskieren will, flüchtet sich in eine Art patriotischer Nostalgie. Viele sind schon so um die 40, teilweise älter. Einer meiner „lauten“ Republikaner war schon 1991 am Golf. Heute träumt er vom Glanz der Reagan-Ära, beschwert sich über kubanische Einwanderer, die nicht mal mehr ein Eiersalatsandwich schmieren können und fährt mit einem Pick-up über die Basis, der soviel Sprit verbraucht wie eine Boeing 747.

    Dieses psychologische Fundament in Kombination mit dem angeschlagenen militärischen Stolz des letzten Jahrzehnts bildet vielfach jene Mischung, die nach Schuldigen sucht – Einwanderer sind da ja traditionsgemäß ein beliebtes Ziel, was leider nicht nur für Amerika gilt.

    Antwort auf "Ironie"
    • siar
    • 16. November 2012 18:59 Uhr

    Inzwischen besteht auch bei uns die Armee aus Freiwilligen, die sich für diesen Beruf entschieden haben.
    Warum sollte ich denen mehr Respekt entgegen bringen als Menschen in anderen risikoreichen Berufen.
    Ihr wollt Entsolidarisierung in sozialen Bereichen, bitte hier habt ihr ein Ergebnis davon.

  2. ...würde ich es schon als deutliche Niederlage für Romney sehen. Florida tendierte zum Ende hin stärker zu Romney, aber selbst ein Sieg dort hätte nicht gereicht, wenn Obama in Ohio gesiegt hätte. Aber Obama hat nicht nur den Schlüsselstaat Ohio geholt, sondern Romney mit seinen Siegen in Florida und Virginia fast gedemütigt.

    Es hat ja auch nicht lange gedauert, bis die Partei von allen Seiten über Romney hergefallen ist und ihn für das Debakel verantwortlich gemacht hat. Die mangelnde Nähe zu den lateinamerikanischen Einwanderern war einer der größten taktischen Fehler der Republikaner im Wahlkampf. Das hat selbst Bushs Maschinerie besser gekonnt - schließlich hat er 2004 noch 44% der Latino-Stimmen holen können.

    Antwort auf "......"
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    • fse69
    • 28. November 2012 14:45 Uhr

    "... Nach Bundesstaaten betrachtet...
    ...würde ich es schon als deutliche Niederlage für Romney sehen. Florida tendierte zum Ende hin stärker zu Romney, aber selbst ein Sieg dort hätte nicht gereicht, wenn Obama in Ohio gesiegt hätte. Aber Obama hat nicht nur den Schlüsselstaat Ohio geholt, sondern Romney mit seinen Siegen in Florida und Virginia fast gedemütigt...."

    ... ja am Ende sogar leisten können, sowohl Florida, als auch Ohio zu verlieren.

  3. Ich lese Eric T. Hansens Kolummne sehr gerne und schätze seine Sichtweise.

    Die Gelegenheit zu einem Austausch mit ihm wäre eine Ehre.

    Quasi:
    Amerikaner in Deutschland/Deutscher in Amerika

    Man wird sehen ;-)

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...Kolumne

  4. ...Kolumne

    Antwort auf "Vielen Dank!"
  5. da es das unausweichliche Thema dieser Tage ist: Wie wird bei Ihnen auf dem Stützpunkt die Petraeus-Affäre diskutiert und auch das Vorhaben des Verteidigungsministers, die ethischen Richtlinien zu überprüfen?

    Ist Petraeus ein "gefallener Held" oder wird sein Rücktritt überwiegend bedauert und seine Affäre als verzeihliche menschliche Schwäche gesehen?

    Im übrigen Dank für den Leserartikel - ich schließe mich den Wünschen anderer Foristen nach "mehr Text" von Ihnen an.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ist nach wie vor für viele Militärs eine der großen Integrationsfiguren. Die Affäre hat sein Image natürlich beschädigt, besonders da hier starke Familienwerte gelten. Die ethischen Richtlinien in Sachen Ehebruch wurden unter Bush dahingehend geändert, dass dieser nur noch strafbar ist, wenn das Ansehen des Militärs gefährdet ist. In der Praxis meint das ein Abhängigkeitsverhältnis, und auch dort gibt es bei einem erstmaligen Vergehen meist nur eine Verwarnung – außer es folgt eine Medienwelle wie wir sie jetzt erleben. Aber Petraeus ist ja offiziell auch schon pensioniert.

    So sehr das Ende seiner Laufbahn also schon beschlossen scheint, sagen hier dennoch viele, dass die Sache in vier Jahren verblasst sein könnte. Und sollte er es tatsächlich schaffen, den Skandal in seiner Partei und in der Öffentlichkeit zu überwinden, dann hätte er in der Tat realistisches Präsidentschaftspotential für 2016.

    Seine soldatische Person allein verkörpert einen Konservatismus, von dem das rechte Amerika träumt. Er strahlt militärische Stärke aus und muss sich den Mund gar nicht erst voll nehmen damit, wie Romney. Diese psychologisch wirkenden Vorteile könnten es ihm erlauben moderatere Positionen in wahlentscheidenden Themen einzunehmen, um verlorene Wählergruppen für die Republikaner zu erschließen (Beispiel: Immigration—Hispanics), ohne sein scharfes, rechtes Profil zu verlieren. Er wäre eine Herausforderung.

    Ob wir das wollen ist allerdings eine andere Frage.

    Vielen Dank auch an Sie!

  6. ...ist nach wie vor für viele Militärs eine der großen Integrationsfiguren. Die Affäre hat sein Image natürlich beschädigt, besonders da hier starke Familienwerte gelten. Die ethischen Richtlinien in Sachen Ehebruch wurden unter Bush dahingehend geändert, dass dieser nur noch strafbar ist, wenn das Ansehen des Militärs gefährdet ist. In der Praxis meint das ein Abhängigkeitsverhältnis, und auch dort gibt es bei einem erstmaligen Vergehen meist nur eine Verwarnung – außer es folgt eine Medienwelle wie wir sie jetzt erleben. Aber Petraeus ist ja offiziell auch schon pensioniert.

    So sehr das Ende seiner Laufbahn also schon beschlossen scheint, sagen hier dennoch viele, dass die Sache in vier Jahren verblasst sein könnte. Und sollte er es tatsächlich schaffen, den Skandal in seiner Partei und in der Öffentlichkeit zu überwinden, dann hätte er in der Tat realistisches Präsidentschaftspotential für 2016.

    Seine soldatische Person allein verkörpert einen Konservatismus, von dem das rechte Amerika träumt. Er strahlt militärische Stärke aus und muss sich den Mund gar nicht erst voll nehmen damit, wie Romney. Diese psychologisch wirkenden Vorteile könnten es ihm erlauben moderatere Positionen in wahlentscheidenden Themen einzunehmen, um verlorene Wählergruppen für die Republikaner zu erschließen (Beispiel: Immigration—Hispanics), ohne sein scharfes, rechtes Profil zu verlieren. Er wäre eine Herausforderung.

    Ob wir das wollen ist allerdings eine andere Frage.

    Vielen Dank auch an Sie!

    Antwort auf "Herr Sauerborn,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    für die interessante Antwort. Ich hatte auch schon an ein Comeback gedacht (sollte die jetzt angelaufene CIA-Prüfung für ihn positiv verlaufen und seine Ehefrau ihm "offiziell" verzeihen). Auch nach den Anhörungen heute gab es Respektbekundungen. An eine mögliche Präsidentschaftskandidatur hatte ich allerdings nicht mehr gedacht.

    Warten wir also ab, wie sich die Dinge entwickeln.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Auslandseinsatz | Debatte | Einkommenssteuer | Klischee | Mitt Romney | Propaganda
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