Obamas Wiederwahl war ein Sieg der Minderheiten und des gefährdeten Mittelstands – und hat nicht jedem Amerikaner gefallen. Das erlebe ich hautnah auf einem Luftwaffenstützpunkt in Alabama, wo ich in einem Team internationaler Sprachdozenten arbeite. Ich unterrichte höhere Offiziere, die hier eine Weiterbildung durchlaufen. Viele waren in Afghanistan, im Irak, sind hoch dekoriert.

Nach der Wahl herrschte Frust. Sogar beim Feldpriester, von allen freundlich "Padre" genannt – ein hoher, massiger Mensch von deutscher Abstammung, der seine gute Laune sonst nie verliert. Er steckte es aber noch relativ solide weg, dass sein Favorit Mitt Romney nicht gewonnen hatte. Andere nahmen es nicht so leicht, sie konnten ihre Wut nur hinter einer brüchigen Fassade aus militärischer Disziplin verbergen. Wieder andere ließen es raus, sie wussten, dass die konservative Umgebung das hier zulässt.

Während des Wahlkampfes habe ich viel mit meinen Schülern im Kurs debattiert. Das Thema des Kurses war eigentlich Deutschland – doch der Systemvergleich lag stets auf der Hand. Die Kursteilnehmer sind sehr gebildete Menschen, Ingenieure, Logistiker. Sie nutzen die Studienressourcen der Armee, arbeiten hart, wollen lernen. Nichts wäre hier falscher als das anti-amerikanische Klischee vom tumben Wildwest-Soldaten. Und doch stoße ich ab einem gewissen Punkt auf ideologische Verhärtung.

Meine Schüler wollen wissen, warum unsere Marktwirtschaft "sozial" ist und warum deutsche Studenten nicht bereit sind hunderttausend Euro für ihr Studium zu bezahlen. Die Antworten gefallen vielen nicht. Europa hat für sie einen sozialistischen Ruf.

Sozialismus. Das Wort allein heizt jeder Diskussion ein. Kritische Stimmen erscheinen nur am Rande. Im Auslandseinsatz gehörten meine Studenten zu den 47 Prozent der US-Bevölkerung, die keine Einkommenssteuer zahlen. Nur zögerlich erwähnt jemand, dass seine alleinerziehende Mutter schon einmal Lebensmittelmarken beziehen musste.

Nach dem Kurs erzählt mir ein anderer Schüler, der während der heftigen Debatte schwieg, dass er selbst einer der Closet-Democrats sei, die ihre politische Überzeugung lieber für sich behalten. Werden die verborgenen Demokraten auf dem Army-Stützpunkt nach der Wahl offener hervortreten? Eher nicht.

Kaum sind die Republikaner geschlagen, schon treten sie umso härter gegen ihre Feindbilder auf. Das Feedback unserer Debatten war direkt im Anschluss positiv. Jetzt aber hörten meinen Vorgesetzten, ich missbrauche die Kurse, um meine Schüler zu manipulieren und antiamerikanische, sozialistische Propaganda zu verbreiten.

Man vergisst schnell, dass Romney noch zur gemäßigten Seite der Republikaner gehörte. Die Gräben in der Grand Old Party der Republikaner werden jetzt wieder aufreißen und Hetzer wie Palin, Beck und Bachman den liberalen Sündenfall noch lauter beschreien. Das wird leider auch dazu führen, dass die Demokraten im Militär sich wohl weiter bedeckt halten. Der Kulturkampf wird härter.