"Lebst du noch?" Seit Tagen bekomme ich solche Nachrichten. Ja, ich lebe noch.

Ich bin gerade 20 geworden und arbeite seit vier Monaten als Volontärin bei der Organisation Shekel in Petah Tikva, einer Stadt mit 180.000 Einwohnern nahe Tel Aviv. Meine besorgten Freunde in Deutschland können sich kaum vorstellen, dass das Leben hier seinen gewohnten Lauf nimmt: Wecker um 6.30 Uhr, Arbeitsbeginn um 7.25 Uhr, kochen, putzen, einkaufen, Bekannte treffen.

Sicher sind die Menschen hier stärker für das Heulen der Sirenen sensibilisiert als sonst. Die Warteschlange in der Bank ist aber so lang wie immer, die Verkäuferin an der Kasse nimmt sich alle Zeit der Welt, und die Kinder spielen, lachen und toben vor dem Haus.

Die Sorgen meiner Freunde entstehen vor allem durch die Berichterstattung der Medien. Auf den Nachrichtenseiten ist der Nahostkonflikt ein Topthema. Ein Bild ist grausamer als das andere. "Arsenal des Terrors" oder "Der Gaza-Krieg" lauten die Überschriften. Auf YouTube sind immer erschreckendere Videos unter der Suchanfrage "Nahost" zu sehen.

Die Medien vermitteln das Bild eines Landes, das – von Rauchwolken umhüllt – wegen des Luftalarms nicht mehr zur Ruhe kommt, und dessen Bewohner ihren Alltag im Bunker verbringen. Dabei erfährt ein Großteil der israelischen Bevölkerung von all dem Tumult auch nur aus dem Fernsehen oder der Zeitung.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern kostet unzählige Menschen das Leben und verursacht großes Leid. Er bringt den tiefsitzenden Hass auf beiden Seiten zum Ausdruck. Das sollte nicht unterschätzt oder relativiert werden. Dennoch sollte die Aufmerksamkeit der Medien hin und wieder auf die restliche Bevölkerung gerichtet sein, auf den normalen Alltag. In diesem Alltag zeigt sich nämlich, was der Großteil der Menschen hier will: Frieden und Normalität.