Jetzt tragen Mursi seine Keulendekrete den Vorwurf pharaonischer Machtgier ein, sie bringen empörte Volksscharen auf die Beine und die politische Opposition zu nie zuvor gekannter Einigkeit.

Präsident, Justiz und Opposition – alle Seiten müssen sich in den nächsten Tagen zu Kompromissen zusammenraufen, sollen Ägyptens Chancen gewahrt bleiben, den post-revolutionären Übergang zu meistern. Der Oberste Richterrat baute Mursi mit dem Vorschlag, die Machtdekrete auf den konkreten Schutz für Verfassungsgebende Versammlung und Oberhaus einzuschränken, bereits eine goldene Brücke.

Das Parlament säkulärer machen

Säkulare Kräfte und Kirchen wiederum könnten ihren Boykott der Verfassungsgebenden Versammlung aufgeben, wenn sie eine wirksame Sperrminorität gegen die Scharia-Wünsche der bisher übermächtigen Mehrheit zugesprochen bekämen. Eine gewisse Zahl islamistischer Deputierter könnte als Zeichen guten Willen ihr Mandat zugunsten säkularer Nachrücker niederlegen. Oder Staatschef Mursi könnte die 100-köpfige Kammer mit zwei Dutzend Verfassungsexperten aufstocken und so die islamistische Dominanz unter die Zweidrittel-Schwelle drücken.

Der Kern des Konflikts ist die noch zu erarbeitende Verfassung. Sie wird Ägypten für die kommenden Jahrzehnte prägen. Die islamistische Mehrheit will erstmals eine vom Islam geprägte Grundordnung unter Dach und Fach bringen. Die säkularen Kräfte im Schulterschluss mit der koptischen Minderheit und den alten Mubarak-Eliten wollen dies um jeden Preis verhindern. Die Eskalation um Mursis Dekrete aber zeigt, keines der Lager wird sich durchsetzen können, ohne die gesamte Nation in heillose Turbulenzen zu stürzen.