Tatsächlich scheint Erdoğans Regierung solch sensible politische Maßnahmen nun langsam zu unterstützen. Im September wurden freiwillige Kurdisch-Kurse in den Schulen eingeführt. Der stellvertretende Premierminister Bulent Arınç versprach, den Kurden in Zukunft zu erlauben, vor Gericht ihre eigene Sprache zu sprechen. Auch der in Haft sitzende PKK-Chef Abdullah Öcalan sollte nach mehr als einem Jahr der Isolation wieder Zugang zu seinen Anwälten (und damit zur Außenwelt) erhalten.

Die AKP hat zudem gerade über Vorschläge für eine neue Verfassung getagt. Sie wird wohl eine Absenkung der bisherigen Zehn-Prozent-Sperrklausel für die Parlamentswahlen beinhalten. Bislang hatte die problematische Klausel die kurdische Bewegung immer abgeschnitten, da diese nur fünf bis sieben Prozent der Wählerstimmen zusammenbekommt. Das Verfassungsreformkomitee könnte deutlich zur Abschaffung der anhaltenden ethnischen Diskriminierung beitragen.

Um all dies umzusetzen, muss der Premier echten politischen Willen mobilisieren. Glücklicherweise hat sich jetzt ein großes Fenster der politischen Möglichkeiten aufgetan und dass zur Zeit keine Wahlen stattfinden, macht diesen Prozess einfacher. Sollte sich die Türkei aufgrund der Kurden-Frage tatsächlich verwundbar fühlen, wäre Premier Erdoğans beste Verteidigungsstrategie die Neustrukturierung seines eigenen Landes.