Unterstützer der Tea-Party-Ikone Michele Bachmann (Archivbild) © Jason Andrew/Getty Images

Die Absage an Mitt Romney und Paul Ryan war auch eine Absage an den gesamten radikalen Flügel der Republikaner. Ab jetzt wird die Partei ihre Einstellungen zu Rassismus, Frauen- und Ausländerfeindlichkeit und Gottesgläubigkeit grundsätzlich überdenken müssen. Die Republikaner brauchen eine neue Richtung.

Die große Frage, die sich die Partei nach dieser Niederlage stellt, ist: Haben wir verloren, weil Mitt Romney zu radikal war? Oder weil er nicht radikal genug war? Rein prozentual gerechnet bekamen die Republikaner fast die Hälfte aller Stimmen . Ihre Politik wurde also nicht grundsätzlich abgelehnt, nur von einer Handvoll Wählern. War man aus Sicht dieser Wähler zu weit gegangen, oder nicht weit genug?

Die Tea Party ist für die Republikaner Segen und Fluch zugleich. Einerseits handelt es sich um eine sehr engagierte Wählerbasis, die dem amerikanischen Konservatismus neues Leben eingehaucht hat. Andererseits ist es eine verhältnismäßig kleine Gruppe Radikaler, die der Partei wie ein Klotz am Bein hängt.

Mehr oder weniger Tea Party?

Das sah man bei Romney: Der ursprünglich moderate Kandidat musste während der Vorwahlen extreme Meinungen von sich geben, um den radikalen Flügel, der die primaries bestimmte, von sich zu überzeugen. Hatte er die Vorwahlen einmal hinter sich, musste er die unentschlossenen Wähler, die zwischen den Republikanern und den Demokraten sitzen, überzeugen: Dafür kehrte er zu seinem alten moderaten Selbst zurück. Die Strategie ging auf: Er hat fast gewonnen. Aber eben nur fast.

In den nächsten Monaten wird man in der Partei also eine Sache heftig diskutieren: Brauchen wir weniger Tea Party. Oder mehr?

Egal, wie man entscheidet, die Grand Old Party von 2016 wird anders aussehen als die von heute. Vermutlich sogar drastisch. Denn es gibt eine weitere Frage, die nicht nur die Republikaner beantworten müssen, sondern auch die Demokraten: Wie ticken die Latinos eigentlich?

Anti-Einwanderungspolitik hat in Amerika eine lange Tradition. Allerdings verspricht sie nur vorübergehend Erfolg. Solange die Zahl der Migranten klein ist, und sie sich im neuen Land als Gäste begreifen, kann man sie getrost piesacken. Aber Migrantengemeinden wachsen, und schlimmer noch, sie entwickeln ein Selbstbewusstsein. Ab dann bestimmen sie die Politik mit, und die Hetzreden gegen sie werden immer kleinlauter.

Bis zur nächsten Wahlperiode wird die Latino-Bevölkerung in Amerika so weit angewachsen sein, dass keine Partei einen Präsidenten ohne ihre Stimmen stellen kann. Doch welche Partei wird bis 2016 die "Partei der Latinos" sein?

In Deutschland findet ein ähnlicher Prozess statt

Heute wählen rund 70 Prozent aller Latinos die Demokraten . Ist auch logisch: Die Demokraten geben sich ja als Partei der Minderheiten aus. Das funktioniert, weil heute die Latinos noch eine echte Minderheiten-Minderheit sind. In vier Jahren wird das anders sein, und man darf zu recht fragen: Denkt eine Super-Minderheit überhaupt noch wie eine Minderheit?

Je mehr Latinos in die amerikanische Mittelklasse drängen, desto weniger werden sie die etwas herablassende Hilfe der Demokraten brauchen. Umso stärker werden sie ihren inneren katholischen Konservativismus wieder entdecken. Wollen wirtschaftlich aufstrebende Latinos mit starken Familienwerten wirklich eine Partei wählen, die für die Homo-Ehe und gegen ein Abtreibungsverbot ist?

In Deutschland findet ein ähnlicher Prozess statt. Heute noch begreifen sich viele Türken hierzulande nicht als eine starke politische Einheit, sondern als Fremdkörper. Deshalb springt die Politik so heuchlerisch mit ihnen um: Man muss aus moralischen Gründen immer wieder irgendwas von "Integration" erzählen, aber die eigentlichen Interessen der Einwanderer muss keiner beachten. Doch je mehr Türken sich einbürgern lassen, desto mehr entwickeln sie sich zur politischen Interessengruppe.

Ein türkischstämmiger CDU-Bundeskanzler!

Ich wäre zu gerne dabei, wenn hier in ein oder zwei Generationen der erste türkischstämmige CDU-Bundeskanzler einen Skandal entfacht, wenn er bei laufender Kamera einen rassistischen Witz über den schwarzen Fraktionsvorsitzenden der Opposition loslässt.

Republikanische Politstars wie New-Mexico-Gouverneurin Susana Martinez, Florida-Senator Marco Rubio oder Tea-Party-Star Ted Cruz, die man in vier Jahren möglicherweise auf der Kandidatenliste der Grand Old Party sehen wird, zeigen deutlich: Republikaner und Latinos schließen sich nicht mehr grundsätzlich aus.

Wie holt man die Latinos ins Boot? Reicht es, wenn man die Einwanderungspolitik lockert? Reicht es, wenn man einen Latino-Kandidaten aufstellt? Muss man gleich Mexiko zum 51. Bundesstaat erklären? Oder müssen beide Parteien grundsätzlich umdenken?

Das sind die Herausforderungen, die in den nächsten Jahren nicht nur die Republikaner, sondern auch die Demokraten maßgeblich umkrempeln werden. Ich wäre nicht überrascht, wenn beide Parteien sich so stark verändern werden, dass sie aus heutiger Sicht nicht mehr erkennbar wären.

Und ich freue mich schon auf den nächsten spannenden Wahlkampf, natürlich zwischen zwei Latino-Kandidaten: Einerseits der Erzkatholik, der die guten alten Werte zurückbringen will, ein starkes, vom Rest der Welt abgeschottetes Amerika verspricht und gerne darauf hinweist, dass die ersten amerikanischen Cowboys Spanier waren, und andererseits der sexy Harvard-Absolvent, der eigenhändig die Mauer nach Mexiko niederreißen will und besser Salsa tanzen kann als Obama.