US-KolumneFanatisch fortschrittliches Amerika

Die USA urkonservativ? Im Gegenteil, schreibt Eric T. Hansen. Marihuana, Homo-Ehe, Abtreibung – die Liberalisierung kommt mit Wucht. Langsam liegt den Amis einfach nicht. von 

Meine Lieblingsparabel aus dem Kanon meiner ehemaligen Kirche, der Mormonen, ist die Geschichte vom Frosch. Kommt man aus irgendeinem Grund auf die glorreiche Idee, einen solchen zubereiten zu wollen, gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann ihn einfach in einen Topf mit kochendem Wasser werfen. Allerdings ist diese Methode nicht empfehlenswert – weil der Frosch merkt, dass es heiß ist, und sofort flüchtet. Setzt man ihn aber in einen Topf mit kaltem Wasser, den man nur langsam erhitzt, springt der Frosch nicht heraus. Weil er nicht merkt, dass das Wasser immer heißer wird. Bald hat man einen leckeren gekochten Frosch.

Die Geschichte zielt natürlich auf die Sünde ab: Fängt man mit einem kleinen Fehltritt an, merkt man gar nicht, dass man bereits auf dem Weg zur Hölle ist. Und hastdunichtgesehen hat der Teufel einen am Schlafittchen.

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Ein gutes Beispiel ist Marihuana. Viele Forscher glauben, die Droge an sich sei eher harmlos – auf jeden Fall weniger gefährlich als Alkohol – und sollte deshalb legalisiert werden. Dagegen kann man das Frosch-Argument anführen: Cannabis sei eine Einstiegsdroge. Man lässt sich darauf ein, bald liegt man den ganzen Tag lang in einem Crack-Haus herum, und was ist dann mit dem protestantischen Arbeitsethos?

Während vor einer Woche die Augen der ganzen Welt auf den epischen Kampf zwischen Barack Obama und Mitt Romney gerichtet waren, hat sich fast unbemerkt einiges im erzkonservativen Amerika getan: In den Bundesstaaten Washington und Colorado wurde Cannabis in kleinen Mengen zu Zwecken des Genusses (und nicht etwa zu medizinischen Zwecken wie in Kalifornien ) legalisiert; in zwei weiteren Bundesstaaten wurde die Homo-Ehe eingeführt , und die größten Krakeeler gegen Abtreibung im Senat wurden von ihren eigenen konservativen Wählern abserviert.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Spätestens seit Reagan ist die ganze Welt der Meinung, Amerika sei ein urkonservatives Land. Das Gegenteil ist wahr: Amerika ist regelrecht fortschrittsfixiert. Vielleicht sogar zu sehr.

Schon 1973 wurde die Abtreibung in den USA legalisiert. In Deutschland versucht man das seit 1974 vergebens. Abtreibung ist immer noch rechtswidrig, aber seit 1992 straffrei, sofern sie in den ersten zwölf Wochen vorgenommen wird, nach einer Beratung und medizinischer oder psychologischer Indikation beziehungsweise Begründung.

In Amerika ist Letzteres nicht nötig, und der Eingriff kann etwa bis zur 24. Woche erfolgen. Die Richtschnur ist nicht, wann ein Leben zum Leben wird oder ob ein Embryo eine Seele hat. Hinter der Regelung steht eine viel pragmatischere Frage: Ab wann ist der Embryo in der Lage, außerhalb des Mutterleibs zu überleben? Um sie zu beantworten, muss man einen Arzt finden, der dazu bereit ist. Zugegeben, in einigen konservativen Gegenden kann das etwas zeitaufwendiger sein.

Die Homo-Ehe ist gegenwärtig in sechs Bundesstaaten sowie in Washington, D.C. eingeführt. Und mit der Wahl vor einer Woche kommen zwei neue dazu. In einigen weiteren Bundesstaaten gibt man sich mit der eingetragenen Partnerschaft ab, obwohl diese der traditionellen Ehe nicht gleichgestellt ist. Das gilt wiederum auch für Deutschland: Bis hier die Homo-Ehe kommt, wird es noch lange dauern .

Das Überraschende ist, dass zwei Bundesstaaten nun Marihuana als Genussmittel gesetzlich erlaubt haben. Bevor sich die Kiffer freuen, sollten sie aber noch eine Weile lang wach genug bleiben, um sich die Kontroverse dahinter klarzumachen: Diese neuen lokalen Gesetze stehen nämlich im klaren Widerspruch zur Bundesgesetzgebung, können also nur von den höchsten Gerichten durchgesetzt werden. Es wird darauf ankommen, dass es genug nicht zugekiffte Anwälte gibt, die die Sache so weit verfolgen können. Zum Glück ist die traditionelle Droge der Juristen Kokain.

Leserkommentare
  1. Endlich einer der das mal anspricht. Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Wir in Deutschland brüsten uns ja immer damit wie offen und liberal wir sind. Doch in Amerika gehen die Menschen viel offener mit Kontroversen Themen um. Vielleicht auch etwas fanatischer aber zumindestens so, dass es die Öffentlichkeit auch mitbekommt und somit auch ihre Meinung äußern kann , nicht so scheinheilig wie unsere Regierung. Die wartet lieber auf wichtige Fußballspiele , damit alle abgelenkt sind und sie sich nicht mit verschiedenen oppositionellen , möglicherweise erhitzten Meinungen auseinandersetzen muss.

    via ZEIT ONLINE plus App

    • Ullrik
    • 13. November 2012 19:18 Uhr
    50. Duldung

    Kommen sie doch mal nach Baden-Württemberg und erleben sie diese Duldung :)

  2. > ... "un-bizarr" von Ihnen ?

    Sie hatte dem Autor doch Bizarrität unterstellt.
    Ich fand an der Meinung des Autors nicht bizarres. Da Sie auch nicht erklärten was Sie dort bizarr fanden - außerdem meiner Meinung nach Ihr Komentar etwas sehr flapsig formuliert war,
    dachte ich das Sie es schon verstehen, mit dem das immer der andere derjenige ist, der falsch liegt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie schreiben: "Sie hatten dem Autor Bizarrität (Anm.: Sie meinen wohl: Bizarrerie) unterstellt. Ich fand an der Meinung nicht (sic) bizarres (sic) ... Ihr Komentar (sic)
    etwas sehr flapsig formuliert ... das (sic) immer der andere derjenige ist, der falsch liegt"

    Also: "flapsig" - zugegeben. Damit kann und will ich gut leben. Aber alles andere ist von Ihnen pauschalisiert worden. Sie haben das Wort "bizarr(en) gelesen - und schon trabte der Stier aufs rote Tuch zu ...

    I c h hatte geschrieben - flapsig - aber nicht grabenkämpferisch-verbohrt:

    " ... seine manchmal amüsanten, öfter aber arg schrägen, und zuweilen (sic!) gar bizarren Ansichten".

    So.

    Rechtfertigt das Ihr Verdikt ?

    Zudem bezog ich mich nicht nur auf den vorliegenden Artikel, sondern auf die schon seit einiger Zeit / ZEIT laufende Hansen-Serie. Auch da fehlt(e) es Ihnen ein wenig an differenzierter Wahrnehmung.

    • WolfHai
    • 13. November 2012 19:21 Uhr

    Kommentar 42: "Direkte Demokratie ist besser!"

    Ich kann diese Empfindung teilen. Auf der anderen Seite: Wenn in Deutschland eine Volksabstimmung in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts über die Todesstrafe hätte abstimmen sollen, dann hätten wir sie jetzt (wie die USA). Auch die drakonischen Strafen im US-Strafrecht sind der direkten Demokratie geschuldet, da Kandidaten es sich nicht leisten können, "soft on crime" zu sein. Finde ich nicht so gut.

    Andererseits glaube ich nicht, dass die Regierung die Euro-"Rettung" so durchziehen könnte (und das, ohne sich vernünftig zu erklären) wie jetzt, wenn wir eine Demokratie mit Direktwahl hätten.

  3. folgt in erster Linie einem pragmatischen Argument, nämlich dem, dass unzählige BürgerInnen wegen des Konsums einer für Erwachsene mindergefährlichen Droge im Rahmen des "war on drugs" eingeknastet wurden, was nicht nur die Überbevökerung in den US-Gefängnissen stetig weiter in die Höhe schraubte, sondern auch Polizeikräfte mit sinnlosen Aufgaben band.

    Ansonsten ergibt sich ein gemischtes Bild. Progressiv ist in einigen Staaten die Einführung der Homo-Ehe, rückwärtsgewandt und anti-liberal ist das Beibehalten der archaischen und menschenrechtswidrigen Todesstrafe, gegen deren Abschaffung sich jüngst eine Mehrheit der Kalifornier aussprach.

    Die Änderungen der Mehrheitsverhältnisse zugunsten von eher Progressiven (z. B. E. Warren) und zuungunsten von konservativen Freaks lässt hoffen. Schließlich haben die Demokraten die USA-weite Stimmenmehrheit der Wählenden erhalten - auch im Repräsentantenhaus. Die Sitzmehrheit der Republikaner dort ist allein auf Gerrymandering zurückzuführen -> http://www.slate.com/arti...

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    • WolfHai
    • 13. November 2012 19:50 Uhr

    "Progressiv ist in einigen Staaten die Einführung der Homo-Ehe, rückwärtsgewandt und anti-liberal ist das Beibehalten der archaischen und menschenrechtswidrigen Todesstrafe,..."

    Ansonsten nichts gegen Kommentar 55, aber diesen Wortgebrauch "rückwärtsgewandt" usw. finde ich doch zweifelhaft. Denn die Kommunisten mit ihrer Geschichtsphilosophie hatten eine klare Vorstellung, wo "vorn" war - aber wer kann ohne eine solche (und die kommunistische ist ja etwas aus der Mode gekommen) wissen wo "vorn" ist?

    Vielleicht ist unsere Zeit ohne Todesstrafe nur eine kurze Episode? Vielleicht ist es irgendwann "progressiv" das Haschischrauchen zu verdammen? (So wie jetzt das normale Rauchen ja eher rückschrittlich-unterklassenhaft ist, während noch die 68-Frauen sich das Rauchen angewöhnen mussten, um als fortschrittlich zu gelten - wofür sie jetzt mit frühem Tod bezahlen.) Vielleicht wird irgendwann die Abtreibung als "barbarisch" verdammt werden?

    Nicht dass ich wüsste, wo "vorn" ist. Aber andere wissen es auch nicht. Deshalb bitte mit "fortschrittlich" und "rückschrittlich" vorsichtig sein.

  4. Die Unterschiede sind eher marginal. Deswegen lässt es sich auch so wunderbar darüber streiten. Vergleichbare Dinge müssen ähnlich sein. Und das sind die USA und Europa: Reiche, etwas übersättigte, hoch technisierte Länder mit vergleichsweise gut funktionierenden Demokratien und überwiegend freundlichen Menschen, die sich selbst als glücklich einschätzen ( Siehe entsprechende Untersuchungen zum subjective well being ). Da findet sich kein wirklicher Grund, auf das eine oder andere Land oder den ein oder anderen Kontinent herabzuschauen.

  5. ....läuft gerade eine Sendung über die Prohibition der 20er in den USA .... geradezu grotesk, was da ablief ! Und wenn man denkt, das wäre vorbei; Irrtum !
    Beispiel Lynchburg, Tennesse(da wo Jack Daniels wohnt !):
    Ein trockener Distrikt ! Keine Kneipe, kein gar nischt!

    Ist schon ein seltsames Völkchen !!

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    Kleiner Vergleich. Ich weiss er ist wahrscheinlich unpassend.
    Aber vielleicht sollte mehr Deutsche sich Gedanken machen was in Deutschland verbesserungswürdig ist als immer den anderen zu sagen wo der Weisheit zu Hause ist.

    > 20er in den USA .... geradezu grotesk

    30er in DE ... ohne Worte

    > Und wenn man denkt, das wäre vorbei; Irrtum !

    In den Letzten Tagen gings durch die Presse fast jeder 6 in Ostdeutschland hat ein "geschlossenes rechtsextremes Weltbild”.

    > Ist schon ein seltsames Völkchen !!

    Völkchen? Klar 300+ Millionen US-Bürger unterschiedlicher Abstammung sind eine Völkchen. Was sind dann die Deutschen?

    Der Geist im Euro(pa) an dem ....

    Das war jetzt starker Tobak. Aber ich dachte das musste ich jetzt sagen.

    Zu der Dokumentation auf Arte, die fand ich auch sehr kurzweilig.

    • WolfHai
    • 13. November 2012 19:50 Uhr

    "Progressiv ist in einigen Staaten die Einführung der Homo-Ehe, rückwärtsgewandt und anti-liberal ist das Beibehalten der archaischen und menschenrechtswidrigen Todesstrafe,..."

    Ansonsten nichts gegen Kommentar 55, aber diesen Wortgebrauch "rückwärtsgewandt" usw. finde ich doch zweifelhaft. Denn die Kommunisten mit ihrer Geschichtsphilosophie hatten eine klare Vorstellung, wo "vorn" war - aber wer kann ohne eine solche (und die kommunistische ist ja etwas aus der Mode gekommen) wissen wo "vorn" ist?

    Vielleicht ist unsere Zeit ohne Todesstrafe nur eine kurze Episode? Vielleicht ist es irgendwann "progressiv" das Haschischrauchen zu verdammen? (So wie jetzt das normale Rauchen ja eher rückschrittlich-unterklassenhaft ist, während noch die 68-Frauen sich das Rauchen angewöhnen mussten, um als fortschrittlich zu gelten - wofür sie jetzt mit frühem Tod bezahlen.) Vielleicht wird irgendwann die Abtreibung als "barbarisch" verdammt werden?

    Nicht dass ich wüsste, wo "vorn" ist. Aber andere wissen es auch nicht. Deshalb bitte mit "fortschrittlich" und "rückschrittlich" vorsichtig sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    But some ignore it irrationally! ;-)

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  • Schlagworte Barack Obama | USA | Abtreibung | Cannabis | Droge | Embryo
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