Wir Amis / Armut : Gibt es echte Obdachlosigkeit in Deutschland?

Anders als in den USA muss in Deutschland keiner auf der Straße leben, der dies nicht möchte, hört unser Kolumnist Eric T. Hansen häufiger. Stimmt das wirklich?

Warum gibt es so viel Armut und Obdachlosigkeit in Amerika und so wenig in Deutschland? Diese Frage musste ich mir vergangene Woche stellen, als ich auf meiner Facebook-Seite einen Mini-Shitstorm erleben durfte.

Aus Versehen und, das möchte ich hier ausdrücklich versichern, ohne jede Absicht hatte ich wohl einige Leser beleidigt, indem ich implizierte, dass es auch in Deutschland Obdachlosigkeit gäbe. Das kam so: Einem Berliner Video-Künstler namens Victor Kossakovsky war nicht verborgen geblieben, dass Obdachlose in den warmen, beleuchteten Räumen von Banken schlafen, in denen die Geldautomaten stehen.

Er machte ein Video daraus, legte Volksmusik aus Russland darunter, und die New York Times stellte es ins Netz , wo ich es sah und den Link auf meine Facebook-Seite stellte. (Mir war das In-Banken-Schlafen-Phänomen auch schon seit einigen Jahren aufgefallen, bloß kam ich Blödmann nicht auf die Idee, Kunst daraus zu machen.)

Nur freiwillig obdachlosin Deutschland?

Schnell wurde ich eines Besseren belehrt: Wer in Deutschland nachts auf der Straße schlafe, schrieben meine Freunde bei Facebook , tue das, weil er es tun will, nicht weil er es tun müsse. Diese Menschen seien dann auch nicht "obdachlos", sondern "nichtsesshaft". Schließlich fange das deutsche Sozialsystem jeden auf. In Amerika sei das anders: Dort schläft keiner freiwillig, quasi als Statement, auf der Straße, sondern, weil er dazu gezwungen wird.

Nun war es keineswegs meine Absicht, den Deutschen zu unterstellen, dass ihre Obdachlosigkeit in irgendeiner Weise mit der amerikanischen Obdachlosigkeit vergleichbar wäre. Ich wollte nur einmal zeigen, wie ausländische Zeitungen über Deutschland berichten.

Gerade über bestimmte europäische Phänomene nämlich kann man oft viel mehr in der New York Times erfahren als in deutschen Zeitungen. Zum Beispiel über Nichtsesshafte in Berlin oder über die Obdachlosen in Zeltstädten mitten in Paris . Obdachlosigkeit und Armut in den USA finden umgekehrt die Deutschen viel interessanter.

In einer durchschnittlichen Nacht in Amerika müssen laut dem Wohn- und Städtebauministerium Department of Housing and Urban Development (HUD) rund 650.000 Menschen entweder in Notunterkünften (80 Prozent von ihnen) oder auf der Straße (20 Prozent) schlafen.

Mindestens einmal im Leben auf der Straße

Allerdings bleiben die meisten dieser Menschen nur eine Nacht beziehungsweise weniger als einen Monat obdachlos: Die Zahl der Langzeit- oder "chronisch" Obdachlosen liegt bei rund 110.000.

Hierzulande geistert der Mythos herum, dass "bis zu 40 Prozent aller Amerikaner" ohne Dach über dem Kopf seien. Es ist schon schmeichelhaft, dass viele Deutsche glauben, die USA könnten auch mit 40 Prozent Obdachlosen weiterhin reichste Nation der Welt bleiben. Chapeau, Amerika!

Leider handelt es sich um ein Missverständnis. In den jährlichen Berichten der HUD zur Obdachlosigkeit heißt es immer wieder: "Irgendwann in ihrem Leben werden 40 Prozent der Amerikaner mindestens eine x-beliebige Nacht lang obdachlos sein." In der Weitererzählung wandelt sich dieser Satz in: "Stell dir vor, 40 Prozent aller Amerikaner sind obdachlos!"

Dass so viele Amis mindestens einmal im Leben auf der Straße oder in ihrem Auto schlafen, führt dazu, dass man fast in jeder Gesellschaftsschicht jemanden findet, vom Shampoo-Millionär John Paul Mitchell oder dem Begründer der Fastfood-Kette Kentucky Fried Chicken bis hin zu Stars wie Ella Fitzgerald , Kurt Cobain, Jim Carrey, Sylvester Stallone und William Shatner , der sagen kann bzw. konnte: "Auch ich war einmal obdachlos, Baby."

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Kommentare

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Vor ein paar

Monaten gab es in deutschen Fußgängerzonen eine großangelegte Aktion zur Aufmerksamkeitslenkung. Ich war zu der Zeit in mehren Städten unterwegs und sah öfters in Sehweite von Obdachlosen gut gekleidetes Bürgertum sein Selbstbewusstsein zur Schau tragen vor einem Aufmerksamkeitserregungsstand mit der Aufschrift "Armut ist weiblich". Natürlich hat auch weibliche Armut jede Form der Solidarität verdient. Aber diese Art programmierter Blindheit und Selbstdarstellung auf Kosten UNKITTELBAR SICHTBARER Menschen machte mich doch etwas fassungslos.

Phänomene

Durch die Arbeit meiner Frau kam ich in Kontakt mit Obdachlosenkreisen einer südamerikanischen Grossstadt. Dort ist es zwar etwas wärmer, aber die Temperaturen liegen trotzdem monatelang im empfindlichen Bereich.
Meine Sichtweise hat sich damals grundlegend geändert. Zuerst einmal sah man es den meisten gar nicht an. Menschen im besten Alter, gut gekleidet, sauber, in gewisser Weise auch gebildet. Viele lebten schon seit Kind ohne festen Wohnsitz, gewissermassen in Familientradition. Man war gar nichts anderes gewohnt, hatte sich arrangiert, verfügte über ein Netzwerk persönlicher Kontakte. Man kriegte es aber auch nicht hin, eine Wohnung zu organisieren, das war schon ein Problem. Ein psychologisches vielleicht. Meist tat der Aklohol dann noch seinen Teil dazu.
Der typische verdreckte Penner ist aber ein anderes Problem. Die meisten sind psychisch krank und extrem gestört, was persönliche Kontakte angeht.

War nicht zynisch gemeint, ganz im Gegenteil

Tschuldigung, war aber nicht zynisch gemeint. Meine Beobachtung ist eben wie gesagt anders, was ein paar Jahre Platte angeht. Nämlich dass es einmal die Hardcore-Penner gibt, die jeder Hilfe kathegorisch aus dem Weg gehen und die dort sind, weil sie schizophren oder geistig behindert sind oder was auch immer. Da hilft die Suppenküche nicht viel weiter, weil sie in stationäre Behandlung müssten.
Andererseits hab ich aber auch eben Leute kennen gelernt, die täglich ihre Suppenküchenroute machten und damit nicht nur unzufrieden waren.

Aber wie gesagt ist das auf eine südamerikanische Grosstadt beschränkt.

In der Tat führen schwere psychische Erkrankungen

überdurchschnittlich häufig in die Obdachlosigkeit. Vielen Obdachlosen merkt man an, daß sie psychotisch sind. In Deutschland kann man sich nur selbst freiwillig in eine psychiatrische Klinik begeben, es sei denn, es liegt Selbst- oder Fremdgefährdung vor. Für mich ist es allerdings selbstgefährdend, im Winter auf der Staße zu schlafen. Deswegen fände ich ein Überdenken der starren Richtlinien sinnvoll.

Zwangseinlieferung?

@doublethink
Sie schlagen nicht wirklich vor, psychisch Kranke zwangseinzuliefern?

Mag sein, dass viele Obdachlose ein psychisches Problem haben. Aber ist das denn ein Wunder? Der Obdachlosigkeit geht oft ein jahrelanger Leidensweg voraus. Unter Anderem provoziert durch den erniedrigenden Behördenwahnsinn in den Jobcentern. Wenn einem studierten EDVler eine Maßnahme aufgezwungen wird, in der er lernt, wie man Briefe stempelt (kein Scherz, geschehen bei der Caritas in Ffm), kann man ihm dann verdenken, dass er depressiv wird und im Zweifel auf HartzIV verzichtet?

Es ist bestimmt kein Zuckerschlecken, auf der Straße zu sitzen und zu betteln und frierend die abwertenden Blicke der Mitmenschen zu ertragen. Allein schon deshalb gehört es sich für jeden von uns, diesen Menschen etwas abzugeben!
Niemandem, der noch nicht in einer solchen Situation war, steht es zu darüber zu urteilen.

Aber solang in unserer Gesellschaft Gier und Egoismus als erstrebenswerte Eigenschaften angesehen werden, wird sich wohl leider nichts ändern.

'das dilemma'...

...oder was erwartet die gesellschaft von einem hier immer wieder propagierten 'muendigen' buerger?

wenn ein muendiger buerger unter psychischen stoerungen leidet uns somit unmuendig wird, darf ihn a. der staat nicht zwangsweise in behandlung nehmen und ihn b. aber auch nicht 'vom bahnhof' oder anderen oeffentlichen plaetzten verbringen, wenn er sich einer behandlung verweigert? wie saehe denn ihre loesung aus?

es kann nicht sein, den freien und selbstbestimmten muendigen buerger zu verlangen und wenn er es wie in unseren gesellschaften dann ist, zu fordern, dass 'die gesellschaft' fuer missstaende verantwortlich sei, jedoch nicht das individuum selbst! wie passt das zusammen? einerseits das 'ich', andererseits aber 'die gesellschaft'(ist schuld?)?

hm...

cheers

p.s. hoffe, auch wenn ich nicht gemeint war, dass meine fragestellung ok ist?