ArmutGibt es echte Obdachlosigkeit in Deutschland?
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 In Deutschland werden die Oachlosenzahlen nicht offiziell erhoben

Leider gehöre ich Weichei nicht dazu: Als meine Exfrau mich in den Neunzigern rausschmiss, legte ich mich in München voller Trotz auf eine Parkbank mit dem festen Entschluss, dort die Nacht zu verbringen. Doch schon nach wenigen Minuten wurde mir klar, wie kalt es auf einer Parkbank werden kann. Also schluckte ich meinen Stolz hinunter und klingelte doch bei einer gemeinsamen Freundin. Sie machte die Tür auf mit den Worten: "Wurde auch Zeit. Deine Frau hat schon angerufen. Was hast du gemacht? Dich auf eine Parkbank gelegt?"

Die Bundesgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland auf 248.000, allerdings schlafen nur rund 22.000 von ihnen auf der Straße oder in Notunterkünften. Das ist im Vergleich zu Amerika tatsächlich erstaunlich gut. Chapeau, Deutschland!

Trotzdem ist 248.000 beziehungsweise 22.000 für ein reiches Land wie Deutschland keine kleine Zahl. Obdachlose gibt es in Deutschland wirklich, und sie schlafen nicht aus Lust und Laune auf der Straße oder in einer Notunterkunft. Immer wieder fallen verarmte, auch ältere Menschen mit einer geringen Pension in die Obdachlosigkeit. Das deutsche Sozialsystem greift zwar, aber nicht sofort: Bis ein Obdachloser in Deutschland irgendwann in eine permanente, staatsfinanzierte Behausung kommt, von wo aus er den Weg ins normale Leben zurück finden kann, schläft er schon ein paar Nächte auf der Straße.

Obdachlosenzahl in Deutschland nicht erhoben

Wir begreifen Obdachlosigkeit in absoluten Zahlen, aber in Wahrheit besteht sie aus einer ständigen Fluktuation. So ist das auch in Amerika: Nach ein oder zwei Nächten auf der Straße finden die meisten einen Schlafplatz bei Verwandten oder in einer Langzeit-Behausung des Staates, von wo aus sie den Weg ins normale Leben zurückfinden.

Inwiefern diese Schätzung allerdings stimmt, werden wir nie wissen, denn die Obdachlosenzahlen werden in Deutschland nicht offiziell erhoben. Während die USA und die meisten europäischen Staaten die Zahlen jährlich offiziell bekannt geben, wo sie ebenso jährlich einen Aufschrei der Empörung auslösen, weigert sich die deutsche Regierung seit Jahrzehnten, einen entsprechenden gesetzlichen Auftrag an das Bundesamt für Statistik zu geben. So sind wir auf Schätzungen angewiesen.

Vielleicht sind die Deutschen aber auch einfach noch nicht daran gewöhnt, wie ein Einwanderungsland zu denken. Denn von den vielen Faktoren, die zu Armut und Obdachlosigkeit führen, ist die Einwanderung derjenige, den man nicht wirklich lösen kann.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Die USA sind nach wie vor ein Einwanderungsland. Heute noch wandert jedes Jahr etwa eine Million Menschen legal ein und dazu zahllose Illegale. Sie kommen nicht, weil es ihnen zu Hause zu gut ging: Sie sind oft arm und ungebildet und landen erst einmal in der untersten Stufe der Gesellschaft. Erst mit den folgenden Generationen kommen viele aus der Unterschicht heraus, wenn überhaupt.

Dieses Phänomen hat auch in Deutschland begonnen. Laut der Bundesgemeinschaft Wohnungslosenhilfe besteht schon heute ein unbestimmter Anteil der Wohnungslosen aus Einwanderern – ob sie nun auf der Straße schlafen oder schon ihren Weg ins Sozialsystem gefunden haben.

Fremde Sprachen im Geldautomaten-Raum

Wenn Sie das nächste Mal drei Menschen in einem Geldautomaten-Raum schlafen sehen, kann es gut sein, dass ein oder zwei von ihnen eine fremde Sprache sprechen. Das Phänomen wird auch weiterhin existieren, und zwar völlig unabhängig von der Konjunktur, denn in den Schengen-Europa drängen mehr Migranten aus ärmeren europäischen und angrenzenden Regionen wie Afrika nach Deutschland, wo die Wirtschaft stark ist. Viele von ihnen werden auf der Straße schlafen, bis sie Arbeit finden oder den Weg ins Sozialsystem.

Als Ami weiß ich: Migration tut einem Land gut. Sie bringt frisches Blut, neue Perspektiven und mit der Zeit sogar neue Ideen, und Deutschland kann neue Ideen gut gebrauchen. Der Preis aber ist hoch, vor allem, was die Selbstwahrnehmung betrifft:

Irgendwann werden auch die reichen Deutschen nicht mehr so tun können, als schliefen bei ihnen nur diejenigen auf der Straße, die Lust und Laune dazu haben.

Ich sage: Willkommen im Klub!

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Leserkommentare
  1. "Nun war es keineswegs meine Absicht, den Deutschen zu unterstellen, dass ihre Obdachlosigkeit in irgendeiner Weise mit der amerikanischen Obdachlosigkeit vergleichbar wäre."

    Grossartig =)

    30 Leserempfehlungen
  2. Monaten gab es in deutschen Fußgängerzonen eine großangelegte Aktion zur Aufmerksamkeitslenkung. Ich war zu der Zeit in mehren Städten unterwegs und sah öfters in Sehweite von Obdachlosen gut gekleidetes Bürgertum sein Selbstbewusstsein zur Schau tragen vor einem Aufmerksamkeitserregungsstand mit der Aufschrift "Armut ist weiblich". Natürlich hat auch weibliche Armut jede Form der Solidarität verdient. Aber diese Art programmierter Blindheit und Selbstdarstellung auf Kosten UNKITTELBAR SICHTBARER Menschen machte mich doch etwas fassungslos.

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  3. und Hintergründe des Artikel eignet sich der LINK unter dem kleinen Bild oben (mit Hut, Schreibmaschine etc..) besonders gut, oder gleich hier klicken: http://www.ethansen.de/

  4. Durch die Arbeit meiner Frau kam ich in Kontakt mit Obdachlosenkreisen einer südamerikanischen Grossstadt. Dort ist es zwar etwas wärmer, aber die Temperaturen liegen trotzdem monatelang im empfindlichen Bereich.
    Meine Sichtweise hat sich damals grundlegend geändert. Zuerst einmal sah man es den meisten gar nicht an. Menschen im besten Alter, gut gekleidet, sauber, in gewisser Weise auch gebildet. Viele lebten schon seit Kind ohne festen Wohnsitz, gewissermassen in Familientradition. Man war gar nichts anderes gewohnt, hatte sich arrangiert, verfügte über ein Netzwerk persönlicher Kontakte. Man kriegte es aber auch nicht hin, eine Wohnung zu organisieren, das war schon ein Problem. Ein psychologisches vielleicht. Meist tat der Aklohol dann noch seinen Teil dazu.
    Der typische verdreckte Penner ist aber ein anderes Problem. Die meisten sind psychisch krank und extrem gestört, was persönliche Kontakte angeht.

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    "Der typische verdreckte Penner ist aber ein anderes Problem. Die meisten sind psychisch krank und extrem gestört, was persönliche Kontakte angeht."

    Raten Sie mal, wie es Ihnen nach ein paar Jahren Platte gehen dürfte?

  5. "Der typische verdreckte Penner ist aber ein anderes Problem. Die meisten sind psychisch krank und extrem gestört, was persönliche Kontakte angeht."

    Raten Sie mal, wie es Ihnen nach ein paar Jahren Platte gehen dürfte?

    38 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Phänomene"
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    Tschuldigung, war aber nicht zynisch gemeint. Meine Beobachtung ist eben wie gesagt anders, was ein paar Jahre Platte angeht. Nämlich dass es einmal die Hardcore-Penner gibt, die jeder Hilfe kathegorisch aus dem Weg gehen und die dort sind, weil sie schizophren oder geistig behindert sind oder was auch immer. Da hilft die Suppenküche nicht viel weiter, weil sie in stationäre Behandlung müssten.
    Andererseits hab ich aber auch eben Leute kennen gelernt, die täglich ihre Suppenküchenroute machten und damit nicht nur unzufrieden waren.

    Aber wie gesagt ist das auf eine südamerikanische Grosstadt beschränkt.

    • scoty
    • 20. November 2012 16:16 Uhr

    zu Teil aus Suchtgründen.
    Es sind in der Regel Personen die Alkohol oder Drogen zu sich nehmen und nicht kontrollierbar sind.

    Der folgende Satz ist auch nett:

    " Obdachlosigkeit und Armut in den USA finden umgekehrt die Deutschen viel interessanter. "

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    • GDH
    • 20. November 2012 16:41 Uhr

    "Es sind in der Regel Personen die Alkohol oder Drogen zu sich nehmen und nicht kontrollierbar sind."

    In wie fern muss jemand "kontrollierbar" sein? Alkohol und Drogen kann man auch mit Wohnung nehmen. Es ist ja nicht so, dass das Amt das Wohngeld für diese Leute bar auszahlt damit die ihr Suchtmittel davon kaufen können.

    Drogenkonsum spricht tatsächlich gegen Notunterkünfte (weil es dort zu wenig Privatphäre gibt) und mag ein Grund sein, warum Leute erstmal lieber auf der Straße "wohnen".

    Dass Leute auf Dauer keine Wohnung haben, dürfte aber eher daran liegen, dass sie (warum auch immer) von der Bürokratie abgeschreckt sind, die damit einhergeht, sich Wohnung und Wohngeld zu besorgen.

    • vistraw
    • 20. November 2012 18:58 Uhr

    Auch ich meines Wissens glaube gelesen oder Fernsehsendungen gesehen habe mit der Information, dass keine alkoholisierte oder unter Drogen stehende Menschen aus Sicherheitsgründen nicht in die Notunterkünfte hereingelassen werden. Darüber schweigt aber der Autor...

    • L0rdi
    • 20. November 2012 16:20 Uhr

    Der deutsche Traum vom Sozialstaat, der allen bedingungslos hilft, scheint tatsächlich noch tief verankert zu sein in der Mitte der Gesellschaft. Eigentlich ein Argument für die Wiedereinführung des Zivildienstes für alle. Danke für den Artikel :)

    11 Leserempfehlungen
  6. und davon kann ein großer Teil gar nicht anders leben.
    So ist meine Feststellung nach mehreren Gesprächen mit Nichtseßhaften.

    Das ist aber keine Entschuldigung für solche Zustände in der reichen BRD:
    http://www.mopo.de/nachri...

    Eine Leserempfehlung
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    • lxththf
    • 20. November 2012 16:49 Uhr

    was sind "Viele"? Was ist ein großer Teil?
    Obdachlosigkeit wird mittlerweile besonders in Großstädten auf eine sehr zynische Art und Weise bekämpft. Man vertreibt sie aus den Bahnhöfen und aus der Innenstadt und lagert das Problem simpel an den Stadtrand aus, denn wer will schon beim shoppen einen Obdachlosen sehen, der bettelt? Darin besteht der gesellschaftliche Zynismus. Man breitet den Mantel des Schweigens darüber. Vor Jahren konnte ich einen Fragebogen bearbeiten in dem es um soziale Unordnung ging, wobei unter anderem Obdachlose erwähnt wurden. Dabei wurde mir klar, dass weder Obdachlose noch Bettler in der Tat gesellschaftlich relevant wahrgenommen werden. Achten Sie darauf, wenn Sie durch die Straßen ihrer Stadt gehen. Beobachten Sie die Menschen, wie sie reagieren, wenn sie an extremst bedürftigen Menschen vorbeigehen, die Taschen voll mit teuren Kram. Sie schauen nicht einfach nur weg. Sie schauen so weit weg, wie nur möglich, um ja nicht belästigt zu werden.
    Im Winter sah ich aus dem Bus heraus etwas, was mich erschüttert hatte. Ein paar Menschen unter einer Brücke um eine Tonne mit Feuer und ich kam mir vor, wie in einem Film.
    Es mag Menschen geben, die tatsächlich so Leben wollen (gerade in jüngeren Jahren und linksextremen Kreisen gibt es dieses Klischee), aber ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen, dass es viele sind, wie Sie sagen.
    PS: Reichtum ist so eine Sache, wenn das ganze nur auf Schulden beruht, wie z.B. in den USA Herr Hansen.

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  • Schlagworte USA | Armut | Ella Fitzgerald | Facebook | Jim Carrey | Migration
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