Cornel West "Obama hat sich als Neoliberaler erwiesen"

Cornel West, die philosophische Stimme des schwarzen Amerika, spricht im Interview über alltäglichen Rassismus, heilende Komik und seine Enttäuschung über Barack Obama. von Julien Charnay

Cornel West

Cornel West  |  © Karen Bleier/AFP/Getty Images

Kaum hat er die Tür seines Büros an der amerikanischen Eliteuniversität Princeton geöffnet, breitet Cornel West seine Arme weit aus und setzt zu einer festen Umarmung an. Ein lachender Philosoph, dessen tiefe Liebe zu Jazz und Blues bereits im Klang seiner Stimme zum Ausdruck kommt. West ist kein Professor wie jeder andere, sondern als politischer Aktivist regelmäßiger Gast in den großen amerikanischen Radio- und Fernsehshows. Sogar in Hollywood-Blockbustern wie Matrix Reloaded ist er in einer Rolle als "Dr. West" zu bewundern. Natürlich erregt er mit dieser Popularität auch Argwohn, provoziert, eckt an. Wie seine große Leitfigur, Martin Luther King, scheut er keine Kontroverse, geht rhetorisch scharf vor. Im Jahr 2008 noch einer der großen Unterstützer von Barack Obama, hat sich West mittlerweile zu einem der schärfsten Kritiker des amerikanischen Präsidenten entwickelt.

Frage: In seinem Meisterwerk The Souls of Black Folk (Die Seele der Schwarzen) beschreibt der große afroamerikanische Intellektuelle W. E. B. Dubois (1868–1963) sein durch den Rassismus der amerikanischen Gesellschaft ausgelöstes Gefühl, "ein Problem zu sein". Haben Sie dieses Gefühl jemals gehabt?

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Cornel West: Ich bin unter Schwarzen aufgewachsen: eine ganz andere Erfahrung als bei Dubois, der einer der wenigen Schwarzen in der Stadt war, in der er lebte – auf der weißen Seite Amerikas. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich ein Problem sei, denn wir hatten alle die gleiche Hautfarbe. Dubois wird von der Frage "Wie fühlt es sich an, ein Problem zu sein" verfolgt, denn der einzige Blick auf sich selbst, den er hat, ist der Blick aus der normativen weißen Sicht, also: "Ihr Schwarzen seid ein Problem." Meine Ausrichtung ist eine ganz andere.

Cornel West

1953: Geboren in Tulsa, Oklahoma, USA

1970: Studium in Harvard, unter anderen bei Stanley Cavell und John Rawls

1980: Promotion über Ethik und Marxismus an der Universität Princeton unter Einfluss des dort lehrenden Richard Rorty

1984–2002: Professuren in Yale, an der Universität von Paris, in Princeton und Harvard

seit 2002: Professur für Afroamerikanische Studien an der Universität Princeton und für Religionsphilosophie und Christliche Studien am Union Theological Seminary in New York

2009: West trägt mit einem gesprochenen Text zu der Jazz-Platte Choices von Terence Blanchard bei

Frage: In welcher Tradition sehen Sie sich?

West: Ich bin ein Blues-Mann, ein Jazz-Mann, und als solcher sehe ich mich selbst nicht mit dem Blick des weißen Publikums. Ich betrachte mich als jemanden, der in einer großen schwarzen Tradition steht und der auf das weiße Publikum reagiert. Blues und Jazz sind nicht bloß musikalische Formen, sondern ontologische Arten, frei, mutig und mitfühlend zu sein in einer Welt, die mit der Katastrophe ringt. Wird der Blues-und-Jazz-Mann misshandelt oder terrorisiert, so sagt er: Jemand verhängt eine Katastrophe über mich. Die weiße Vorherrschaft ist nicht nur individuell, sondern institutionell. Sie ist kein Problem, sondern eine über die Schwarzen verhängte Katastrophe.

Frage: Wann genau erlebten Sie zum ersten Mal Unrecht?

West: Eine Begebenheit traf mich wirklich hart. Als Kind ging ich einmal in den weißen Teil der Stadt zum Schwimmkurs und sprang ins Becken. Sofort flohen alle weißen Brüder und Schwestern an Land, und das Wasser wurde komplett abgepumpt, denn, so sagten sie, ich hatte es mit meinem schwarzen Körper verunreinigt. Sie ließen das ganze Wasser ab, um das Becken neu zu füllen … Ich sagte mir: Verdammt, das ist wirklich irrational, das ist pathologisch.

Frage: Fühlten Sie sich durch den Mord an Martin Luther King auch selbst sehr verletzt? Wie haben Sie den Tag in Erinnerung?

West: Ich weiß noch, ich war erschüttert von der Absurdität, in Amerika zu leben, der Absurdität meines eigenen Lebens. Zu der Zeit war ich vor allem damit beschäftigt, der schnellste Sprinter der Stadt zu werden – und dann wurde Bruder Martin abgeschossen wie ein Hund. Von dem Tag an war mir klar, ich musste herausfinden, was ich wirklich im Leben tun wollte. Der Tod Martin Luther Kings ist eine weitere Begegnung mit der Zerbrechlichkeit und Kontingenz des Lebens, die mit dem Unrecht verbunden ist. Nach seiner Ermordung schwor ich mir, dass ich für sein Vermächtnis leben und sterben würde. Ähnlich wie Platon dem Vermächtnis des Sokrates den Weg durch die Welt bereitete. Solange es Menschen gibt, werden sie wissen, es gab einen Mann namens Sokrates, mit dem man sich auseinandersetzen muss; und so sollte es auch mit Martin Luther King sein. Nicht um ihn zu imitieren, ihm nachzueifern, sondern um mit ihm zu ringen, etwas von ihm zu lernen.

Leserkommentare
  1. und jetzt will er Mitt Romney wählen? Oh, Gott!

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    • Azenion
    • 04. November 2012 9:06 Uhr

    Wie kommen Sie darauf?

    • Azenion
    • 04. November 2012 9:06 Uhr

    Wie kommen Sie darauf?

    Antwort auf "und warum jetzt das?"
  2. Obama entscheidet ebenso wenig über das Schicksal der USA wie es Romney glaubt zu können, wenn er nur an den Hebeln der macht sitzt.
    Die Passivität der Benachteiligten und die Treue mehr oder weniger üppig abgefütterter Wasserträger tragen das Schicksal von Mächtigen, die inzwischen große Mühe haben, ihre Macht unter beweis zu stellen.
    Die Möglichkeit zu zerstören und zu tyrannisieren ist eine eher täuschende Erfahrung von Macht, die ständig ihre Grenzen herausfordert und schließlich erfährt. Bei diesem ebenso fruchtlosen wie grausam zerstörerischen Spiel in egozentrischen Horizonten geht wertvolle Zeit verloren, die für die Existenzsicherung der Gattung Mensch inzwischen beängstigend knapp geworden ist.
    Es tut gut, wenn eine wichtige Stimme der farbigen Bevölkerung hier der Realität die Tür öffnet.

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/jp

  4. Die US-Finanzelite fühlt sich von Barack Obama gegängelt. Zu unrecht - denn die Versuche des Präsidenten, die Wall Street stärker zu überwachen, sind dank millionenteurer Lobbyarbeit gründlich verwässert worden. Für die US-Großbanken gilt weiterhin: Sie sind zu groß zum Pleitegehen.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/obamas-wirtschaftsbilanz-in-de...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wie hätte Obama sich den Lobbyisten auch entziehen können, nachdem er sie ins Kabinett geholt oder als Berater engagiert hat.
    Dass in Richtung Finanzindustrie so wenig passiert ist, ist also nicht Obamas Schuld. Der arme Mann kann da gar nichts für...

    • sf2000
    • 04. November 2012 10:24 Uhr

    ... das in Ergänzung mit diesem hier vielleicht weniger Fragen offen läßt: http://www.vice.com/read/cornel-west-plans-to-vote-for-obama-in-november...

    • mores
    • 04. November 2012 10:25 Uhr

    Hier wundern sich Heilsgläubige über Sozis wie Schröder, Steinbrück u. "noch viel mehr", in den USA Philosoph West u. enttäuschte Baptisten-Prediger über "Erlöser" Obama. Wahrheit ist immer gemein!

    • TDU
    • 04. November 2012 10:36 Uhr

    2:2 stehts. Martin Luther King, Malcolm X und Tschechow und Sartre. Gott ist neutral, und somit wäre es schön, wenn genau das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiss gelten würde. Gleichberechtigung und keine Erwartung im Hinlick auf eienen Sieger.

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