USADie erste gute Idee von Occupy

Die Occupy-Bewegung glänzt endlich mit einer sinnvollen Tat: Sie kauft klammen Bürgern ihre Schulden ab – worauf die Tea Party neidisch sein sollte, meint Eric T. Hansen. von 

Aktivistin in Los Angeles

Aktivistin in Los Angeles  |  © David McNew/Reuters

Hiermit nehme ich alles zurück, was ich je im Leben über die Occupy-Bewegung gesagt habe.

Und das war nicht wenig: Pubertär und halbgar habe ich sie genannt, ineffektiv, politisch wie wirtschaftlich naiv, im Vergleich zur Tea Party leider irrelevant, und vieles mehr.

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All das bereue ich jetzt, denn seit einigen Wochen hat eine Handvoll Occupy-Anhänger ein Projekt ins Leben gerufen, das ich ernst nehmen kann. Lustigerweise ist es eine Idee, die sogar die Tea Party ernst nehmen kann. Ach was, es ist eine Idee, auf die die Tea Party neidisch sein sollte.

Ein Hauptgrundsatz der Tea Party ist ja: weniger Staat. Der Staat, glaubt die Tea Party (und tief im Herzen auch ein Großteil der Amerikaner), sei zu groß, korrupt und ineffizient, um solch komplizierte Dinge wie einen Sozialstaat kostengünstig und leistungsfähig zu verwalten. Wir trauen unseren Bundesbehörden ungefähr so viel praktisches Organisationstalent zu wie der durchschnittliche Deutsche einem EU-Bürokraten.

Soviel wie möglich, glauben wir, vom Schul- bis zum Rentensystem, gehöre in private Hand, und der Staat solle sich auf Dinge konzentrieren, die er kann: Straßen bauen und uns den Rest der Welt vom Leib halten.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Nun haben eine Handvoll Occupy-Anhänger diesen Gedanken der Tea Party kurzentschlossen weggenommen und zu Ende gedacht – und die Rolling Jubilee ins Leben gerufen, die da ansetzt, wo der Staat versagt hat.

Denn Obama hatte zwar nach der Finanzkrise die Banken vor den Konsequenzen ihrer dummen Entscheidungen, aber die Kunden nicht vor ihren Banken gerettet. Das kam so:

Vor der Finanzkrise 2008/9 hatten eine Menge Hauseigentümer irreal hohe Schulden auf sich genommen – im guten Glauben, sie hätten alle Zeit der Welt, diese zu tilgen. Doch in der Krise stiegen plötzlich die Raten für die Kredite. Die Folge: Zahlreiche Amerikaner verloren ihre Häuser, behielten aber diverse Schulden, die sie nicht mehr zurückzahlen können.

Schulden wie weggezaubert

Also werden diese "schlechte Schulden", die für die Banken nur lästig sind, gebündelt und in Paketen billig weiterverscherbelt. Und zwar richtig billig: zu nur ein paar Prozent des ursprünglichen Wertes. So können Inkassounternehmen die "schlechten" Schuldscheine kaufen und ihr Bestes tun, pro ursprünglich geschuldetem Dollar wenigstens noch 50 Cent bei den Schuldnern herauszuholen. Und viel Glück damit.

Hier kommt Rolling Jubilee ins Spiel: Man kauft die verbilligten Schulden ebenfalls für ein paar Cents, doch statt sie dann mit Gewinn einzutreiben, informieren sie die Schuldner einfach, dass ihre Schulden sich in Luft aufgelöst hätten , und ein schönes Leben noch. Das sind Zaubertricks, wie sie bisher nur fiese Banker drauf hatten.

Bis jetzt hat Rolling Jubilee knapp eine halbe Million Dollar durch Online-Spenden eingenommen und kann damit den 16-fachen Wert an "schlechten" Schulden aller Art kaufen. Hut ab!

Allerdings ist das nicht so viel, wie es sich anhört: Die gesamten Privatschulden der Amerikaner werden auf $11 Billionen geschätzt. Und das ist kein Übersetzungsfehler .

Leserkommentare
    • JimNetz
    • 27. November 2012 12:47 Uhr

    genießt hierzulande kein Ansehen und wird als unlauter beargwöhnt. Irgendwo wird man sein Investment schon wieder hereinholen, denkt man.

    Hmmm. Es würde mich auch wundern, wenn z.B. die Aldi-Brüder eine Bad Bank kaufen würden. Wahrscheinlich würden die HRE-Aktien steigen und flugs, gehört ihnen die halbe Republik.

    Diese Idee würde man durchaus verstehen in Deutschland.

  1. ...mit den Subprime Obligationen. Ooops, habe ich gerade "Subprime Obligationen" geschrieben?

  2. "Wir trauen unseren Bundesbehörden ungefähr so viel praktisches Organisationstalent zu wie der durchschnittliche Deutsche einem EU-Bürokraten."

    Habe ich noch nie aus dieser Perspektive betrachtet. Vielen Dank für den Denkanstoß, Herr Hansen!

  3. "vielleicht
    wünschen sich ja viele Deutsche die Gesellschaft als Solidargemeinschaft und den Staat als ihren Verwalter?"

    So ist es. Und wie gut das funktioniert, können Sie in einem Experiment herausfinden. Bilden Sie in Ihrer Strasse, ihrem Haus oder sonstwo eine Solidargemeinschaft mit einer gemeinsamen Kasse, in die jeder soviel einzahlt, wie er kann. Und dann kriegt jeder Solidargemeinschaftsangehörige so viel aus der Kasse, wie er nach Meinung der Gemeinschaft benötigt. Wenn sich dann alle immer liebhaben und glücklich über die gerechte Verteilung sind, hat die Sozialstaatsidee gesiegt und einem Großexperiment steht nichts mehr im Wege. Die Banken z.B. gehen dann ein, weil jeder jeden mit benötigten Geldern aushilft, zinsfrei selbstverständlich, die "Zinsknechtschaft" liegt endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte.

    Antwort auf "vielleicht"
  4. Es macht einfach Freude zu sehen, wieviel intelligente Menschen zurzeit die Systemfrage stellen. Und anders als früher auf KONSTRUKTIVE Art, ohne Rückzug ins Private, und bereit, sich mit schwierigen Sachfragen zu beschäftigen.

    Viele, die sich heute für Grundsicherung und Freigeld einsetzen, wurden von Prof. Bernd Senf aufgeklärt. Seine Vorträge über die Finanzkrise besitzen regelrechten Kultstatus:

    http://www.youtube.com/watch?v=GnEqS4TwCfE

    Eine sehr gute Ergänzung zu Bernd Senfs Vortrag liefert Tobias Deiters (Piraten), der die Sache mehr von der bilanztechnischen Seite betrachtet:

    http://www.youtube.com/watch?v=yCfq4QtH7kQ

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Also ich habe mir die ersten 10 Minuten des Videos gesehen, und mich ueberkommt der Gedanke, dass Herr Senf das volkswirtschaftliche Konzept von Geld nicht verstanden hat. Selbst wenn es kein Geld gaebe, gaebe es Kontrakte die in die Zukunft reichen, die gab es schon immer. Und solche Zukunftskontrakte sind faktich Geld. Ja und die Geldmenge waechst, aber die Wirtschaft eben auch, so what? Natuerlich gibt es Krisen, die durch bescheuerte Geldpolitik entstehen. Eine solche fatale Politik war eben die Schaffung des EUR Raums, ohne darueber nachzudenken, was man wohl macht, wenn es zu aussenwirtschaftlichen Ungleichgewichten kommt. Das is alles nicht neu, kann man schon bei Mundell nachlesen und warum unsere Politiker bis zum heutigen Tage nichts von Wirtschaft verstehen weiss ich auch nicht, aber so Narren wie Merkel, Schaeuble und zur Kroenung Roessler werden ja gewaehlt. Was der gute Senf vorschlaegt ist, man schaffe Kredite ab, eine geniale Idee. Dann wohnen wir demnaechst wieder in Hoehlen, weil niemand ein Haus finanziert. Aber dafuer sind wir Schuldenfrei. Prima.

  5. Der Staat hat die Pflicht uns sämtliche Wünsche zu erfüllen.Eigenverantwortung ist die reinste Zumutung.

    • Anna L.
    • 27. November 2012 13:04 Uhr

    Ist nicht auch die Idee *Tafeln* made in usa?

    Es ist nichts dagegen zu sagen, solche Bewegungen as Ergänzung zum Sozialstaat zu begrüßen. Als Ersatz taugt er nicht und in D. gleich dreimal nicht. Wie schon Vorredner feststellten, Sinn des Sozialstaatsgebots - an dem die Ami`s freundlicherweise mitbastelten - ist Rechtsgrundlage schaffen, nicht Wohlverhalten erzeugen.

    Ideen, wie sie im Mutterland der Marktradikalen immer mal wieder entwickelt werden - und eben nicht auch mal in D. erkläre ich mir mit dem dortigen Arbeitsethos und dem Hang zur extremen Öffentlichkeit (Show). Arbeit wird dort eher als Mittel zum Zweck verstanden. Sie arbeiten hart, um am Ende ans Ziel: den Erfolg zukommen. Und sie haben den Mut zur Banalität, zum Irrtum und zum Scheitern. Hier ist Arbeit Selbstzweck.
    "sozial ist was Arbeit schafft", mit dieser Logik könnte man auch die Wüste umgraben - Arbeit darf sinnfrei sein, Hauptsache: alle in Bewegung. Scheitern ist persönl.Versagen und MUSS geahndet werden.

    Aus solch kranker Ideologie kann nichts Gutes entstehen, denn wer dem nicht bedingungslos folgt, hat nach hiesiger Auffassung fast sein Daseinsrecht verwirkt.
    Und deshalb wird diese positive amerikanische Denke ganz sicher nicht nach D. schwappen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte USA | BASF | Bank | Dollar | Finanzkrise | Forbes
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