Auch der Präsident braucht Beistand vom Wahlhelfer: Obama bei seiner vorzeitigen Stimmabgabe am 25. Oktober in Chicago © Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Eigentlich könnte es so einfach sein: Der Kandidat mit den meisten Wählerstimmen zieht ins Weiße Haus ein und wird der nächste Präsident der USA . Doch das Wahlsystem der USA , basierend auf den Stimmen von Wahlmännern in 50 Bundesstaaten und in der Hauptstadt Washington , lässt so simple Mathematik nicht zu. Ganz im Gegenteil: Nach Berechnungen der Universität in Princeton bestehen weit mehr als zwei Billiarden Kombinationen für einen Wahlsieg.

Und auch wenn die Wahl in rund 40 Staaten und der Hauptstadt laut Umfragen höchstwahrscheinlich schon entschieden ist und die Zahl möglicher Ergebnisse bereits deutlich geschrumpft ist: Die statistischen Variationen eines Wahlsiegs sind für europäische Verhältnisse enorm. So kommt das Online-Portal 270 to win (270 Wahlmänner für den Sieg) bei elf unentschiedenen Staaten auf 171 Wege, wie Obama am 6. November als Gewinner hervorgehen könnte und auf 161 Kombinationen, mit denen Romney zum Ziel kommen würde. 32 Mal könne es gar zu einem Unentschieden von 269 zu 269 Wahlmännern kommen.

Die Wahlnacht in den USA dürfte angesichts der knappen Umfragen also eine lange werden , den Amerikanern steht eine Geduldsprobe bevor – und den beiden Bewerbern nach einem langen Wahlkampf möglicherweise noch ein juristischer Kampf ums Weiße Haus. Schon der kleinste Fehler, etwa eine blockierte Wahlmaschine oder eine Computerpanne, bei Abgabe oder Auszählung der Stimmen könnte über Sieg oder Niederlage entscheiden – was beide Lager mit Tausenden Anwälten, mit Klagen und Einsprüchen verhindern wollen. Dies wiederum könnte zu weiteren Verzögerungen führen.

Die Frage nach Unregelmäßigkeiten wird kommen

Da werden Erinnerungen wach an die Abstimmung vor zwölf Jahren, bei der fehlerhafte Lochkarten und veraltete Lesegeräte in Florida zu einer Neuauszählung der Stimmzettel in dem Swing State geführt hatten. Schließlich entschied der Oberste Gerichtshof die Präsidentschaftswahl und kürte George W. Bush und nicht den Demokraten Al Gore zum US-Präsidenten. Viele halten dies bis heute für eine Fehlentscheidung.

Experten warnen nun, dass sich solch ein Debakel wiederholen könnte. "Ich bin mir nicht sicher, ob wir seit 2000 Fortschritte gemacht haben", sagt Douglas Jones, Informatiker der University of Iowa. Es habe zwar "enorme Bemühungen" um eine Modernisierung der Wahltechnik gegeben, "aber in vielen Fällen haben wir Systeme zu früh ausrangiert und sie durch Systeme ersetzt, die wir nicht genügend getestet haben". Jones befürchtet, dass das Rennen zwischen Obama und Romney in manchen Bundesstaaten so knapp ausgeht, "dass die Leute nach Unregelmäßigkeiten fragen werden".

Diese Unregelmäßigkeiten basieren vor allem auf der Art und Weise der Stimmabgabe, die von Bundesstaat zu Bundesstaat, manchmal auch von Wahlkreis zu Wahlkreis unterschiedlich ausfällt. Abgestimmt wird per Brief- oder Online-Wahl und – wie in manchen Gegenden in Idaho – zum Teil auch noch mit Lochkarten. Zum Einsatz kommen aber vielerorts Wahlautomaten mit Touchscreen oder optischem Scanner. Insgesamt investierten die Wahlbehörden mehr als drei Milliarden Dollar in neue Technik.

Wahlsysteme in 20 Bundesstaaten "unzulänglich"

Dennoch kommt ein Bericht der Rutgers University zu einem beunruhigenden Ergebnis: Demnach sind die Systeme zur Stimmabgabe in 20 der 50 US-Bundesstaaten "unzulänglich" oder "verbesserungsbedürftig". Dazu zählen 16 Bundesstaaten, die ausschließlich oder teilweise papierlose Systeme einsetzen. Nur sechs Bundesstaaten wurden als "gut" und die übrigen 24 als "grundsätzlich gut" bewertet.