Damals war die Welt noch in Ordnung: Der Mittelstand war stark, Frauen konnten noch kochen, Männer Geld verdienen. Familien waren noch intakt, in der Garage stand ein Auto für ihn und eins für sie. Sonntags ging man in die Kirche, gut und böse, schwarz und weiß waren noch sauber getrennt.

Ich rede natürlich von den Fünfzigern. Das nennen wir Amerikaner die Eisenhower-Ära, nach dem deutschstämmigen Präsidenten, der zur Zeit des amerikanischen Wirtschaftswunders amtierte. Das ist die Zeit, für die Mitt Romney steht wie kein anderer.

Er frisiert sich wie eine Figur aus der Fernsehserie Mad Men , seine Frau kann mit Sicherheit kochen, er hat mindestens zwei Wagen in der Garage stehen. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass er regelmäßig in die Kirche geht. Und sein Kinn! Haben Sie sein Kinn gesehen? Das nennen wir ein presidential chin . Wäre das echte Leben ein Comic, wäre Romney jetzt schon Präsident.

Wenn Amerikaner und Europäer vom Tod der Mittelklasse und vom Abstieg der USA sprechen – oder gar, wie eine große Zeitschrift kürzlich hoffnungsvoll verkündete, vom "Untergang eines großen Landes" –, meinen sie damit diese Glanzzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war eine Phase voller Fortschrittsglaube, Optimismus und Pioniergeist, geprägt von der starken Mittelklasse, die jetzt verschwindet – und eigentlich nicht mehr als ein flüchtiger Augenblick im Lauf unserer Geschichte.

Wir wissen nicht, wo das Arbeitsamt ist

Trotzdem ist es schwierig, sich ein anderes Amerika vorzustellen. Selbst die vielen Deutschen, die heute den Untergang der USA vorhersagen, hängen noch an diesem nostalgischen Amerikabild. Ich glaube, wären die Deutschen Amerikaner, müssten sie alle Romney wählen.  

Denn genau da setzt Romney an. Er hat nämlich ein Zaubermittel, mit dem er diese Zeit zurückrufen will: amerikanische Werte.

Dieser Wahlkampf drehte sich nicht um Inhalte, sondern rein um Werte: Familiensinn, Gläubigkeit und Eigenständigkeit zum Beispiel. Auch ich liebe diese Traditionen: Sie sind nicht aus der Luft gegriffen, sind keine bloße Rhetorik, sie sind Teil eines jeden Amerikaners, ob er will oder nicht, und Romney versteht das besser als Obama .

Als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, war ich bestürzt: Schon junge Menschen wussten genau, wie sie Arbeitslosengeld und Sozialunterstützung von Staat bekommen. Wer einen Job suchte, ging gleich zum Arbeitsamt . Man stelle sich das vor: Der uralte amerikanische Brauch, einfach die gelben Seiten aufzuschlagen und die Firmen anzurufen, für die man arbeiten wollte, war hier völlig unbekannt!

Wir Amerikaner wissen nicht mal, wo das Arbeitsamt ist und was es genau macht, bis wir völlig am Boden liegen. Selbst dann tun wir uns schwer, dorthin zu gehen: Hilfe vom Staat anzunehmen, ist eine Art moralische Kastration . Das versteht Romney.

Amerika soll nicht Europa werden

Wir Amis – wir alle, nicht nur ein paar ominöse Schmarotzer irgendwo – sind jedoch mit der Zeit immer abhängiger vom Staat geworden. Das geht mir, wie vielen meiner Landsleute, gegen den Strich. Ich will nicht, dass mein Amerika am Ende noch solche Gewohnheiten annimmt wie Europa . Ich will, dass wir unabhängig, eigenständig, eigensinnig, einfach eigen bleiben.

All das repräsentiert Romney. Barack Obama steht für etwas anderes.