"Ich wäre lieber ein wirklich guter Präsident für eine Amtszeit, als ein mittelmäßiger Präsident mit zwei Amtszeiten" hatte Barack Obama gesagt, als er gerade ein Jahr im Weißen Haus war. Nach seinem knappen Sieg an diesem Dienstag hat er jetzt die Chance, sich wenigstens in seiner zweiten Amtszeit vom Stigma der Mittelmäßigkeit zu befreien.

Gewiss, Obama hat die USA bisher vor einer tiefen Rezession bewahrt und hat das für uns Europäer nie ganz ergründbare Trauma des 11. September 2001 mit der Tötung Osama bin Ladens beantwortet. Oder um es in den Worten seines Vizepräsidenten Joe Biden zu sagen: "Osama bin Laden ist tot und General Motors lebt."

Dennoch: Obamas erste Amtszeit war enttäuschend, selbst für diejenigen Demokraten, die sich von seiner einstigen Yes, we can! -Euphorie gar nicht erst hatten mitreißen lassen.

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Sein Versuch, den amerikanischen Finanzmarkt zu regulieren, sein Konjunkturpaket und seine Gesundheitsreform, sie alle enthielten so weitreichende Zugeständnisse an die republikanische Fundamental-Opposition, dass auch seine treuesten Anhänger irgendwann fragen mussten: Ist dieser Mann nur sehr kompromissfähig, oder ist er einfach bloß schwach?

Je mehr Obama versuchte, die Republikaner taktisch zu umarmen, desto maßloser reagierten diese. Seine zweite Amtszeit bietet ihm jetzt die Chance, seine politischen Gegner härter anzufassen und ihre gefährliche Politik der Verweigerung sichtbarer zu machen. Die nächste Eskalation des Steuerstreits steht schon Ende Dezember bevor.

Amerikanische Präsidenten lassen bereits zu Lebzeiten ihre eigenen Gedenkstätten errichten, die sogenannten Presidential Libraries ; sie erwähnen in Interviews gerne, welche Biographien ihrer Vorgänger sie gerade auf dem Nachttisch liegen haben, und sie spekulieren darüber, was einmal als ihre größte politische Hinterlassenschaft gelten könnte. In dieser politischen Kultur ist es eine Schmach, nach nur einer Amtszeit wieder aus dem Weißen Haus vertrieben zu werden.

Seit der vergangenen Nacht muss Obama diese Schmach nicht mehr fürchten. Er könnte frei sein. Er könnte jetzt endlich mehr Mut an den Tag legen.

Wenn er nur taktisch getrieben ist, wird er jetzt neben der Steuerreform und der Gesundheitsreform noch den " Dream Act ", die Reform des Einwanderungsgesetzes, in den Mittelpunkt stellen. Denn spätestens jetzt haben auch die Republikaner  verstanden, dass sie keine amerikanische Präsidentschaftswahl mehr ohne die Stimmen der lateinamerikanischen und asiatischen Einwanderer gewinnen können.

Wenn Obama aber nicht nur taktieren, sondern fortan ein höheres Ziel verfolgen wollte, könnte er jetzt endlich das wichtigste Thema dieses Jahrhunderts anpacken, den Klimawandel , der bis zum Eintreffen des Hurrikans Sandy in diesem Wahlkampf keine Rolle gespielt hat.

Obamas ungehaltenes Versprechen

Als Obama im Jahr 2008 Präsidentschaftskandidat der Demokraten wurde, verkündete er geschichtsbewusst, im Rückblick werde seine Nominierung einmal der Augenblick gewesen sein, "ab dem sich der Anstieg der Ozeane verlangsamt hat und unser Planet zu heilen begann."

Was ist daraus geworden? Ein Slogan aus Bill Clintons einst so erfolgreichem Wahlkampfteam muss stets als Antwort herhalten: " It's the economy, stupid " – "Nur um die Wirtschaft geht’s, Dummkopf!"

Das stimmt aber nur bedingt. Die Sorge von Millionen Amerikanern, weiter zu verarmen, ist begleitet von der bangen Frage nach Amerikas zukünftiger Identität. Das amerikanische Gesellschaftsversprechen, die verbindende Fiktion, besteht nicht nur darin, dass jeder Bürger und jede Bürgerin im Laufe ihres Lebens wohlhabender werden kann. Es beinhaltet auch das Versprechen, selbst als armer Mensch immerhin noch Teil der großartigsten Nation der Welt zu sein, " the greatest nation on earth ", die Obama auch am Wahlabend wieder beschwor .

Obama bleiben nur zwei Jahre

So abstrus das für uns Europäer mit unseren kleinen Nationalstaaten klingen mag, so wichtig war und ist dieser Glaube für viele Amerikaner. Auch die aggressive Wucht der Tea Party speist sich zu einem erheblichen Teil aus der Angst, diese Identität zu verlieren.

Dieses Vakuum ist für Obama Gefahr und Chance zugleich. Wenn es ihm gelingt, die wirtschaftliche Erholung der USA mit der Hoffnung zu verknüpfen, einen großen amerikanischen Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels zu leisten und damit neue Identität zu stiften, könnte er nicht nur als erster afro-amerikanischer, sondern auch als einer der wenigen großen Präsidenten in die Geschichte eingehen.

Obama bleiben dafür nur zwei Jahre. 2014 werden schon wieder der Kongress und außerdem die Gouverneure in 36 Bundesstaaten gewählt. Im Sommer 2015 wird sich bereits alles um seine Nachfolge drehen. Da Obama es versäumt hat, sich für die zweite Amtszeit statt Joe Biden einen neuen, jüngeren Vizepräsidenten mit eigenen Ambitionen auf das Präsidentenamt auszusuchen, wird das Team Obama-Biden ab Mitte dieser zweiten Amtszeit zunehmend einsam werden.

In Deutschland – und auch in den Leserkommentaren auf ZEIT ONLINE – war in den vergangenen Wochen oft zu lesen, dass es doch eh kein Unterschied sei, wer diese Wahl gewinne, Obama oder Romney. Wir können Obama dankbar sein, dass Romney gar nicht erst die Gelegenheit bekam, das Gegenteil zu beweisen.

Wenn Obama jetzt auch noch mehr Mut fasst, ist heute ein guter Tag für Amerika. Be bold, Mister President!