Krise in WestafrikaMali steht vor dem Zerfall

Die einstige Muster-Demokratie Mali entwickelt sich zu einem gescheiterten Staat. Terroristen aus dem afrikanischen Land könnten auch für Europa gefährlich werden. von Dagmar Dehmer und Michael Schmidt

Zwei Mitglieder der islamischn Polizei patroullieren auf den Straßen der malischen Stadt Gao, die von den Tuareg erobert worden ist.

Zwei Mitglieder der islamischn Polizei patroullieren auf den Straßen der malischen Stadt Gao, die von den Tuareg erobert worden ist.  |  © Issouf Sanogo/AFP/GettyImages

Das Problem ist dringlich, doch die Lösungen brauchen Zeit. Seit einem guten halben Jahr ist die ehemalige Muster-Demokratie Mali auf dem besten Weg, zum gescheiterten Staat zu werden . Afrikanische, europäische und amerikanische Diplomaten verhandeln derzeit intensiv darüber, wie verhindert werden kann, dass der Norden Malis zum Rückzugsgebiet für islamistische Terroristen wird, die womöglich in Europa neue Anschläge verüben könnten. Am Donnerstag machte sich der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in Bamako, der Hauptstadt Malis , selbst ein Bild von den Verhältnissen und versuchte in mehreren Gesprächen auszuloten, wie Deutschland und die Europäische Union bei der Lösung der Probleme helfen könnten – politisch und militärisch.

Welche Probleme gibt es?

Am 21. März 2012 hat eine Gruppe unzufriedener Offiziere den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Touré gestürzt . Eigentlich hatten sie nur vorgehabt, dem Verteidigungsminister ihre Forderungen nach einer besseren Bewaffnung und Versorgung im Kampfgebiet in Nordmali zu überbringen, doch der flüchtete ebenso wie der Präsident. Sie bestimmten Offizier Amadou Sanogo zu ihrem Sprecher, der ließ sich am 7. April bei einem Vermittlungsgespräch unter der Regie der westafrikanischen Regionalorganisation Ecowas auf eine Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung ein. Parlamentspräsident Dioncounda Traoré wurde Präsident.

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Das Chaos nach dem Putsch in Bamako machte sich die Tuareg-Rebellenorganisation MNLA (Bewegung für die Befreiung Azawads) zunutze. Unterstützt von der salafistischen Ansar Dine (Verteidiger des Glaubens) eroberten die Tuareg-Rebellen ohne jede Gegenwehr die drei wichtigsten Städte in Nordmali: Timbuktu, Goa und Kidal. Die MNLA rief daraufhin ihren unabhängigen Staat Azawad aus. Die Kampfesbrüder von Ansar Dine dagegen wollten eine strikte Form des islamischen Gesetzes, der Scharia, durchsetzen und warfen die MNLA alsbald aus den eben erst eroberten Städten hinaus. Ansar Dine wurde dabei von Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) unterstützt. Ansar Dine begann Grabmale islamischer Heiliger in Timbuktu zu zerstören , die teilweise zum Weltkulturerbe gehören. Außerdem wird von Amputationen von Händen und Füßen berichtet, von Auspeitschungen und der Steinigung eines nicht verheirateten Paares. Rund 400.000 Menschen sind aus dem Gebiet in den Süden Malis oder in die Nachbarländer Niger , Burkina Faso und Mauretanien geflüchtet. Die Islamisten finanzieren sich vor allem mit Entführungen westlicher Geiseln. Aktuell befinden sich sechs Franzosen in den Händen von Aqim. Sie machen aber auch mit dem illegalen Handel durch die Sahara Kasse. Dort werden durch die porösen Grenzen Waffen, Menschen auf dem Weg nach Europa, subventioniertes Benzin aus Algerien , Zigaretten und Drogen geschmuggelt. Fast überall verdienen nicht nur Schmuggler, Islamisten oder Rebellen, sondern auch die Sicherheitskräfte oder Militärs. So ist in der Zentralsahara eine Zone kompletter Rechtlosigkeit entstanden, die für viele Zwecke nutzbar ist.

Im September 2012 schließlich bat die Regierung in Bamako die Economic Community of West African States (Ecowas) und den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen um Hilfe, um den unterdessen von Tuareg-Rebellen und Islamisten besetzten Norden des Landes zurückzuerobern.

Welche Optionen gibt es?

Westerwelle setzt prioritär auf eine politische Lösung. Deshalb wolle Deutschland die humanitäre Hilfe für Mali von 12,5 auf 13,5 Millionen Euro in diesem Jahr erhöhen. Außenminister Tiéman Hubert Coulibaly betonte, dass Deutschland das erste Land gewesen sei, das Mali 1960 als unabhängiges Land anerkannt habe. Deshalb wünscht sich Mali offenbar eine aktive Rolle Deutschlands bei der Bewältigung der Krise. Westerwelle sagte, dass ein "politischer Fahrplan" zur Lösung der Krise "noch im November" zu erwarten sei.

Leserkommentare
    • tchonk
    • 02. November 2012 19:38 Uhr

    Drogenhandel, Entführungen, etc... mich würde mal interessieren, wie man solch ein Handeln als Kampf für die eigene Religion rechtfertigen kann.

  1. Die Tureg brauchen Hilfe,Jobs und Lebensraum.
    In Libyen hatten sie Ihr Auskommen,
    Jetzt,aus Libyen Vertrieben und aus Verzweiflung
    geräten die eben auch an die Alkaida,
    die Sie mit falschen Versprechungen lockt.

    http://www.tagesschau.de/...

  2. Man kann nicht den Frieden mit einer Militärintervention exportieren, hat man denn nicht von Afghanistan, Irak, Libyen, Sudan, Libanon, usw. gelernt?

  3. Wenn man Amnesty International Glauben schenken darf, dann laesst die malische Regierungsjunta Gefangene foltern und toeten:
    http://www.amnesty.org/en...

    Herr Westerwelle sollte aufpassen, wen er da politisch unterstuetzt.

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