Protest gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi auf dem Tahrir-Platz in Kairo © Andre Pain/EPA/dpa

Seit sechs Uhr früh ist sie auf den Beinen. Hose, Jacke und Hände sind weiß bekleckert, nur die Fingernägel leuchten wie rote Punkte. "Es wird noch viel mehr Blut fließen", sagt Bahia Shehab. "Denn wir haben keine andere Wahl. Wir müssen jetzt auf der Straße kämpfen, um eine Diktatur abzuwenden. Mursi kapiert es einfach nicht." Den Zugang zum Tahrir-Platz sperren jetzt Barrikaden aus Stacheldraht, herausgerissenen Eisentoren und Sandsäcken. Direkt dahinter sprüht die Künstlerin an ihrem neuen Graffiti, nebenan liegt bereits ein beträchtlicher Vorrat zerkleinerter Pflastersteine aufgehäuft.

"Wir sind wieder da", malt sie in kantigen arabischen Lettern auf den Asphalt und natürlich ihr "La", das arabische Nein. Das "La" hat sie bekannt gemacht. Ihre Installation "Tausend Mal Nein" nach der ägyptischen Revolution war auch in Deutschland im Haus der Kunst in München zu sehen. Studiert hat Bahia Shehab Grafikdesign in Kairo . Seit Präsident Mursis umstrittenen Justiz-Dekreten arbeitet sie wieder auf der Straße. Dessen Rede vom Vorabend kommentiert sie mit kalter Wut.

"Jetzt sollen wir am Samstag zum Tee in seinen Palast kommen, damit er uns endgültig in die Pfanne haut", schimpft sie. Besonders regt sie auf, dass Mursi die Demonstranten bezichtigt, bezahlte Handlanger des alten Regimes zu sein. "Wir wollen eine anständige Verfassung, die unsere Rechte, die wir uns mühsam erkämpft haben, wirklich garantiert." Mit ihren roten Schablonen muss sie noch sechsmal "Nein zu einem neuen Pharao" auftragen, dann will sie weiter.

Mursi droht seinen politischen Kontrahenten

Seit den schweren Ausschreitungen Mitte der Woche geht in der ägyptischen Hauptstadt Kairo die Angst um . Selbst die sonst so munter krähenden Gebetslautsprecher klingen an diesem Freitag irgendwie kleinlaut. Die einen hasten mit geduckten Köpfen durch die Straßen, andere starren in den Teehäusern auf die pausenlos laufenden Fernseher. An einer Häuserecke stehen Männer rauchend zusammen und diskutieren mit gedämpfter Stimme. Und alle fragen sich, wie es nun weitergehen soll mit ihrem Land, nachdem Präsident Mohammed Mursi am Vorabend in seiner Rede an das Volk jeglichen Kompromiss im Streit um die Verfassung abgelehnt und stattdessen seinen politischen Kontrahenten unverhohlen gedroht hatte. Noch eine Woche bleibt bis zum Referendum am 15. Dezember, ein Termin, an dem Mursi nicht rütteln lässt.

Und so wachsen sich Ägyptens politische Turbulenzen immer stärker zu einer alles bedrohenden Staatskrise aus. Der Präsident ist geschwächt, das Volk entzweit. Wie fremde Heerscharen stehen sich die beiden politischen Großlager von Islamisten und Säkularen gegenüber, scheinbar zu allem entschlossen. Misstrauen und Verdächtigungen vergiften das politische Klima. Und aus dem Torah-Gefängnis dringt die Kunde, der eingesperrte alte Hosni Mubarak sei wieder bester Laune, die Depressionen wie verflogen.

Nachfolger Mohammed Mursi wirkte am Donnerstagabend bei seiner Fernsehrede genauso angespannt und stur verbarrikadiert wie sein Vorgänger während der 18-tägigen Revolution 2011 bei seinen legendären Nachtappellen an das aufgebrachte 80-Millionen-Volk. Wie der einstige Kampfflieger Mubarak ist auch der islamistische Ingenieur Mursi aufgewachsen in einer politischen Welt, in der allein die Macht zählt, es keine Kompromisse gibt und man Andersdenkende einfach überrollt. "Die Mehrheit zählt – das ist Demokratie", belehrte Mursi mit flackernden Augen und gepresster Stimme vom Präsidentenpult aus die Nation, die atemlos an Bildschirmen und Radios lauschte.