Arabischer FrühlingDer Aufstand der arabischen Frauen

Viele arabische Frauen sind enttäuscht von den Revolutionen in ihren Ländern. Auf Facebook kämpfen sie für ihre Rechte – und veröffentlichen ihre Erfahrungen mit Gewalt. von 

Eine junge Frau mit Kurzhaarschnitt und in buntem Trägertop blickt entschlossen in die Kamera, mit beiden Händen streckt sie dem Objektiv einen Zettel entgegen. "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil ich zwanzig Jahre lang nicht den Wind in meinen Haaren und auf meiner Haut spüren durfte", steht darauf geschrieben. Auch ihren Pass hält sie in die Kamera: Dort ist sie mit einem dunklen, streng gebundenen Kopftuch zu sehen. Dieses Porträt der Syrerin Dana Bakdounis ist das bekannteste Bild, das auf der Facebook-Seite "Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt" veröffentlicht wurde. 1.600 Personen klickten den "Gefällt mir"-Button, über 900 Kommentare wurden unter dem Bild abgegeben. Die Seite ist ein Befreiungsschlag, nicht nur für Dana Bakdounis, sondern für Tausende Frauen in der arabischen Welt. Der Arabische Frühling soll endlich ein Frühling der Frauen werden.

Facebook und Dana Bakdounis

Das Porträt von Dana Bakdounis wurde zum ersten Mal am 21. Oktober 2012 auf der Seite "Der Aufstand der Frauen in der Arabischen Welt" hochgeladen, Facebook-Verantwortliche löschten es am 25.Oktober. Zur Begründung verwies Facebook auf eine Verletzung der Nutzerbedingungen des Netzwerks – unter dem Porträt von Dana Bakdounis war auch auf ihren Twitter-Account hingewiesen worden. Nachdem das Foto ein zweites Mal auf der Seite hochgeladen wurde, löschte Facebook es am 7. November abermals und sperrte zudem zeitweise die Nutzerkonten der fünf Initiatorinnen. Ob tatsächlich eine Verletzung der Nutzerbedingungen vorlag oder ob Beschwerden anderer Nutzer zur Löschung des Fotos führten, ist bislang unklar: In einer Stellungnahme bezeichneten Facebook-Verantwortliche die Löschung als Fehler und bedauerten diesen. Yalda Younes und ihre Mitstreiterinnen geben an, auf keine ihrer Nachfragen eine offizielle Antwort seitens der Netzwerkbetreiber erhalten zu haben.

Rund 1.000 Frauen folgten einem Aufruf der Initiatorinnen der Facebook-Seite und schickten Selbstporträts ein, auf denen sie erklären, warum sie für einen Aufstand der Frauen in der arabischen Welt sind. "Ich unterstütze den Aufstand, weil ich in meiner Gesellschaft danach beurteilt werde, wen ich heirate und nicht danach, was ich erreiche", lautet etwa die Botschaft von Mai, einer Ägypterin. "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen, weil ich sechzehn Jahre alt bin und seit meinem zwölften Lebensjahr sexuell belästigt werde", schreibt Yara ebenfalls aus Ägypten . Dina sagt: "Ich unterstütze den Aufstand, weil ich wie ein Mensch behandelt werden möchte und nicht wie eine Frau."

Anzeige

Die Hintergründe der Gründerinnen der Seite sind so unterschiedlich wie die Gesellschaften, in denen sie leben: Yalda Younes und Diala Haidar stammen aus dem Libanon , Farah Barqawi ist Palästinenserin, Sally Zohney steuert ihren Anteil aus Ägypten bei und Rana Jarbou lebt in Saudi-Arabien . Sie alle verbindet die Erfahrung, eine Frau in patriarchischen Strukturen zu sein, erklärt Yalda Younes: "Die größte Unterstützung erhalten wir von Frauen aus dem Jemen , aus Syrien , Saudi-Arabien und von Palästinenserinnen. Die Systeme und Strukturen sind zwar unterschiedlich, doch die Probleme der Frauen ähneln sich." Über 77.000 Fans unterstützen zur Zeit die Seite, täglich kommen neue hinzu.

Frauen wurden misshandelt und belästigt

Die Facebook-Seite wurde schon im Oktober 2011 von den fünf jungen Araberinnen ins Leben gerufen. Ende November haben sie eine neue Kampagne gestartet, mit der Frauen aus der arabischen Welt aufgerufen werden, von ihren Erfahrungen mit Gewalt zu erzählen. "Wir wollen die versteckten Geschichten, die fast jeder von uns schon widerfahren sind, öffentlich machen", heißt es in dem Aufruf, und: "Der Zeigefinger muss endlich auf die Täter und nicht mehr auf die Opfer gerichtet werden."

"Während des Arabischen Frühlings passierten wunderbare Dinge", erinnert sich Younes, "die Menschen kämpften gegen die Tyrannen in ihren Ländern und gleichzeitig entstand eine starke Solidarität zwischen den arabischen Nationen". Nach der ersten Euphorie jedoch musste nicht nur Younes feststellen, dass sich die Situation der Frauen trotz der Siege gegen die alte Regime nicht besserte: "Es wurde sogar noch schlimmer", sagt Younes, "nicht nur männliche Regime-Anhänger belästigten, beschimpften und misshandelten politisch aktive Frauen, einige Revolutionäre verhielten sich genauso".

Während zu Beginn der arabischen Umbrüche Männer und Frauen noch Seite an Seite auf die Straße gingen, wurden demonstrierende Frauen bald diskreditiert. Das Bild einer jungen Frau , die am Rande von Protesten auf dem Tahrir-Platz in Kairo von Soldaten zu Boden gezerrt, geschlagen und bis auf ihren BH entblößt wurde, ging im Dezember 2011 um die Welt. Zwar wurden die prügelnden Soldaten von der Öffentlichkeit verurteilt, aber auch das Opfer wurde oft kritisiert: Eine Frau habe nichts auf einer Demonstration zu suchen – und es läge eben bei ihr, sich angemessen zu kleiden.

Leserkommentare
  1. "Dieses Porträt der Syrerin Dana Bakdounis" Kein Wunder, mit seinem streng islamistischen Kurs hat Assad vielen Frauen eine Zukunft jenseits der eigenen vier Wände genommen. Aber damit wird jetzt Schluss sein! Die NATO rüstet sich, um dieser Quälerei ein Ende zu setzen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/jp

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ja interessant was sie dort schreiben, kommt da auch eine Lösung für die zukünftig wohl noch mehr betroffenen Frauen in Ägypten, Tunesien, Afganistan etc.

    Er hat zweifellos Blut an seinen Händen. Ohne relativieren zu wollen: Er ist nicht der einzige im ganzen arabischen Raum. Die Tatsache, dass sich die Christen und andere religiöse Minderheiten vor einer Machtübernahme durch die Revolutionäre fürchten, deren Zusammensetzung nicht absolut klar ist, sollte zu denken geben. Dort, wo die Zusammensetzung der Aufständischen klar ist, kann nichts Gutes erwartet werden. Der Westen könnte wieder einmal einem Betrug aufsitzen.

    Assad war relativ säkular. Was sich derzeit in den Rebellengruppierungen zusammenbraut, lässt für die Frauenrechte nach dem Sturz Assads keine gute Zukunft befürchten.

    dass Sie nicht so richtig begriffen haben, um was es da eigentlich geht in Nordafrika, Groskunde...

    ganz sicher nicht helfen. Das müssen die Menschen in diesen Ländern selbst tun.
    Siehe Afghanistan.

  2. ja interessant was sie dort schreiben, kommt da auch eine Lösung für die zukünftig wohl noch mehr betroffenen Frauen in Ägypten, Tunesien, Afganistan etc.

    Antwort auf "Endlich bald zuende"
  3. Er hat zweifellos Blut an seinen Händen. Ohne relativieren zu wollen: Er ist nicht der einzige im ganzen arabischen Raum. Die Tatsache, dass sich die Christen und andere religiöse Minderheiten vor einer Machtübernahme durch die Revolutionäre fürchten, deren Zusammensetzung nicht absolut klar ist, sollte zu denken geben. Dort, wo die Zusammensetzung der Aufständischen klar ist, kann nichts Gutes erwartet werden. Der Westen könnte wieder einmal einem Betrug aufsitzen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Endlich bald zuende"
  4. Was vielen nicht bekannt ist, ist die Tatsache, dass viele Frauen diese Unterdrückung mit tragen und durchsetzen. Es ist leider völlig unverständlich, warum Mütter ihre Töchter den islamischen Steinzeitregeln unterwerfen, sie beschneiden (das tun nicht die Männer!) und als Kinder zwangsverheiraten oder auch schon mal einem Gast "anbieten".

    Die gesellschaftlichen Strukturen sind so kaputt, dass eine Veränderung nur sehr langsam von statten gehen wird. Die fehlende Bildung vieler Frauen (außer in Tunesien) trägt ein weiteres dazu bei, dass das Patriachat weiter sein Unwesen treiben kann.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Eben und es sind solche die sich nicht durch eine Revolution "reparieren", verändern lassen. Die Frauenrechte bzw. Gleichstellung betreffend hat die arabische Welt noch einen schier unendlich langen Weg vor sich!!
    Ein Mittelweg zwischen Liberalismus und Islam (bzw. auch arabischer Kultur) ist möglich und nicht nur Utopie!!

    RN

    kann man doch auch hier erleben, wie mädchen ohne tuch von mädchen mit tuch verbal angreifen.

    • MaxS2
    • 05. Dezember 2012 15:38 Uhr

    Frauenrechte sind extrem wichtig für eine Gesellschaft: Denn eine Gesellschaft mit gebildeten und selbstbestimmten Frauen, die nicht als Kind verheiratet werden, hat auch eine niedrigere Geburtenrate. Weniger Geburten bedeutet nach einer Generation weniger Hunger, weniger Perspektivlosigkeit, weniger Überbevölkerung und weniger unzufriedene junge Männer.

  5. Mir scheint, dass es die gebildeten und aufgeklärten Frauen Europas an Solidartität mit ihren Geschlechtsgenossinnen in der muslimischen Welt fehlen lassen. Eigentlich habe ich einen kollektiven Aufschrei der vereinigten Feministinnen aller zivilisierten Länder erwartet, wenn wieder ein gravierender Fall bodenloser Frauenverachtung im Einfllussbereich des doch so toleranten Islam ruchbar wurde. Ich habe begriffen, dass sich die Männer für die Frauen stark machen müssen. Dies alles im Namen der wahren Emanzipation.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    als gäbe es unter Frauen keine Solidarität.
    Wo der Aufschrei stattfindet? Hier nur ein paar Beispiele, die die Presse an sich aber nicht interessieren, weil das Thema zu sperrig oder uninteressant zu sein scheint (oder weil es sich bei den Organisationen um positive Nachrichten handeln würde):
    http://frauenrechte.de/on...

    http://www.filia-frauenst...

    oder auch (ich könnte ewig so weitermachen):
    http://www.journalistinne...

    Wo engagieren Sie sich denn dafür?

    Es ist nicht nur Verantwortung von Frauen, sich um Frauen zu kümmern. Wenn es um schreiende Ungerechtigkeit geht, sollte das Geschlecht nicht interessieren. Eigentlich sollte es das eh nicht, egal um welches Thema es geht. Leider handelt es sich bei obigem Thema um die größte Randgruppe der Welt, die in manchen Gesellschaften einfach nicht so viel zu sagen hat.
    Außerdem weiß ich nicht, wie viel Mut ich mir, in einer dieser Gesellschaften gefangen, selbst zutrauen würde und daher mache ich nur den priviligierten Frauen und Männern aus diesen Gesellschaften Vorwürfe, wenn sie nichts daran versuchen zu ändern.

  6. als gäbe es unter Frauen keine Solidarität.
    Wo der Aufschrei stattfindet? Hier nur ein paar Beispiele, die die Presse an sich aber nicht interessieren, weil das Thema zu sperrig oder uninteressant zu sein scheint (oder weil es sich bei den Organisationen um positive Nachrichten handeln würde):
    http://frauenrechte.de/on...

    http://www.filia-frauenst...

    oder auch (ich könnte ewig so weitermachen):
    http://www.journalistinne...

    Wo engagieren Sie sich denn dafür?

  7. Es ist nicht nur Verantwortung von Frauen, sich um Frauen zu kümmern. Wenn es um schreiende Ungerechtigkeit geht, sollte das Geschlecht nicht interessieren. Eigentlich sollte es das eh nicht, egal um welches Thema es geht. Leider handelt es sich bei obigem Thema um die größte Randgruppe der Welt, die in manchen Gesellschaften einfach nicht so viel zu sagen hat.
    Außerdem weiß ich nicht, wie viel Mut ich mir, in einer dieser Gesellschaften gefangen, selbst zutrauen würde und daher mache ich nur den priviligierten Frauen und Männern aus diesen Gesellschaften Vorwürfe, wenn sie nichts daran versuchen zu ändern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Leider handelt es sich bei obigem Thema um die grösste Randgruppe der Welt, die in manchen Gesellschaften einfach nicht so viel zu sagen hat." Diese Aussage ist absolut unstrittig. Leider ist es aber so, dass der Arm der gesellschaftlichen Gerechtigkeit und Fairness nicht bis in jene Gesellschaften hineinreicht, die dringend reformiert werden müssten. In den hochtentwickelten Ländern Zentral- und Nordeuropas, aber auch in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland, ist die Situation eine völlig andere. Es bestehen klare Interdpendenzen zwischen den Faktoren "Demokratie" auf der einen, sowie "Wohlstand" und "Frauenrechte" auf der anderen Seite. Mit Wunschdenken allein verändert man nichts. Buchstäblich hinter jedem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg steht harte Arbeit. Bis die Rechte der Frauen in der muslimischen Welt zum Durchbruch verholfen werden kann, wird noch geraume Zeit vergehen. Genau diese Frauen sind auf die Solidarität von Frauen und Männern aus der säkularen Welt angewiesen. Das Ziel ist klar, der Weg dorthin nicht. Er dürfte mit Gewalt gepflastert sein.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service