Eine junge Frau mit Kurzhaarschnitt und in buntem Trägertop blickt entschlossen in die Kamera, mit beiden Händen streckt sie dem Objektiv einen Zettel entgegen. "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil ich zwanzig Jahre lang nicht den Wind in meinen Haaren und auf meiner Haut spüren durfte", steht darauf geschrieben. Auch ihren Pass hält sie in die Kamera: Dort ist sie mit einem dunklen, streng gebundenen Kopftuch zu sehen. Dieses Porträt der Syrerin Dana Bakdounis ist das bekannteste Bild, das auf der Facebook-Seite "Der Aufstand der Frauen in der arabischen Welt" veröffentlicht wurde. 1.600 Personen klickten den "Gefällt mir"-Button, über 900 Kommentare wurden unter dem Bild abgegeben. Die Seite ist ein Befreiungsschlag, nicht nur für Dana Bakdounis, sondern für Tausende Frauen in der arabischen Welt. Der Arabische Frühling soll endlich ein Frühling der Frauen werden.

Rund 1.000 Frauen folgten einem Aufruf der Initiatorinnen der Facebook-Seite und schickten Selbstporträts ein, auf denen sie erklären, warum sie für einen Aufstand der Frauen in der arabischen Welt sind. "Ich unterstütze den Aufstand, weil ich in meiner Gesellschaft danach beurteilt werde, wen ich heirate und nicht danach, was ich erreiche", lautet etwa die Botschaft von Mai, einer Ägypterin. "Ich unterstütze den Aufstand der Frauen, weil ich sechzehn Jahre alt bin und seit meinem zwölften Lebensjahr sexuell belästigt werde", schreibt Yara ebenfalls aus Ägypten . Dina sagt: "Ich unterstütze den Aufstand, weil ich wie ein Mensch behandelt werden möchte und nicht wie eine Frau."

Die Hintergründe der Gründerinnen der Seite sind so unterschiedlich wie die Gesellschaften, in denen sie leben: Yalda Younes und Diala Haidar stammen aus dem Libanon , Farah Barqawi ist Palästinenserin, Sally Zohney steuert ihren Anteil aus Ägypten bei und Rana Jarbou lebt in Saudi-Arabien . Sie alle verbindet die Erfahrung, eine Frau in patriarchischen Strukturen zu sein, erklärt Yalda Younes: "Die größte Unterstützung erhalten wir von Frauen aus dem Jemen , aus Syrien , Saudi-Arabien und von Palästinenserinnen. Die Systeme und Strukturen sind zwar unterschiedlich, doch die Probleme der Frauen ähneln sich." Über 77.000 Fans unterstützen zur Zeit die Seite, täglich kommen neue hinzu.

Frauen wurden misshandelt und belästigt

Die Facebook-Seite wurde schon im Oktober 2011 von den fünf jungen Araberinnen ins Leben gerufen. Ende November haben sie eine neue Kampagne gestartet, mit der Frauen aus der arabischen Welt aufgerufen werden, von ihren Erfahrungen mit Gewalt zu erzählen. "Wir wollen die versteckten Geschichten, die fast jeder von uns schon widerfahren sind, öffentlich machen", heißt es in dem Aufruf, und: "Der Zeigefinger muss endlich auf die Täter und nicht mehr auf die Opfer gerichtet werden."

"Während des Arabischen Frühlings passierten wunderbare Dinge", erinnert sich Younes, "die Menschen kämpften gegen die Tyrannen in ihren Ländern und gleichzeitig entstand eine starke Solidarität zwischen den arabischen Nationen". Nach der ersten Euphorie jedoch musste nicht nur Younes feststellen, dass sich die Situation der Frauen trotz der Siege gegen die alte Regime nicht besserte: "Es wurde sogar noch schlimmer", sagt Younes, "nicht nur männliche Regime-Anhänger belästigten, beschimpften und misshandelten politisch aktive Frauen, einige Revolutionäre verhielten sich genauso".

Während zu Beginn der arabischen Umbrüche Männer und Frauen noch Seite an Seite auf die Straße gingen, wurden demonstrierende Frauen bald diskreditiert. Das Bild einer jungen Frau , die am Rande von Protesten auf dem Tahrir-Platz in Kairo von Soldaten zu Boden gezerrt, geschlagen und bis auf ihren BH entblößt wurde, ging im Dezember 2011 um die Welt. Zwar wurden die prügelnden Soldaten von der Öffentlichkeit verurteilt, aber auch das Opfer wurde oft kritisiert: Eine Frau habe nichts auf einer Demonstration zu suchen – und es läge eben bei ihr, sich angemessen zu kleiden.