Der Union Jack vor dem Big Ben in London © REUTERS/Toby Melville

Seit Jahrzehnten schon vergiftet Euro-Skepsis die politische Debatte in Großbritannien. Die Rechten kämpfen mit aller Macht gegen den gefürchteten Verlust ihrer politischen und parlamentarischen Souveränität. In den jüngsten Urteilen des Europäischen Hofs für Menschenrechte, in denen die britischen Verordnungen zur Terrorkontrolle und Abschiebung gekippt wurden, sehen sie ihre Befürchtungen bestätigt. Dementsprechend heftig sind die Reaktionen in der öffentlichen Debatte.

Dass die Europa-Debatte Premier David Cameron und seine eigene Partei zu spalten droht, ist nichts Neues. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Torys. Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens lässt die Konservativen rebellieren wie kein anderes Thema. Inzwischen kann sich die Regierung ihrer Mehrheit im Parlament keineswegs mehr sicher sein.

Der Premier steht auch deshalb unter Druck, weil sich immer mehr traditionelle Tory-Wähler der Euro-skeptischen UK Independence Party (UKIP) zuwenden. In Umfragen zieht die UKIP derzeit an Konservativen wie Liberalen vorbei. In den letzten Wahlen verloren die konservativen Torys mindestens zehn Sitze an die Euro-Skeptiker. Diese Zahl könnte sich bei den nächsten Wahlen 2015 verdoppeln. Cameron verlöre dann seine Mehrheit und damit auch sein Amt als Regierungschef.

Einseitige politische Debatte

Die Euro-Krise zermürbt derzeit alle politischen Lager. Selbst der linke Flügel glaubt nicht mehr an einen simplen Pro-Europa-Kurs. Ein Referendum über einen möglichen EU-Austritt Großbritanniens ist in der heutigen Stimmung nicht mehr auszuschließen. In einer Umfrage des Observer im November 2012 sprachen sich 56 Prozent aller Briten für einen EU-Austritt aus. Von den Befragten waren 68 Prozent Anhänger der Torys; 44 Prozent bekannten sich zur Labour-Partei. Beide Parteispitzen lehnen einen EU-Austritt dagegen ab. Stattdessen schwebt Cameron eine EU-Mitgliedschaft mit maximaler Autonomie vor, mit der den Briten ihr Zugang zum Binnenmarkt erhalten bliebe.

Der Ton der heutigen Debatte ist höchst fragwürdig. Mehr als die Hälfte der Briten gibt an, die EU lieber heute als morgen verlassen zu wollen – angestachelt durch eine einseitige politische Debatte. Wenn die knappe Mehrheit von 56 Prozent überhaupt etwas aussagt, dann, dass die Verhältnisse durch eine entschlossene Pro-Europa-Kampagne wieder andere werden könnten.

Gegen einen Austritt sprechen auch die düsteren Warnungen der britischen Wirtschaft, die den Verlust von Arbeitsplätzen und Kapital prophezeit, sollte Großbritannien der EU tatsächlich den Rücken kehren. Zu guter Letzt haben die USA ein großes Interesse daran, sich das Vereinigte Königreich als Brücke nach Europa zu erhalten.

Käme es tatsächlich zu einem Referendum, würden die Pro-Europa-Stimmen ziemlich sicher siegen, während die Euro-Skeptiker durch die Niederlage geschwächt und desorientiert zurückblieben.

Isolation ist keine Strategie des 21. Jahrhunderts

Die Euro-Skeptiker tun sich äußerst schwer damit, zu erklären, inwiefern ein EU-Austritt den Briten eigentlich nutzen sollte. Es stimmt: Wer dem EU-Klub beitreten will, muss einen Teil seiner Autonomie einbüßen. Aber Unabhängigkeit ist für ein Land heute nicht mehr alles. Das Ideal der erhabenen Isolation passt eher ins 19. als ins 21. Jahrhundert. Würde Großbritannien ernst machen und sich tatsächlich von der EU lösen, verlöre es ein wertvolles Privileg, für das andere Nationen bereit wären, vieles aufzugeben – den Zugang zum europäischen Binnenmarkt.

Die Euro-Skeptiker der Torys wollen sich mehr auf den Commonwealth richten. Bei einem minimalen wirtschaftlichen Wachstum der Europäischen Union erwirtschaftet der Commonwealth jährlich immerhin eine Mehrleistung von sieben Prozent, lautet ihr Argument. Hinzu käme, dass der Handel zwischen den Commonwealth-Mitgliedern 20 Prozent billiger sei als für Länder außerhalb der Gruppe. Dabei verschweigen sie allerdings, dass sich die britischen Exporte in den Commonwealth 2011 auf nur 56 Milliarden Pfund beliefen, was weniger als einem Viertel der Exporte in die EU entspricht.

Warum die Frage für die Euro-Skeptiker überhaupt "entweder oder" lautet, ist unklar. Tatsache ist, dass Großbritannien seinen Handel mit der EU und dem Commonwealth ohne Probleme kombinieren kann. Deshalb wäre eine Handelsstrategie, die sich auf beide Absatzmärkte richtet, am erfolgreichsten.

Ein EU-Austritt käme die Briten teuer zu stehen

Wenn Staaten ihre Souveränität bündeln, sind sie stärker als wenn jeder für sich alleine kämpft. Wie soll eine relativ kleine Nation wie Großbritannien im Alleingang günstige Handelsabkommen mit Riesen wie China oder den USA abschließen? Dagegen verkehrt die EU als Wirtschaftsraum mit 550 Millionen Einwohnern in einer viel stärkeren Verhandlungsposition. Die Annahme, Großbritannien käme in Verhandlungen ohne die Schlagkraft der EU aus, ist wirklichkeitsfremd. Genauso wenig könnte Großbritannien seine Interessen bei der WTO alleine durchsetzten.

Seit Großbritannien der Europäischen Gemeinschaft 1973 beitrat, ist der Handel mit den anderen EU-Mitgliedsstaaten um 3,3 Prozent gestiegen. Außerhalb der EU wuchs der Handel dagegen um nur 1,3 Prozent. 48 Prozent aller britischen Güter- und Dienstleistungsexporte gehen heute in die Europäische Union. Wohl kaum würde ein EU-Austritt Großbritanniens das Ende des Handels mit den verbleibenden EU-Staaten bedeuten. Sogar die größten Euro-Skeptiker plädieren daher dafür, den Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu erhalten. Doch selbst in diesem Szenario blieben die Kosten für einen Austritt hoch.

Würde der Handel wie im Fall Norwegens über ein Abkommen im Rahmen des Europäischen Wirtschaftsraums geregelt, müsste Großbritannien die gültigen EU-Regeln zum Binnenmarkt akzeptieren – ohne diese jedoch wie bisher mitbestimmen zu können. Stattdessen könnten sich die Briten auch für eine Reihe maßgeschneiderter Abkommen starkmachen, wie sie zwischen der EU und der Schweiz existieren. Doch auch diese Lösung hat Nachteile. So kann zum Beispiel jedes EU-Land all seine Waren in der Schweiz verkaufen. Umgekehrt darf die Schweiz aber nicht alle Produkte in der EU auf den Markt bringen.

Keines dieser Austrittsszenarien bliebe außerdem ohne hohe finanzielle Kosten. Für den Zugang zum Binnenmarkt müssten die Briten wahrscheinlich eine ähnliche Abgabe an die EU zahlen wie die Schweiz und Norwegen. Die vier Milliarden Euro, um die es dabei voraussichtlich ginge, entsprächen fast der Hälfte des heutigen EU-Beitrags Großbritanniens als vollwertiges Mitglied.

Die zukünftige Führungsmacht der EU?

Brauchen die Briten Europa? Ökonomisch betrachtet, ist die Lage eindeutig. Natürlich sollte das Vereinigte Königreich neue, wachsende Märkte nicht aus dem Auge verlieren. Doch das bedeutet nicht, dass es der EU dafür den Rücken kehren darf. Denn das wäre nichts Geringeres als ökonomischer Selbstmord.

Gleichzeitig ist die EU mehr als eine Zollunion. Sie repräsentiert eine politische Entscheidung und eine geopolitische Chance. Was die britischen Euro-Skeptiker sich vielleicht nicht realisieren, ist, dass ihr Land 2050 die größte Bevölkerung aller EU-Staaten zählen könnte – vorausgesetzt die Türkei tritt bis dahin nicht bei. In dieser Position hätte Großbritannien also wahrscheinlich auch politisch die wichtigste Stimme in der EU.

Gründe für eine führende Rolle Großbritanniens in der EU gibt es genug. Viele neuere EU-Mitglieder fühlen sich vom heutigen franko-deutschen Zentrum ausgeschlossen und hegen daher eine gewisse Skepsis gegenüber dieser Konstellation. Dem Vereinigten Königreich mit seinen Traditionen und Überzeugungen stehen diese Länder dagegen sehr positiv gegenüber. Dank dieses Vertrauens, aber auch dank ihrer internationalen Verbindungen und Privilegien, hätten die Briten das Zeug, die erste unter gleichen Nationen – und damit Europas herausragende Kraft zu werden.

Diese Möglichkeit ist weitaus wahrscheinlicher als jede andere vermeintliche Vision globalen Einflusses für Großbritannien. Die Briten sollten sie nicht leichtherzig verspielen.

Aus dem Englischen von Stefanie Schütten