GroßbritannienDie Briten brauchen Europa

Ein EU-Austritt hätte schlimme Folgen für die britische Wirtschaft. Stattdessen sollte sich das Land auf eine Führungsrolle in der EU vorbereiten, argumentiert Phillip Blond. von Phillip Blond

Der Union Jack vor dem Big Ben in London

Der Union Jack vor dem Big Ben in London  |  © REUTERS/Toby Melville

Seit Jahrzehnten schon vergiftet Euro-Skepsis die politische Debatte in Großbritannien. Die Rechten kämpfen mit aller Macht gegen den gefürchteten Verlust ihrer politischen und parlamentarischen Souveränität. In den jüngsten Urteilen des Europäischen Hofs für Menschenrechte, in denen die britischen Verordnungen zur Terrorkontrolle und Abschiebung gekippt wurden, sehen sie ihre Befürchtungen bestätigt. Dementsprechend heftig sind die Reaktionen in der öffentlichen Debatte.

Phillip Blond

lebt als Journalist, Autor und politischer Kommentator in Großbritannien. Er schreibt für verschiedene britische Medien, darunter Guardian, Independent, Observer und Financial Times. 2009 gründete er den Think Tank "ResPublica", der sich mit aktuellen sozial-ökonomischen Problemen auseinandersetzt.

Dass die Europa-Debatte Premier David Cameron und seine eigene Partei zu spalten droht, ist nichts Neues. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der Torys. Die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens lässt die Konservativen rebellieren wie kein anderes Thema. Inzwischen kann sich die Regierung ihrer Mehrheit im Parlament keineswegs mehr sicher sein.

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Der Premier steht auch deshalb unter Druck, weil sich immer mehr traditionelle Tory-Wähler der Euro-skeptischen UK Independence Party (UKIP) zuwenden. In Umfragen zieht die UKIP derzeit an Konservativen wie Liberalen vorbei. In den letzten Wahlen verloren die konservativen Torys mindestens zehn Sitze an die Euro-Skeptiker. Diese Zahl könnte sich bei den nächsten Wahlen 2015 verdoppeln. Cameron verlöre dann seine Mehrheit und damit auch sein Amt als Regierungschef.

Einseitige politische Debatte

Die Euro-Krise zermürbt derzeit alle politischen Lager. Selbst der linke Flügel glaubt nicht mehr an einen simplen Pro-Europa-Kurs. Ein Referendum über einen möglichen EU-Austritt Großbritanniens ist in der heutigen Stimmung nicht mehr auszuschließen. In einer Umfrage des Observer im November 2012 sprachen sich 56 Prozent aller Briten für einen EU-Austritt aus. Von den Befragten waren 68 Prozent Anhänger der Torys; 44 Prozent bekannten sich zur Labour-Partei. Beide Parteispitzen lehnen einen EU-Austritt dagegen ab. Stattdessen schwebt Cameron eine EU-Mitgliedschaft mit maximaler Autonomie vor, mit der den Briten ihr Zugang zum Binnenmarkt erhalten bliebe.

Der Ton der heutigen Debatte ist höchst fragwürdig. Mehr als die Hälfte der Briten gibt an, die EU lieber heute als morgen verlassen zu wollen – angestachelt durch eine einseitige politische Debatte. Wenn die knappe Mehrheit von 56 Prozent überhaupt etwas aussagt, dann, dass die Verhältnisse durch eine entschlossene Pro-Europa-Kampagne wieder andere werden könnten.

Gegen einen Austritt sprechen auch die düsteren Warnungen der britischen Wirtschaft, die den Verlust von Arbeitsplätzen und Kapital prophezeit, sollte Großbritannien der EU tatsächlich den Rücken kehren. Zu guter Letzt haben die USA ein großes Interesse daran, sich das Vereinigte Königreich als Brücke nach Europa zu erhalten.

Käme es tatsächlich zu einem Referendum, würden die Pro-Europa-Stimmen ziemlich sicher siegen, während die Euro-Skeptiker durch die Niederlage geschwächt und desorientiert zurückblieben.

Isolation ist keine Strategie des 21. Jahrhunderts

Die Euro-Skeptiker tun sich äußerst schwer damit, zu erklären, inwiefern ein EU-Austritt den Briten eigentlich nutzen sollte. Es stimmt: Wer dem EU-Klub beitreten will, muss einen Teil seiner Autonomie einbüßen. Aber Unabhängigkeit ist für ein Land heute nicht mehr alles. Das Ideal der erhabenen Isolation passt eher ins 19. als ins 21. Jahrhundert. Würde Großbritannien ernst machen und sich tatsächlich von der EU lösen, verlöre es ein wertvolles Privileg, für das andere Nationen bereit wären, vieles aufzugeben – den Zugang zum europäischen Binnenmarkt.

Die Euro-Skeptiker der Torys wollen sich mehr auf den Commonwealth richten. Bei einem minimalen wirtschaftlichen Wachstum der Europäischen Union erwirtschaftet der Commonwealth jährlich immerhin eine Mehrleistung von sieben Prozent, lautet ihr Argument. Hinzu käme, dass der Handel zwischen den Commonwealth-Mitgliedern 20 Prozent billiger sei als für Länder außerhalb der Gruppe. Dabei verschweigen sie allerdings, dass sich die britischen Exporte in den Commonwealth 2011 auf nur 56 Milliarden Pfund beliefen, was weniger als einem Viertel der Exporte in die EU entspricht.

Warum die Frage für die Euro-Skeptiker überhaupt "entweder oder" lautet, ist unklar. Tatsache ist, dass Großbritannien seinen Handel mit der EU und dem Commonwealth ohne Probleme kombinieren kann. Deshalb wäre eine Handelsstrategie, die sich auf beide Absatzmärkte richtet, am erfolgreichsten.

Leserkommentare
    • u.t.
    • 19. Dezember 2012 16:44 Uhr
    57. Also...

    ich hätte nichts gegen eine Koalition der "Vernünftigen", die etwas das völlig überschnelle Zusammengehen abbremst und die Kosten im Auge behält.
    Liebe Briten, mit den Skandinaviern und ein paar anderen zusammen, müsste das eigentlich gehen.

    3 Leserempfehlungen
    • Benjowi
    • 19. Dezember 2012 16:52 Uhr

    Jedes einzelne Land Europas -einschließlich Deutschlands-hat in der Welt von morgen, die zunehmend von den asiatischen Giganten bestimmt wird, das Gewicht einer mittleren Großstadt und wird entsprechend wenig beachtet. Wenn Europa nicht mit einer Stimme in dieser Welt auftritt, wird es bald überhaupt nichts mehr zu melden haben-mit entsprechenden Folgen. Ob die "Euroskeptiker" aller Länder das wahrhaben wollen oder nicht, wird dabei eher keine Rolle spielen. Diesen Vorstellungen zu folgen, hieße sich selbst zu marginalisieren und speziell in Großbritannien wissen das natürlich auch alle, die ein wenig rechnen müssen oder können. Man könnte auf die Idee kommen, die Murdoch-Presse, die mit ihren verfärbten Meldungen im Wesentlichen für die merkwürdige Sicht der Insulaner auf die EU verantwortlich ist, betriebe Wirtschaftssabotage zu Lasten Großbritanniens.

    2 Leserempfehlungen
  1. Der Autor, selbst Brite, sieht sein Land bis 2050 in einer führenden Rolle in Europa. Aus heutiger Sicht ist dies kaum vorstellbar.
    Warum eine Mehrheit, lt Umfrage immerhin 56 Prozent aller Briten, sich für einen EU-Austritt ausspricht, ist aus rein ökonomischer Sicht kaum zu erklären. Wer allerdings Briten, in diesem Falle Engländer, und ihre Mentalität näher kennenlernt, kann ihr Verhalten verstehen. Mehr noch: Man kann die Distanz etwa zu Deutschen sehr gut nachvollziehen.

    4 Leserempfehlungen
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    "Man kann die Distanz etwa zu Deutschen sehr gut nachvollziehen."
    ---------------------------
    Da werden sie sich wohl auf Gegenseitigkeit berufen können. Gegen gesunde Distanz gibt es ja auch wenig einzuwenden.

    nimmt wohl an, dass die britischen Geburtenrate - dank des hohen moslemischen Anteils unter den britischen Staatsbürgern - GB zum bevölkerungsreichsten Land der EU gemacht hat. Wie man sich täuschen kann. Daran sind schon generationen von Milchmädchen gescheitert.
    Die Bundesrepublik ist der beste Beweis dafür. Obwohl wir seit Jahrzehnten aussterben, hat sich unsere Bevölkerungszahl auch im letzen Jahr wieder erhöht. Offensichtlich hat sich bei den Demoskopen noch nicht herumgesprochen, dass Bevölkerungswachstum nicht nur durch Eigenproduktion sondern auch durch Import stattfindet.
    Das Pech der Briten ist: während bei uns die Muslime weitgehend Ausländer sind und hier etwas erreichen wollen, sind sie in GB Briten (aus den Kolonien) und haben keinen Grund, sich gegenüber der heimischen Bevölkerung zu profilieren. Es geht ein riesiger Riss durch die Bevölkerung. Das Ethnienproblem ist deswegen um Größenordnungen über unserem.

  2. Die EU ist eine "Entität sui generis".
    Sie ist kein Staat, kein Bundesstaat und auch kein Staaten Bund.

    Also sind diese Dikussionen müßig.

    Da hilft ihnern das Käseblatt und Herr Broder auch nicht.

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    • antlew
    • 19. Dezember 2012 19:09 Uhr

    bevor Sie Begriffe verwenden, die Sie nicht verstanden haben und mit Gemeinplätzen aus der politischen Phraseologie schwadronieren.
    Dass Europa bislang weder Staat, Bundesstaat noch Staaten Bund darstellt liegt auf der Hand.

    Warum es deswegen "müßig" sein sollte, über die Art und Weise des europäischen Gemeinwesens zu reden, ist wohl nur jemandem einsichtig, der nicht weiter, als in diesen drei Kategorien denken kann.
    Die europäischen Kultur geht auf die föderative Gesellschaft der alten Griechen zurück. Dass sollte zu denken geben.

    Den Unterschied haben Sie jedoch schon im Hinblick auf den törichten, preussisch-deutschen Nationalstaat und der damit verbundenen Verhinderung einer föderativen Kultur im Sinne des Habsburgerreiches nicht verstanden.

  3. weil die deutschen nie mehr einen krieg anfangen sollten. das war und ist das ziel. der euro wird scheitern. das ist ein faktum den man noch so häufig verleugnen kann, aber es wird passieren (bsp.: target2). das die engländer aus der eu wollen find ich nur natürlich, geht mir genauso. dieses bürokratische riesen monster was uns ins armenhaus bringen wird braucht niemand. die eg war eine gute sache da hätte man bei bleiben sollen. ich find das einfach nur krass das es immer noch leute gibt die dieses rechtswidrige gebilde immer noch haben wollen und noch mehr. ohne demokratischer legitimation einfach so als politik diktatur ohne rechte. denn das ist auch fakt. aber die meisten wollen wohl überhaupt keine rechte haben, sondern lieber den euro und ein neues ipad. aber das wirds auch nicht geben, denn bald sind wir alle arm dank der politiker die immer mehr geld ausgeben. und bei uns entsteht die altersarmut. naja was solls.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Es ist Zeit"
  4. wie die briten moechte ich sagen.allerdings mit dem unterschied dass sie wissen sollten dass die eu nicht untergeht. das problem mit gb ist, dass die bevoelkerung noch stets in dimensionen des britischen weltreiches denkt. sie wissen im allgemeinen sehr wenig bzw. nichts ueber europa. gb ist, gem.der britischen medienlandschaft und de bewohner gb noch stets der nabel der welt. die britische wirtschaft stellt, ohne den finanzmarkt london, nichts vor. ohne europa waehre gb ein dritte-welt-land.

    Antwort auf "[...]"
  5. 63. danke

    endlich mal jemand der nicht nur bis zur tischkante denkt. reaktionen zeigen lediglich die unwissenheit vieler ueber eu + euro.

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  6. "Man kann die Distanz etwa zu Deutschen sehr gut nachvollziehen."
    ---------------------------
    Da werden sie sich wohl auf Gegenseitigkeit berufen können. Gegen gesunde Distanz gibt es ja auch wenig einzuwenden.

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  • Schlagworte Europa | Großbritannien | Europäische Union | David Cameron | Commonwealth | WTO
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