Jahresrückblick 2012 : Breivik bekam sein Wasser – mehr nicht

Im April 2012 beginnt in Oslo der Prozess gegen den Massenmörder Anders Behring Breivik. Von Anfang bis Ende dabei ist der Gerichtsdiener Roar Krogh.
Anders Behring Breivik (r.) und Gerichtsdiener Roar Krogh © picture alliance / dpa

"Am 22. Juli 2011 durchquerte ich das Regierungsviertel, um mir meinen neuen Arbeitsplatz anzusehen. Das war wenige Stunden vor der Explosion", erinnert sich Roar Krogh. Der Osloer Gerichtshof, wo er seitdem als Gerichtsdiener arbeitet, ist nur einen Katzensprung von den Regierungsgebäuden entfernt. Und als dort am 16. April der Prozess gegen Anders Behring Breivik begann, war Krogh plötzlich Teil eines der größten norwegischen Gerichtsverfahren aller Zeiten.

"Ich wusste, dass ich eine große Verantwortung tragen würde", sagt Krogh, "aber die Medienpräsenz war noch viel größer, als ich erwartet hatte."

ZEIT ONLINE traf ihn in Gerichtssaal 250 – dem Saal, in dem der zehnwöchige Prozess gegen Breivik stattfand. Krogh war vom Anfang bis zum Ende dabei. Sein Gesicht erschien in Zeitungen und Fernsehprogrammen auf der ganzen Welt. Einige Fotos hat er aufbewahrt und zu dem Gespräch mitgebracht. "Ich bin der Mann im Hintergrund", sagt er.

Als Gerichtsdiener war Krogh der Gastherr für die Anwesenden im Breivik-Prozess. Er kümmerte sich um praktische Probleme, füllte Wassergläser auf, übermittelte Nachrichten und versah die Zeugen mit Mikrophonen. Manchmal kam er abends noch einmal zum Gericht zurück, um noch etwas zu erledigen. "Wenn ich nachts aufwachte, war der Prozess das Erste, woran ich dachte. Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf", erzählt er.

Eines Tages sprang während der Verhandlung plötzlich ein Mann auf schleuderte seinen Schuh in Richtung Breivik. "Du hast meinen Bruder getötet! Zur Hölle mit dir! Zur Hölle!", schrie er. Krogh erinnert sich noch gut, dass der Mann vor lauter Verzweiflung gar nicht mehr aufhörte zu schreien. "Das Sicherheitspersonal musste ihn nach draußen bringen. Zunächst erschraken die Menschen, doch dann brachen sie in einen spontanen Applaus aus. Sie hatten viel Verständnis für die verzweifelte Lage des Mannes."

Heftige Emotionen

In dem Prozess wurde über alle 77 Menschen, die durch Breivik zu Tode kamen, detailliert gesprochen. "Ich werde nie die Beschreibungen des Gerichtsmediziners vergessen, auf welche Weise die Kugeln die Opfer auf Utøya trafen", sagt Krogh.

Auch die Zeugenaussagen der Überlebenden hinterließen tiefen Eindruck. Eine Siebzehnjährige erzählte, wie sie verwundet zwischen ihren getöteten Freunden in dem Café auf Utøya lag. Plötzlich klingelte neben ihr ein Handy. "Mama" stand auf dem Bildschirm. Das Mädchen konnte den Anruf nicht mehr entgegennehmen. 

Manchmal musste Krogh sich bemühen, nicht in Tränen auszubrechen. Er lenkte sich dann häufig mit praktischen Problemen ab, die es noch zu lösen gab. Hin und wieder bekam Krogh Aufforderungen, das Wasser des Massenmörders zu vergiften.

"Von Breivik hielt ich mich fern"

In dem zehnwöchigen Prozess lernte der Gerichtsdiener alle beteiligten Parteien kennen. Nur von Breivik hielt er sich fern. "Ich habe es geschafft, in der ganzen Zeit keinen einzigen Kontakt zu Breivik zu haben. In den meisten anderen Verfahren lerne ich den Angeklagten ein wenig kennen. Aber diesmal hielt ich mich von ihm fern – aus Respekt vor den Opfern. Ich wollte ihn weder kennenlernen, noch anfangen, ihn zu grüßen."

Breivik muss ein paar Hundert Mal an dem Gerichtsdiener vorbeigelaufen sein. "Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, dass wir je Augenkontakt hatten", sagt Krogh. "Ich blieb auf Abstand, behandelte ihn professionell. Er bekam sein Wasser wie jeder andere auch."

Aus dem Englischen übersetzt von Stefanie Schütten

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Massenmörder aus Norwegen

Ein Dutzend Mal las ich den Namen des Massenmörders.
Das ist ein Dutzend Mal zu viel.
Auch sah ich ein Mal sein Bild, auch das ist ein Mal zu viel.

Schade, dass hier eine Art mediale Glorifizierung des Täters stattfindet, wie so oft.
Viel schlimmer wäre es für Diese, wenn man Sie garnicht namentlich lesen/ sehen könnte.

nicht sinnvoll

2."Schade, dass hier eine Art mediale Glorifizierung des Täters stattfindet, wie so oft.
Viel schlimmer wäre es für Diese, wenn man Sie garnicht namentlich lesen/ sehen könnte."

Sie fordern damit praktisch indirekt,dass man von jeglichen! Tätern
nichts mehr lesen und hören kann/soll,denn wer sollte entscheiden,über welche Täter man berichten darf und über welche nicht!