Nobelpreis für die EUHinter dem Frieden in Europa steckt Methode

Der heutige Zustand der EU rechtfertigt den Friedensnobelpreis kaum. Er ist nur verdient, wenn er der Idee hinter der Gemeinschaft gilt, kommentiert Carsten Luther. von 

Auszeichnungen von der Dimension eines Nobelpreises erhält mancher erst, wenn er seine besten Zeiten bereits hinter sich hat. Sie sind oft die späte Bestätigung einer bahnbrechenden Leistung, die doch längst Vergangenheit ist. Literaten etwa, die nach dem Preis für ihr Lebenswerk nichts Relevantes mehr zu Papier bringen.

Ein solches Schicksal kann man der EU nicht wünschen. Man darf deshalb hoffen, dass es sich mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union anders verhält. Dass die heutige Würdigung nicht das Ende markiert, sondern in die Zukunft weist. So wie den ausgezeichneten Forschern, deren Entdeckungen die Grundlage sind für alles, was an Fortschritt noch kommen mag.

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Es ist immer leichter zu fassen, wenn der Nobelpreis an einen einzelnen Menschen geht. Denn er besitzt naturgegeben das, was Institutionen sich erst erarbeiten müssen: Identität. Gerade die Europäische Union ringt darum seit ihrer Anfangszeit und wird es weiter tun müssen. Sie muss immer neu beweisen, dass sie mehr ist als ein technokratisches Wirtschaftsprojekt, das fortwährend im Umbruch begriffen ist.

Hinter dem Frieden steckt Methode

Die Auszeichnung ergibt deshalb überhaupt nur einen Sinn, wenn sie nicht allein den Erfolg der Vergangenheit belohnt. Das käme einer Medaille für jahrzehntelang unfallfreies Fahren gleich: Es könnte auch alles nur ein glücklicher Zufall gewesen sein. Der Reflex, sich auszuruhen, wäre verlockend.

Außerdem würde der Blick nur in die Vergangenheit den Fokus zu stark auf all die Unzulänglichkeiten der EU legen: vom Umgang mit Flüchtlingen bis zu sozialen Spannungen und wirtschaftlichen Verwerfungen zwischen Nord und Süd. Keine Frage: Die Europäische Union bleibt oft hinter ihren eigenen Ansprüchen zurück . Am Ende stünde unweigerlich der Schluss, der Nobelpreis sei nicht verdient.

Darum also darf es dem Preis nicht gehen. Er muss auf den Antrieb hinter dem europäischen Projekt zielen, den Traum von der Versöhnung einst verfeindeter Völker. Die EU ist dabei kein bloßes Symbol, sie ist eine gewachsene Realität, an der viele mitgearbeitet haben. Hinter dem Frieden in Europa steckt Methode. Wenn es das ist, was das Nobelkomitee ehren möchte, und nicht der heutige Zustand der Gemeinschaft, dann kann man nur zustimmen.

Mahnung für uns alle

Daraus erwächst der Auftrag, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, den Frieden nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Die größte Gefahr für die Zukunft wären mit einem Mal nicht die noch ungelösten Krisen und Herausforderungen. Das sind überwindbare Hindernisse. Viel gewichtiger ist angesichts skeptischer Töne aus Großbritannien und aller berechtigten Kritik an der Brüsseler Politik die Frage, wie wir diese Idee von Europa leben. Ob wir uns abseits von Sachfragen noch genügend dafür einsetzen.

Denn gegenüber der EU und anderen Friedensnobelpreisträgern haben Literaten und Forscher einen entscheidenden Vorteil: Was sie geleistet haben, bleibt bestehen. Es kann in Vergessenheit geraten, von neuen Erkenntnissen überholt, im schlimmsten Fall irrelevant werden. Doch das Projekt Frieden ist immer bedroht und nie abgeschlossen. Deshalb muss diese Auszeichnung eine Mahnung zum Weitermachen sein.

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Leserkommentare
  1. ##Die Krise wäre nur noch ein Stück verschärfter, denn die sich jetzt schon abzeichnenden humanitären sozialen Katastrophen hätten dann noch härter zugeschlagen und ein armes Europa nützt dem Exportweltmeister wenig, so dass wir unabhängig von der EU oder dem Euro Probleme gehabt hätten.##

    Da die gegenwärtige Krise eine "typische" Systemkrise ist, halte ich ihre Vermutung für zutreffend.
    Insbesondere der € und die Aufnahme von bonitätsarmen Weichwährungsländern in eine Hartwährungsgemeinschaft hat dem seit der Wende schwächelnden Kapitalismus nochmal mit (schuldeninduzierten) Wachstum gepusht. Vergleichbar der US-Hypothenpolitik, die Binnennachfrage und damit Wachstum mit nie tilgbaren Kreditschulden erzeugte.

    Ja, ohne die EU wäre die gegenwärtige Systemkrise sicher früher und bereits heftiger gewesen; die EU hat ein auf Betrug bauendes Systemkartenhaus mittels zig Milliarden € weiterer Staatsschulden um ein paar Jahre vor dem zusammenfallen bewahrt.
    Das wars aber auch schon, eine zivilisatorische oder altruistische Leistung kann ich dabei seitens der Verantwortlichen nicht erkennen, ist es doch im Eigeninteresse der politische Kaste, den Status Quo solange es geht zu halten, um ihre Macht (oder besser angenommene "Wichtigkeit") nicht zu verlieren.

    Eine Lösungsansatz, nur die vage Idee, was zu tun wäre, gibt es nicht.
    Nur das stümperhafte Verwalten des sozialen Niedergangs, zunehmend mittels Gewalteinsatz und das klammern an den Privilegien seitens der Systemgewinner.

    Antwort auf "Der Pessimismus,"
    • elkaczi
    • 10. Dezember 2012 21:45 Uhr

    Deutschland und Frankreich wurden so gewürdidgt vom Nobelkomitee.heist das, das die andren Europäischen Länder sich nicht so bemüht haben,um den Frieden in Europa wie die zwei.
    Ich hätte mich gefreut,wenn eine andere Organisation oder einzelne Person wie zB. Malala.

    Und nicht die größten Verkäufer von Kriegswaffen;((

    • tja_ja
    • 10. Dezember 2012 21:52 Uhr

    ich wüsste nicht, dass die EU in den Irak maschiert wäre, auch nicht nach Libyen. Es waren Nationalstaaten, im Irak führend ein nicht-europäisches Land. Die Unruhen in Libyen haben also die EU akut ausgelöst? Ich dachte die sind erst später in den Konflikt mit militärischen Mitteln hinzugestoßen. Über die genauen Hintergründe können wir eh nur spekulieren. Was den Kongo betrifft: Der Kongo ist ein Erbe der Nationalstaaten und ihres Imperialismus. Es war nicht die EU die dort eine Rolle gespielt hat, vielmehr westliche Staaten im Zeichen des kalten Krieges. Die Interessen der EU, die es zum Teil so nicht einmal gab, lagen damals ausschließlich innerhalb ihrer Staatsgrenzen. Eine außenpolitische Rolle ist die EU gerade erst am entwickeln, insofern geht ihre Kritik diesbezüglich am Ziel vorbei. Dass politische Methoden oftmals unmoralisch oder gar verwerflich sind, dem kann ich Ihnen zustimmen, den Kontext darf man dabei aber nicht aus den Augen verlieren. Sie unterstellen unseren gewählten (!!!) Regierungen zudem nicht legitimiert zu sein. Was stellen Sie sich denn an "legitimierten" Regierungen vor? Diejenigen, die ausschließlich ihre egoistischen Interessen verfolgen? Unsere Regierungen sind gewählt, es hindert Sie auch keiner selber anzutreten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ## ...ich wüsste nicht, dass die EU in den Irak maschiert wäre, auch nicht nach Libyen. Es waren Nationalstaaten,... ##

    Ich halte es für wenig zielführend, eine Vereinigung strikt von ihren Mitgliedern zu trennen.
    Und natürlich färbt das Verhalten der politischen Führung von Nationalstaaten auch auf die EU, da diese ja nichts weiter ist, als ein Zusammenwürfnis all dieser nationalen Regierungen; das EU-Parlament ist ja immernoch nicht dem Stadium einen Abnickvereins für die großherrliche EU-Kommission entwachsen, die wiederum nationale Macht- und Wirtschaftsinteressen supranational umsetzt.

    Das Profite über Menschen gehen, also die elende Reproduktion der imperialen Geschichte vieler ihrer Mitgliedsländer, zeigt die EU von Anfang an; siehe die Agrarsubventionen.
    Der EU-Imperialismus erfolgt nicht mehr mit dem Militär, sondern mittels starker und agressiver Exportwirtschaft.
    Wobei ja selbst der Militäreinsatz inzwischen kein Tabu mehr ist, nichtmal mehr gegen die eigene Bevölkerung.

    ## Sie unterstellen unseren gewählten (!!!) Regierungen zudem nicht legitimiert zu sein. Was stellen Sie sich denn an "legitimierten" Regierungen vor? ##

    Zunächst:
    Die Verneinung sogenannter "legitimer Interessen" bezog ich darauf, dass Staaten den Anspruch haben, überall da zu Lasten anderer intervenieren zu "dürfen", wo eigene Interessen betroffen sind.
    Beispielsweise die Unterstützung des Obristenputsches in GR durch GB, weil dort britischen Großgrundbesitzern die Enteignung durch eine gewählte Regierung drohte.

    Aber davon abgesehen, ja, habe ich starke Zweifel an der Legitimität der dt. Regierungen (und der vieler anderer Staaten).
    Bestehende Regierungen werden aufgrund von Versprechungen mandatiert, die sie nicht halten müssen und für angerichtete Schäden auch nicht haften.
    Bestehende Regierungen werden von einer Minderheit der Bevölkerung gewählt, die duch absurde Regularien, die die Bevölkerung nicht ausgestalten konnte, zu "Mehrheiten" verklärt werden.
    Die Meinungsbildung der Masse der Bevölkerung, also der demokratisch notwendigen "Mehrheit", geschiet durch wenige weitgehend systemkonforme Medien, die von Systemprofiteuren besessen, oder geführt werden und sodann die bestehenden Verhältnisse und alles was dazu gehört, für grundsätzlich "alternativlos" erklären.
    Die Menschen legitimieren dann die Stellvertreter, Führer, die ihnen das System in pausenloser Propaganda darbietet.

    Auf dieser absurden Basis ist Kim Jong-un auch "legitimer" Autokrat Nordkoreas ...

    • elkaczi
    • 10. Dezember 2012 21:53 Uhr

    Sory da ist mir ein kleiner Fehler unterlaufen..

    Ich meinte, daß!

    Ich hätte mich gefreut,wenn eine andere Organisation oder einzelne Person wie zB. Malala.diesen Nobelpreis bekommen hätte.

  2. Sie schreiben da einiges auf, aber inhaltlich halte ich einige davon für groben Unfug:

    Der Nordirlandkonflikt und die Sache mit dem Baskenland sorgen gelegentlich für kleinere Reibereien, aber soweit ich weiß, wurde in beiden Fällen dem Weg der Gewalt der Rücken gekehrt.

    Was meinen sie mit dem Leugnen des Völkermordes an den Armeniern? Soweit ich weiß ist die Türkei nicht in der EU und da gab es auch kürzlichst erst einige Reibereien zwischen Frankreich und der Türkei genau wegen diesem Thema.

    Der Inselstreit mit Argentinien: Die Briten haben die Inseln in Besitz genommen, weil sie niemandem gehörten. Sie wollten die Inseln an Argentinien abgeben, aber das wollten die Einwohner nicht. Die Diktatur in Argentinien eroberte sie um von inneren Problemen abzulenken, die Briten besiegten die Aggressoren und halfen so zum ende der Diktatur bei.

    Kurden: Auch eher Türkei, oder?

    Konfklikt mit Iran: Besser Wirtschaftssanktionen als Bomben, oder? Es besteht ja keine Pflicht mit jedem Handel treiben zu müssen.

    Die anderen Punkte müsste man ausgiebiger diskutieren.

    Die EU ist übrigens auch kein Land, sondern ein Staatenverbund bestehend aus 27 Staaten ;)

    Antwort auf "Klar hat das System"
  3. als Waffenesxport-Nationen nummer 2 und 4 können Merkel und Hollande also die Sektkorken Heute knallen lassen.

    wie Armselig,die EU hat den Nobelpreis ist keinster Weise verdient !

  4. Angesichts dessen, was in den arabischen Ländern und Nordafrika vorsichgeht - diese Länder sind Öllieferanen Europas und werden seitens Europas in keinster Weise als faire Partner behandelt, sondern im Gegenteil : Europa mischt diese Länder gegeneinander auf, verdient an deren Bürgerkriegen und manipuliert derart, daß Regierungen gestürzt werden, an deren Stelle bevorzugte Partner Europas treten, angesichts dessen und angesichts des Dramas, das sich derzeit in Syrien abspielt, dessen ZUSCHAUER Europa ist, ist der Nobelpreis für Frieden für Europa der blanke Hohn. Wieso treibt dies hierzulande keinem die Schamröte ins Gesicht?

  5. Thomas Mann veröffentlichte "Buddenbrooks" im Jahr 1901 und erhielt dafür 1929 den Nobelpreis. Die EU erhielt den Nobelpreis für die 50 Jahre alte Idee eines gemeinsamen Europa -- nicht für die "Leistungen" des Beamtenklüngels, der sich heutzutage in Brüsseler Luxusrestaurants mästet.

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