So richtig eingestehen will sich Russlands Außenminister Sergej Lawrow wohl noch nicht, dass Moskau im syrischen Bürgerkrieg möglicherweise auf der falschen Seite steht. Angesichts der Erfolge der verschiedenen Oppositionsmilizen in Syrien ist die Unterstützung des Assad-Regimes zu einer diplomatisch zweifelhaften Sache geworden. Möglicherweise auch deswegen traf sich Lawrow am Freitag mit Syriens Vizepremier Kadri Jamil .

Dieser gehörte mit der "Volksfront für Veränderung und Befreiung" zur innersyrisch-gemäßigten politischen Opposition, bevor er kürzlich in die Regierung eingebunden wurde. Jamil war es, der im August erstmals signalisierte, dass bei Verhandlungen über die Zukunft Syriens auch ein Rücktritt Assads diskutiert werden könne. Die Freunde Syriens, die gerade in Marrakesch tagten , nennt er Feinde seines Landes, eine externe Einmischung in innere Angelegenheiten.

Falls Lawrow jetzt mit Jamils Empfang auch signalisieren will, dass er zumindest Exoppositionelle empfängt, wäre das höchste Zeit, denn Russland hat sich in der Syrien-Frage international isoliert, es hat ein härteres Eingreifen der internationalen Gemeinschaft gegen das Regime in der UN stets blockiert. Gründe dafür sind nicht nur die seit Langem gepflegten Beziehungen zu den Assads und der russische Marinestützpunkt in der syrischen Hafenstadt Tartus. Auch der Libyen-Schock sitzt tief, Moskau sah sich während des Bürgerkrieges dort von den Westmächten ausgetrickst, als die UN-Resolution für den Schutz der libyschen Zivilbevölkerung zum regime change in Tripolis umgewidmet wurde.

"Den Tatsachen ins Auge blicken"

Anders ist die Situation in Syrien, wo weder die Westmächte noch arabische Staaten direkt intervenieren wollen. Die Aufständischen dort stehen möglicherweise auch ohne das direkte Eingreifen ausländischer Kräfte vor ihrem Ziel. Zumindest Ahmad Moaz Al-Khatib, der Führer der Dachorganisation der syrischen Opposition, der "Nationalen Koalition der syrischen Oppositions- und Revolutionskräfte", geht davon aus, dass es in Syrien "keiner internationalen Kräfte mehr" bedarf.

Inzwischen schließt daher auch Moskau eine Niederlage seines Verbündeten Baschar al-Assad nicht mehr aus. "Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken", sagte Vize-Außenminister Michail Bogdanow am Donnerstag. Die syrische Regierung verliere immer mehr Gebiete an die Aufständischen, zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass. "Bedauerlicherweise kann ein Sieg der syrischen Opposition nicht ausgeschlossen werden", sagte Bogdanow, der auch Nahost-Beauftragter des russischen Präsidialamtes ist. Der Regierung ging Bogdanows Äußerung dann wohl doch zu weit, zumindest beteuerte das Außenministerium am Freitag prompt die Loyalität zu Damaskus und betonte, es sei alles nicht so gemeint.