Djindjic-StiftungSerbiens Nachwuchs baut den Weg nach Europa

Nach dem Mord am serbischen Premierminister Zoran Djindjic gründete seine Frau eine Stiftung. Sie soll Serben und Deutsche zusammenbringen – und Serbien näher an die EU. von 

Ruzica Djindjic sitzt, die Beine übereinander geschlagen, auf einem schweren Ledersofa und hört lächelnd zu, wie ein junger Mann von seinen Erfahrungen in Deutschland berichtet. Von draußen dringt leicht der Lärm des Verkehrs in die Altbauwohnung in Belgrad , Serbiens Hauptstadt. Hier hat die Zoran Djindjic Stiftung ihren Sitz. Benannt nach dem ersten frei gewählten serbischen Premierminister , der das Land von 2001 bis März 2003 regierte. Gegründet acht Monate nach dessen Ermordung . Ruzica Djindjic sitzt mit sechs Männern und Frauen zwischen 23 und 31 zusammen. Mit dem Stipendienprogramm der Stiftung und Unterstützung der deutschen Wirtschaft waren sie als Praktikanten in der Bundesrepublik. Ihr Mann habe Deutschland geliebt, sagt sie. Ruzica Djindjic ist Direktorin der Stiftung und verwaltet heute sein politisches Erbe.

Zoran Djindjic hatte sich als Student in Jugoslawien politisch engagiert – gegen das Regime. Das brachte ihm eine Gefängnisstrafe ein. Nach mehreren Monaten Haft ging er nach Deutschland, studierte in Frankfurt am Main , promovierte dann in Konstanz im Fach Philosophie. Nach der Rückkehr in seine Heimat engagierte er sich trotz Repressionen weiter in der Politik.

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Er gehörte 1990 zu den Gründern der Demokratischen Partei, wurde deren Vorsitzender und ins Parlament gewählt. Nach dem Krieg der Nato gegen Serbien und dem Ende des Regimes von Slobodan Milošević stand Zoran Djindjic im Dezember 2000 an der Spitze einer politischen Allianz von Oppositionsparteien, die aus der Parlamentswahl als Sieger hervorging.

Djindjics Tod war ein großer Rückschritt für Serbien

Djindjic wurde Premier. Mit seinem Kampf gegen Korruption, die organisierte Kriminalität, der Auslieferung Milošević s an den Internationalen Gerichtshof , aber auch seiner Kooperation mit den Nationalisten machte er sich viele politische Gegner – und ernsthafte Feinde. Am 12. März 2003 ermordete ein Scharfschütze den Premier mit Schüssen in Bauch und Rücken. Er und seine Hintermänner stammten aus dem Umfeld nationalistischer Milizen und der Spezialeinheit Crvene Beretke – auf Deutsch "Rote Barette". Die Täter erhielten bis zu 40 Jahre Haft.

Der Mordfall blieb in Serbien präsent: Im Februar 2012 wurde ein weiterer Hintermann in Spanien verhaftet, der in Abwesenheit bereits zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Westliche Politiker nannten den Tod Djindjics einen großen Rückschritt für Serbien. Dem geplanten EU-Beitritt des Landes hat die Tat sicher nicht geholfen.

"Es war eine sehr schwere Zeit, aber die Stiftung hat mitgeholfen", sagt Ruzica Djindjic. Sie und die jungen Stipendiaten hoffen auf eine Aufnahme Serbiens in die Europäische Union und damit auf einen Anstieg des Lebensstandards. Ihr Land hat große wirtschaftliche Probleme. Die Arbeitslosigkeit ist in Serbien hoch, vor allem die Jugend ist betroffen. Viele Schulabgänger sind schlecht für den Arbeitsmarkt qualifiziert. Die meisten Universitäten lehren sehr theoretisch, kaum serbische Studenten absolvieren Praktika.

Akademiker müssen von 400 Euro im Monat leben

Beim Aufbau eines Berufsorientierungssystems erhält Serbien Unterstützung aus Deutschland, ebenso bei der Einführung neuer Ausbildungsgänge. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die KfW Entwicklungsbank sind in Serbien auf diesem Gebiet mit zahlreichen Projekten aktiv. Die Organisationen kooperieren auch mit der Djindjic-Stiftung.

Doch selbst hochqualifizierte Akademiker mit Praxiserfahrung haben es sehr schwer, gut bezahlte Jobs zu finden. Die Stipendiaten berichten von Monatsgehältern um 400 Euro für junge Experten. Viele Markenprodukte kosten in den Supermärkten und Boutiquen aber fast genauso so viel wie in Deutschland – manche Waren wie Möbel und Winterreifen sind erheblich teurer.

Leserkommentare
  1. Frau Djindjics Optimismus in Ehren.Dennoch seien Zweifel erlaubt.
    Schon im 1. Weltkrieg hieß die deutsch-österreichische Parole „Serbien muss sterbien“ – samt der symbolträchtigen Zerstörung der osmanischen Brücke über die Drina in Visegrad (Ivo Andric), einer der wenigen Brücken zwischen Ost und West. Im 2. Weltkrieg alsdann die deutsche Unterstützung der Ustascha – die dennoch nicht siegte. Gerne vergessen wird da die 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“, aktiv vor allem in Nordserbien, zudem die 7. WaffenGebirgs-Division der SS „Skanderbeg“ Unheilig zieht sich durch die deutsch-balkanesische Geschichte ein blutroter Faden, der heute noch immer nicht durchschnitten wurde. Die Anerkennung Kroatiens durch Deutschland 1991, als der Kroate Mesic noch Vorsitzender des Präsidiums der SFRJ hätte ein können. Zwischendurch die Zerstörung der osmanischen Brücke in Mostar durch von Deutschland unterstützte kroatische Truppen. Die Bombardierung serbischer Städte 1999 im Auftrag von Rot-Grün (Fischer und Schröder), die Zerstörung der Wiege der serbischen Kultur, die Klöster auf dem Kosovo unter deutschem Bundeswehrmandat.
    Sollte wunderbarer Weise plötzlich Weisheit in deutsche Politik eingekehrt sein? Europa als Hort des Anti-Nationalismus aktiv werden? „Brüderlichkeit und Einheit“, das zentrale Motto der SFRJ über den Balkan hinaus wiederbelebt werden?
    Ich würde es für alle Beteiligten von ganzem Herzen hoffen – nur sind meine bitteren Erfahrungen ganz andere.

    Eine Leserempfehlung
    • zorano
    • 31. Dezember 2012 0:08 Uhr

    Leider hat der ansonsten ausgesprochen intelligente und unbeirrbare Politiker, wie Dr.Djindjic es war, auch nicht eingesehen, wie wichtig es war die damalige reformistische Regierung unter Dr.Ante Markovic (ein Kroate) bei den Versuchen das Jugoslawien zu erhalten zu unterstützen. Er hat ihn auch verlassen. USA, Großbritannien und Frankreich wollten es nicht, aber gerade die deutsche Politik war es, die die Zerschlagung Jugoslawiens herbeiführte. Das weiß jeder in Serbien. Die Absichten von Frau Djindjic sind edel und lobenswert aber eine Besserung der Serbisch-Deutschen Beziehungen wird nie auf diesem Wege erreicht. Einige, Hunderte oder sogar Tausende von Studenten werden das nicht erreichen können, einfach deswegen, weil auch diese trotz aller Vorteile, die sie durch die Stiftung erwerben, ganz schnell und noch besser als die anderen Serben, die Deutschland und die Deutschen nicht erlebten, in direktem Kontakt sehr schnell lernen, wie die richtigen Gefühle der meisten Deutschen gegenüber des „Ewigen Serben“ sind. Die Freundschaften á la Vuk Karadzic und J.W.Goethe werden eher die traurigen Ausnahmen bleiben, die die Regel nur bestätigen. Wenigstens so lange, bis die deutsche Außenpolitik die Mut faßt und mit der so heiß geliebten „Kontinuität der Außenpolitik„ auf dem Balkan endlich Schluß macht.

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  • Schlagworte Europa | Europäische Union | Zoran Djindjic | Nachwuchs | Serbien | Allianz
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