Flucht aus Syrien"Anfangs hat Ali nur geweint"

Mehr als eine Million Syrer hat ihr Land verlassen. Den traumatisierten Kindern fällt es schwer, den Schrecken des Krieges hinter sich zu lassen. von 

Am liebsten würde er seinem Freund Anwar mal richtig das Herz ausschütten. Dass er so sehr Heimweh nach Homs hat, wieder mit ihm Fußball spielen möchte, sein Zimmer mit den Spielsachen vermisst, besonders das schöne Flugzeugmodell von SyrianAir, welches ihm Vater mal aus Damaskus mitgebracht hat. Ali ist neun Jahre alt und verzweifelt.

"So ein hässliches Land wie Ägypten habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen", platzt es trotzig aus ihm heraus, dann starrt er wieder vor sich auf seine Fußspitzen. Nichts wie weg aus Kairo will er, zurück zu seinem besten Kumpel Anwar, der irgendwo in den Ruinen von Homs mit seinen Eltern im tobenden Bürgerkrieg steckt.

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"Die erste Zeit hat Ali kein Wort geredet und nur geweint", berichtet Hoda Beiran, seit drei Monaten nun seine Lehrerin und gleichzeitig die Rektorin der Sadek Gouha Grundschule im Kairoer Stadtteil Madinet Nasr. Sieben Kinder aus Syrien wurden hier aufgenommen, alle ähnlich verstört, traumatisiert und entwurzelt, wie der kleine Ali und seine ein Jahr ältere Schwester Asma.

Der Onkel zu Tode gefoltert

Die Klassenzimmer sind so verwohnt und abgenutzt, wie überall in Ägyptens öffentlichen Schulen. Die Tafel wurde mindestens seit einer Generation nicht erneuert. An der Wand hängen Regeln für die Mengenlehre, unten im Hof toben die Kinder gerade in der Pause herum. Lehrerin Hoda hat ein rundes, freundliches Gesicht, ist bei den Kindern beliebt. Irgendwann aber wussten sich die Lehrkräfte bei dem sensiblen Jungen nicht mehr zu helfen und baten seine Mutter Hieba in die Schule. "Die Kinder brauchen sehr viel Wärme und Liebe", sagt die 25-Jährige, die vier ihrer Brüder bei der Freien Syrischen Armee hat. In Kairo findet sie nachts endlich wieder Schlaf. Ali aber habe Angst vor Menschen, gehe nicht mehr allein auf die Straße. "Die Kinder haben sehr viel mitgemacht", seufzt sie, während Nesthäkchen Tasnem sich an sie schmiegt.

Nächtelang zwängte sich die Familie in der Bombenhölle von Homs in das kleine Badezimmer in der Mitte der Wohnung – Todesangst, panisches Lauschen, verzweifelte Schreie von irgendwoher draußen und immer wieder das ohrenbetäubende Krachen. Zweimal kam die Geheimpolizei, durchwühlte drohend die ganze Wohnung. Danach tauchten die Eltern ab, hausten mit ihren drei Kindern ein halbes Jahr lang in verschiedenen Rohbauten in anderen Ecken der Stadt, bis der Granatenhagel auch hier begann. Die Kinder mussten mit ansehen, wie ihr Onkel Ayman verhaftet und abgeführt wurde, als er mit ihnen zur Moschee gehen wollte.

"Zum Abschied gab er uns einen Kuss auf die Stirn, wir haben ihn sehr geliebt", sagen Ali und Asma. Er kam gerne rüber zum Abendessen, tobte mit ihnen durch die Wohnung oder las vor dem Schlafengehen Märchen vor. Fünf Tage später tauchte seine Leiche auf – das Gesicht blau vor Schlägen, auf dem Rücken der rot-schwarze Brandfleck eines Bügeleisens, die Fingernägel herausgerissen. Onkel Ayman war in Homs einer der ersten, der von Assads Gemeindienst zu Tode gefoltert wurde . Heute sind es Abertausende – und in allen anderen Städten Syriens liegen die Wohnviertel jetzt ebenfalls in Ruinen.

Leserkommentare
  1. 1. So so,

    vier Onkel von Ali kämpfen bei der FSA.
    Da muss es Ali aber gar nicht wundern, dass - nicht nur für ihn - die Zustände in Syrien immer schlimmer werden und oft nur die Flucht bleibt.
    Und die Onkel müssten sich mal fragen, was sie da eigentlich tun. Scheint aber irgendwie zum Menschenschicksal zu gehören - das Leiden am selbstgeschaffenen Elend.

    15 Leserempfehlungen
  2. Immer wieder interessant zu lesen, dass nur dass Assad-Regime Schuld haben soll, an dem Leid der Zivilisten.

    9 Leserempfehlungen
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    ", dass nur das" sollte es heißen.

    • hf50
    • 20. Dezember 2012 20:13 Uhr

    Hier passt es wieder mal:

    Prinzipien der Kriegspropaganda
    (nach Lord Ponsonby)
    sind zum ersten Mal von dem 1871 geborenen britischen Diplomaten
    Lord Ponsonby systematisch dargestellt worden.

    Danach gelten folgende Regeln:

    1. Wir wollen keinen Krieg
    2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg
    3. Der Feind hat dämonische Züge (oder: »Der Teufel vom Dienst«)
    4. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele.
    „Man muss die Tatsache verschweigen, dass es wirtschaftliche Ziele des Krieges gibt.
    Man stellt nur humanitäre Motive in den Vordergrund…“
    5. Berichte über die Grausamkeit des Gegners.
    "Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten. Wenn uns Fehler unterlaufen, dann nur versehentlich"
    6. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen
    7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm
    8. Unsere Sache wird von Künstlern und Intellektuellen unterstützt
    9. Unsere Mission ist heilig
    10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter

    der Zivilisten." - Dieses Regime regiert nun einmal seit Jahrzehnten - wer soll denn sonst Schuld haben; vielleicht Rußland und China? -

  3. ..Und was haben dazu getan, dass Sie sich selbstzufrieden in Ihrem bequemen Schreibtischstuhl räkeln können und ohne Angst und Not über das Elend der Kinder schwadronieren, die nun wirklich nichts dafür können?
    Natürlich muss man die gesamte Situation in NahOst sehen, aber solche Kommentare empfinde ich als zynisch und überheblich.

    8 Leserempfehlungen
    • fs0
    • 20. Dezember 2012 20:03 Uhr

    Oder stammt die Geschichte nicht aus London?

    Die Onkels vom "kleinen Ali aus Homs" haben nicht nur christliche Priester entführt und nach versagtem Lösegeld bestialisch zu Tode gequält. Sie haben z.Z. u.aa. auch die Journalistin Anhar Kotschnewa aus der Ukraine als Geisel und verlangen 50 Millionen Dollar Lösegeld.

    8 Leserempfehlungen
  4. Das Leiden der Bevölkerug nimmt zu, denn die Situation in Syrien eskaliert mit zunehmender Einschleusung von Söldnern, Waffen und Geld.

    Und an vorderster Front kämpft AlKaida, gemeinsam mit anderen Gruppen, der FSA etc.. Die Anerkennung der Doha- Koalition als "einzig legitime Vertretung der Syrer" gibt ihnen den moralischen Rückhalt.

    Es ist sicher ein berechtigtes Interesse der Leser, von den Leiden der Bevölkerung, sei es auch exemplarisch, zu erfahren, es wird jedoch reine Heuchelei, wenn man die wirklichen Ursachen nicht nennt.

    Wenn, wie in diesem Beitrag gesagt wird, es sei Assads Schuld, dann stimmt es nicht mit der Realität überein. Dann entartet die heuchlerische Mitleidsbekundung zu einer Propagandalüge.

    Fakt ist: die Schuld ist auf beiden Seiten zu suchen. Die Rebellen stehen den Regierungstruppen in nichts nach. Im Gegenteil. Die AlNusra Front übt einen Terror aus, der selbst von den USA nichtmehr akzeptiert wird.

    Das Schlimmste an der Berichterstattung ist jedoch, dass über nicht militärische Lösungen kein Wort verloren wird. "Assads Ende steht angeblich seit Monaten vor der Tür". Alle Friedensbemühungen werden seit März 2012 bewusst unterlaufen.

    Auch jetzt wird jeder Dialog von der Seite der Koalition abgelehnt und dieses wird von den "Freunden Syriens" gestützt, also auch von uns.

    Um "uns" bei der Stange zu halten, werden Berichte wie dieser veröffentlicht, das wahre Geschehen wird verschleiert, zu Gunsten einer weiteren gewollten Eskalation.

    7 Leserempfehlungen
    • hf50
    • 20. Dezember 2012 20:13 Uhr

    Hier passt es wieder mal:

    Prinzipien der Kriegspropaganda
    (nach Lord Ponsonby)
    sind zum ersten Mal von dem 1871 geborenen britischen Diplomaten
    Lord Ponsonby systematisch dargestellt worden.

    Danach gelten folgende Regeln:

    1. Wir wollen keinen Krieg
    2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg
    3. Der Feind hat dämonische Züge (oder: »Der Teufel vom Dienst«)
    4. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele.
    „Man muss die Tatsache verschweigen, dass es wirtschaftliche Ziele des Krieges gibt.
    Man stellt nur humanitäre Motive in den Vordergrund…“
    5. Berichte über die Grausamkeit des Gegners.
    "Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten. Wenn uns Fehler unterlaufen, dann nur versehentlich"
    6. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen
    7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm
    8. Unsere Sache wird von Künstlern und Intellektuellen unterstützt
    9. Unsere Mission ist heilig
    10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter

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    • fs0
    • 20. Dezember 2012 20:43 Uhr

    Man wundert sich, wie wenig Mühe die sich geben, wenigstens ansatzweise vom Rezept abzuweichen.
    Wirklich erstaunlich!

    Die syrischen Christen flehen derweil darum, von Assad oder dem christlichen Ausland beschützt zu werden.
    Das interessiert im Gegensatz zum "kleinen Ali" die Systempresse auffallend wenig.

    Da wird wahrscheinlich eine Us-Außenministerin dereinst sagen, dass es das Opfer wert war, wenn nur die Aufmarschbasis gegen den Iran durch Instabilisierung Syriens geschaffen wurde.

    • fs0
    • 20. Dezember 2012 20:43 Uhr

    Man wundert sich, wie wenig Mühe die sich geben, wenigstens ansatzweise vom Rezept abzuweichen.
    Wirklich erstaunlich!

    Die syrischen Christen flehen derweil darum, von Assad oder dem christlichen Ausland beschützt zu werden.
    Das interessiert im Gegensatz zum "kleinen Ali" die Systempresse auffallend wenig.

    Da wird wahrscheinlich eine Us-Außenministerin dereinst sagen, dass es das Opfer wert war, wenn nur die Aufmarschbasis gegen den Iran durch Instabilisierung Syriens geschaffen wurde.

    5 Leserempfehlungen
  5. 2. [...]

    Entfernt. Doppelposting. Danke, die Redaktion/jk

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  • Schlagworte Syrien | Irak | Jordanien | Kairo | Libanon | Türkei
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