In einem solchen Umfeld hätten der Prozess der Verfassungsgebung und die Verfassung selbst dazu beitragen können, neues Vertrauen zwischen den Lagern zu schaffen und neue Spielregeln aufzustellen. Leider ist diese Gelegenheit ungenutzt verstrichen. Eine grundlegende Veränderung unseres Lebens ist damit wohl in weite Ferne gerückt.

Von dem Moment an, als klar war, dass die Islamisten die Hauptgewinner des Arabischen Frühlings sind, bewegte uns nur noch eine Frage: spielen die Islamisten nach demokratischen Regeln? Die Krise, die sich in Ägypten auswächst, sollte uns diesbezüglich zumindest innehalten lassen.

Waffenschwingende, militant anmutende Muslimbrüder, die friedliche Demonstranten vor dem Präsidentenpalast auseinander treiben und dabei ein Dutzend Tote und Hunderte Verletzte zurücklassen? So wird Legitimität gewiss nicht verteidigt.

Das Oberste Verfassungsgericht, das höchste Gericht des Landes, umstellen und die Richter daran hindern, es zu betreten und ihre Verhandlungen zu führen? Das ist alles andere, nur kein Ausdruck von Rechtsstaatlichkeit.

Die Eingänge zu Kairos Media City, Sitz der meisten unabhängigen Sendestationen Ägyptens, blockieren? Auch das ist alles gewiss keine mustergültige Verteidigung von Presse- und Redefreiheit.

Die Opposition muss die Wähler mobilisieren

Nach solchen Szenen und weniger als sechs Monaten an der Macht bröckelt Mursis Legitimität schneller, als manch einer vermutet hätte. Millionen sind wieder auf der Straße, um gegen ihn zu demonstrieren. Viele von ihnen haben ihn gewählt. Manche wollen ihn nun sogar zu Fall bringen, meiner Meinung nach voreilig. Aber auch das kann sich in den nächsten Stunden ändern.

Der Weg aus der Krise ist klar: Mohammed Mursi muss zu einem vernünftigen Dialog mit der Opposition aufrufen. In solch einem Dialog sollte es nicht nur um die Verfassung und die Parlamentswahlen gehen, sondern auch um die Zusammensetzung einer nationalen Einheitsregierung. Mursi hat einen anderen Weg eingeschlagen – vorerst jedenfalls.

Die liberalen und säkularen Kräfte Ägyptens haben recht, wenn sie den Kampf um die Verfassung bis zum Ende führen wollen, auch wenn das Ende für sie möglicherweise bitter sein könnte. Aber genauso wichtig ist die kommende Parlamentswahl. Die Nationale Rettungsfront, unter deren Schirm sich Ägyptens Oppositionsparteien zusammengeschlossen haben, steht vor einer großen Herausforderung: Sie muss zeigen, dass sie nicht nur Hunderttausende von Demonstranten auf die Straße bringen, sondern ihre Anhänger auch an die Wahlurnen holen kann.

Viele Liberale, darunter auch der Autor dieses Artikels, glauben: Die Mehrheit der Ägypter ist gegen den theokratischen Staat, den die Muslimbrüder und erst recht ihre salafistischen Verbündeten schaffen wollen. Aber ohne die nötigen Wahlsiege rückt das Ägypten, von dem wir geträumt haben, für Jahrzehnte in weite Ferne.