ÄgyptenProteste für und gegen Präsident Mursi

Die Muslimbrüder demonstrieren ihre Macht: Aus ganz Ägypten sind Anhänger von Präsident Mursi nach Kairo gekommen. Auch dessen Gegner setzen ihre Proteste fort. von dpa und reuters

Tausende Islamisten protestieren vor der Universität in Kairo für Präsident Mursi.

Tausende Islamisten protestieren vor der Universität in Kairo für Präsident Mursi.  |  © Kahled Desouki/AFP/Getty Images

Tausende Islamisten haben sich in der ägyptischen Hauptstadt Kairo zu einer Pro-Regierung-Demonstration versammelt. Aus dem ganzen Land waren Demonstranten angereist, um an der Kundgebung vor der Universität teilzunehmen. Auf Spruchbändern bekannten sie sich zum Islam und zur politischen Stabilität. Zudem setzten sich die Islamisten für verstärkte Anstrengungen gegen die Korruption ein.

Die Bruderschaft hatte die Kundgebungen ursprünglich auf dem Tahrir-Platz in Kairo veranstalten wollen. Sie habe jedoch von diesem Vorhaben Abstand genommen, um eine Konfrontation mit Anhängern der Opposition zu verhindern. Diese setzen ebenfalls ihre Proteste fort. Der Streit um die künftige ägyptische Verfassung und Mursis autoritärer Führungsstil haben das Land zutiefst gespalten .

Anzeige

Am Freitagmorgen hatte die Verfassungsgebende Versammlung im Schnellverfahren einen Verfassungsentwurf gebilligt, mit dem die Rolle der islamischen Religionsgelehrten bei der Gesetzgebung gestärkt werden soll . Sie verabschiedete alle 234 Artikel des Entwurfes. Der wurde von Muslimbrüdern und Salafisten verfasst, die in der Versammlung die Mehrheit haben. Die meisten säkularen Mitglieder haben das Gremium in den vergangenen Wochen aus Protest verlassen.

Die Opposition ist der Meinung, dass der Verfassungsentwurf die Rechte der Frauen einschränkt, die Kompetenzen der Justiz begrenzt und den Religionsgelehrten Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess zugesteht. Kritiker befürchten auch eine strengere Auslegung des islamischen Rechts, der Scharia, die weiterhin wichtigste Quelle der Gesetzgebung bleibt.

Der Präsident dürfte im Laufe des Tages die Verfassung unterschreiben und damit den Weg für eine Volksabstimmung freimachen. Innerhalb von zwei Wochen sollen die Ägypter dann über die neue Verfassung abstimmen. Beobachter rechnen mit einer Mehrheit für den Entwurf, der in Abwesenheit der christlichen Parlamentarier sowie vieler liberaler und linker Abgeordneter erarbeitet wurde.

Ursprünglich sollte die Versammlung mehr Zeit haben, den Entwurf zu erarbeiten und abzustimmen. Nun aber wurde alles in einer langen Sitzung in der Nacht zum Freitag abgearbeitet. Wohl, um dem obersten ägyptischen Gericht zuvorzukommen. Denn das Verfassungsgericht könnte die Versammlung für ungültig erklären .

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • lxththf
    • 01. Dezember 2012 15:28 Uhr

    wenn man Agenturmeldungen bearbeitet, dann findet hoffentlich eine differenzierte Diskussion zum Begriff "die Islamisten" statt, denn als Begriff wird er gern synonym verwendet für Terroristen und radikale Muslime. Die Trennung mag wissenschaftlich noch vollzogen werden, aber im populären Sprachgebrauch existiert diese nicht mehr.
    Wenn sie also von den tausenden Islamisten schreiben, meinen Sie dann radikale Muslime/Fundamentalisten oder einfache Muslime?
    Und zur Sache an sich. Mursi muss Kompromisse eingehen. Das ist seine Verpflichtung als Staatsoberhaupt, aber bisher sieht es einfach nur nach Klientel/Parteipolitik aus und das Risiko, dass das schnell in diktaturähnliche Strukturen mündet ist dabei gegeben. Allerdings ist es natürlich schwierig für westliche Diplomaten glaubhaft zu vermitteln, denn man kennt die Ziele der Muslimbruderschaft und dennoch hat man Mursi unterstützt.
    Da stellt sich schon ein wenig die Frage nach der historischen Lernfähigkeit. Wie würde Dtl, die USA und co. wohl reagieren, wenn z.B. ein Sittenwächtersystem eingeführt werden würde? Wie frei ist aktuell eigentlich die Presse in Ägypten? Wie sieht es mit Freiheiten aus? Willkür?

  1. Es ist schon frustrierend, du sind Bürger des liberalen Bürgertums gegen Mubarak aufgestanden und haben ihr Leben riskiert und dann kommen da die Muslimbrüder durch die Bildungsresistenten und Bildungsfernen an die Macht und das Ganze entwickelt sich auf Grund von beliebigen Gründen und Vorbehalten zu einer Rolle rückwärts aller erster Güte.
    Zufällige Parallelen zu anderen Staaten im nahen und ferneren Umfeld sind, wie es so schön im Abspann von Filmen heißt, rein zufällig.

    • Georg34
    • 01. Dezember 2012 15:40 Uhr

    [...] Die Rebellen die einen
    modernen zivilen Staat aufbauen
    wollen stehen hoffnungslos im Abseits

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/jp

    • lxththf
    • 01. Dezember 2012 16:11 Uhr
    4. Moment

    "und dann kommen da die Muslimbrüder durch die Bildungsresistenten und Bildungsfernen an die Macht "
    Die fast 50%ige Analphabetenquote haben nicht die Muslimbrüder versiebt. Das System in dem die Muslimbrüder an die Macht kamen, haben nicht die Muslimbrüder konstruiert. Die Muslimbrüder haben den Westen nicht gezwungen sie finanziell, politisch und medial im Wahlkampf zu unterstützen.
    Die Muslimbrüder haben das Militär nicht zur innenpolitischen Wirtschaftsmacht Nr.1 gemacht? Die Muslimbrüder haben nicht die Korruption zu verantworten, mit der sich das alte System ausgezeichnet hat.
    Die Muslimbrüder spielten das Spiel nach den Regeln des Systems, welches sie nicht erschaffen haben und es gibt das schöne Sprichwort. Wenn man die Tür zum Hühnerstall auflässt und den Fuchs sogar hereinlockt, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn er ein paar Hühner reißt, denn das ist nunmal seine Natur.
    Man hätte vor der Wahl viel intensiver diplomatisch Einwirken können und helfen, ein wirklich demokratisches System mit Regierung und Opposition zu bilden.
    Aber eine Sache sollten Sie nicht übersehen. Es wird genug "Rebellen" geben, die auch einfach zum alten System gehören und eigene Interessen verfolgen.

    • sibeur
    • 01. Dezember 2012 16:20 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/jp

  2. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/jp

  3. 7. [...]

    Entfernt. Bitte richten Sie Fragen zur Moderation direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

  4. Demonstrieren eigentlich auch Frauen auf Seiten der Brüderschaft oder sind das nur männliche Teilnehmer? Hab auf den Fotos noch keine Frau auf die Schnelle gefunden.

    Und so lange die Menschen friedlich bleiben ist doch alles in Ordnung. Eine Seite wird sich durchsetzen. Ich hoffe es wird Seite sein, welche am Ende friedlich die Mehrheit der Bevölkerung für sich gewinnen konnte. Ich hab aber das Gefühl auf das falsche Pferd zu setzen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, nf
  • Schlagworte Bruderschaft | Gericht | Hauptstadt | Islam | Justiz | Korruption
Service