Das säkulare Ägypten bäumt sich auf. Das islamistische Ägypten macht mobil. Die Nation ist elektrisiert. Zu Zehntausenden demonstrieren Ägyptens Bürger wieder auf dem Tahrir-Platz und vor dem Präsidentenpalast, so viele wie seit dem Sturz von Hosni Mubarak nicht mehr. Muslimbrüder und Salafisten lassen gleichfalls die Muskeln spielen und die Fäuste fliegen. Am Mittwoch gab es bei Zusammenstößen beider Lager die ersten Toten – und ein Ende der Eskalation ist nicht in Sicht.

Im Zentrum des Aufruhrs steht das künftige Gesicht Ägyptens, das in der neuen Verfassung fixiert werden soll. Die islamistische Mehrheit wünscht eine vom Islam geprägte Charta, die den Religiösen das letzte Wort bei Recht und Moral zubilligt. Die säkularen Kräfte dagegen wollen dies, im Schulterschluss mit der koptischen Minderheit und den alten Mubarak-Eliten, um jeden Preis verhindern.

Alle Kompromisse jedoch, die in den letzten Tagen noch möglich schienen, sind inzwischen leichtfertig verspielt. Stattdessen wird in dem Machtkampf am Nil mit immer härteren Bandagen gekämpft. Und unter dem weiten Deckmantel revolutionärer Rhetorik scheint inzwischen alles möglich und alles erlaubt.

Mursi will seine Sondervollmachten nicht einschränken

Die tief zerstrittene Opposition , die sich jetzt zu einer sogenannten Nationalen Rettungsfront zusammengeschlossen hat, pocht auf ihren Maximalforderungen, Mursi müsse seine Dekrete komplett widerrufen und eine neue Verfassungsgebende Versammlung einberufen, die die Pluralität der ägyptischen Gesellschaft wirklich widerspiegelt.

Der Präsident dagegen weigerte sich, seine Sondervollmachten gegen die Judikative per Zusatzerklärung auf den konkreten Schutz für Verfassungsgebende Versammlung und Oberhaus einzuschränken. Derweil jagten seine Islamisten den gesamten Verfassungsentwurf ungerührt und provokant durch ihre Abstimmungsmaschine.