Gleichzeitig wurden aus Artikeln mit Schutzrechten präzisierende Passagen gestrichen, was die Texte gummihaft, vage und auslegungsoffen macht. Beides zusammen, so fürchten die Kritiker zu Recht, erlaubt einer künftigen islamistischen Parlamentsmehrheit, tiefer als je zuvor in das Alltagsleben einzugreifen und persönliche Freiheiten Andersdenkender einzuschränken.

Gut möglich, dass die neue Verfassung beim Referendum am kommenden Samstag genug Stimmen bekommt. Trotzdem wird sie Ägypten chronisch unberechenbare Spannungen bescheren. Schon das unwürdige Spektakel bei der Schlussabstimmung des Verfassungsentwurfs war beispiellos. Millionen Bürger konnten 15 Stunden lang live im Fernsehen erleben, wie Mandatsträger bei Rückfragen zu einzelnen Artikeln wie Schulbuben zusammengestaucht, mit Verweis auf den Zeitdruck zum Schweigen gebracht und eingeschüchtert wurden.

Zum 234-fachen Endvotum war das islamistische Lager absolut unter sich, was offenbar niemanden störte. So kann man vielleicht einen arabischen Einheitsparteitag inszenieren. Aber so bringt man keine Verfassung, die das friedliche Zusammenleben eines Volkes für die nächste Generation schützen soll, auf den Weg.