Krise in Ägypten : Mursis vorgetäuschter Rückzug
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Unwürdiges Spektakel bei Abstimmung des Verfassungsentwurfs

Gleichzeitig wurden aus Artikeln mit Schutzrechten präzisierende Passagen gestrichen, was die Texte gummihaft, vage und auslegungsoffen macht. Beides zusammen, so fürchten die Kritiker zu Recht, erlaubt einer künftigen islamistischen Parlamentsmehrheit, tiefer als je zuvor in das Alltagsleben einzugreifen und persönliche Freiheiten Andersdenkender einzuschränken.

Gut möglich, dass die neue Verfassung beim Referendum am kommenden Samstag genug Stimmen bekommt. Trotzdem wird sie Ägypten chronisch unberechenbare Spannungen bescheren. Schon das unwürdige Spektakel bei der Schlussabstimmung des Verfassungsentwurfs war beispiellos. Millionen Bürger konnten 15 Stunden lang live im Fernsehen erleben, wie Mandatsträger bei Rückfragen zu einzelnen Artikeln wie Schulbuben zusammengestaucht, mit Verweis auf den Zeitdruck zum Schweigen gebracht und eingeschüchtert wurden.

Zum 234-fachen Endvotum war das islamistische Lager absolut unter sich, was offenbar niemanden störte. So kann man vielleicht einen arabischen Einheitsparteitag inszenieren. Aber so bringt man keine Verfassung, die das friedliche Zusammenleben eines Volkes für die nächste Generation schützen soll, auf den Weg.
 

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Vorgetäuschter Rückzug -- Keiner traut dem Anderen

Man liest doch so viel über die Schläue der nahöstlichen Völker, mit der sie unsere naiven westlichen Politiker immer wieder übertölpeln. Umso erhebender ist es also, zur Abwechslung mal aus der Ferne zu beobachten, wie sie sich gegenseitig hinters Licht führen.

Nein, die Präsidentenwahl erfolgte nicht aus Anlass oder

zur Zweckbestimmung, einen davongejagten autokratischen Präsidenten durch einen anderen zu ersetzen.
Diesen Coup versuchen Mursi und Muslimbrüder erst nach der Wahl, die sie nicht etwa einer von ihnen hausgemachten Revolution zu verdanken haben, sondern dem Aufstand eines breiten Spektrums äqyptischer Bürger, dessen Trittbrettfahrer sie großenteils sind.

Die Geister die wir riefen

Letztendlich war Hitler gewählter Reichskanzler, egal ob die Leute nun enttäuscht waren oder nicht.

Nein. Kritik darf und muss man immer anbringen, auch und gerade wenn man sich das Ei selbst ins Nest gesetzt hat und da etwas Hässliches rausschlüpft...

Auch eine etablierte Demokratie ist letztlich etwas Labiles. Das zeigt auch das jüngste Beispiel Ungarn. Wir als Bürger müssen immer wachsam sein.

Für Ägypten braucht wohl leider erst eine schmerzliche Lehrstunde a la Iran.