Ägyptens Militärführung will die wachsende Unruhe und Instabilität im Land nicht weiter hinnehmen. Für Mittwochnachmittag lud Oberbefehlshaber General Abdul Fattah al-Sissi nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Mena alle politischen Kontrahenten zu einem Krisengespräch auf ein Armee-Sportgelände im Norden Kairos.

Präsident Mohammed Mursi sagte seine Teilnahme wenig später per Facebook zu, ebenfalls die Führung der Muslimbruderschaft. Die maßgeblichen Politiker des oppositionellen Bündnisses "Nationale Rettungsfront" ließen mitteilen, sie würden morgen früh über die Einladung entscheiden.

General al-Sissi ist der Nachfolger des im August von Präsident Mursi entmachteten langjährigen Armeechefs Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi. Er ist ebenso wie sein Vorgänger gleichzeitig Verteidigungsminister. Schon am Wochenende hatte Ägyptens Generalstab vor einer nationalen Katastrophe gewarnt und alle Seiten eindringlich beschworen, den Konflikt um die Verfassung im Dialog zu lösen. Ansonsten werde Ägypten in einem "dunklen Tunnel" enden , hieß es in dem Text. "Dies werden wir nicht zulassen."

Hunderttausende zu Protesten in Kairo versammelt

Am Dienstag mobilisierten die beiden rivalisierenden Lager, Islamisten und Säkulare, abermals Hunderttausende ihrer Anhänger zu Kundgebungen. Alle Schulen in Kairo blieben aus Angst vor neuen Ausschreitungen geschlossen. Die "Allianz der islamischen Kräfte", der Muslimbrüder, Salafisten und ein Dutzend kleinere Gruppen angehören, versammelte sich im Kairoer Stadtteil Nasr-City vor zwei Moscheen, die etwa vier Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt liegen.

Die Nationale Rettungsfront der säkularen Kräfte dagegen zog wieder zu Präsident Mursis Amtssitz in Heliopolis, wo es am Dienstagabend einigen Gruppen gelang, eine der zuvor von den Republikanischen Garden errichteten Sperrmauern aus schweren Betonteilen einzureißen. Die Soldaten ließen die Demonstranten gewähren und wichen zurück.

Der Sprecher der Nationalen Rettungsfront, Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei, sagte der BBC , man werde weiterhin "mit Haut und Haaren" gegen das Referendum am kommenden Samstag kämpfen. Er forderte, das Votum wegen der chaotischen Lage um einige Monate zu verschieben.

Befürchtete Ausschreitungen blieben aus

Bis zum späten Abend kam es trotz der beiden Großdemonstrationen nicht zu den befürchteten Ausschreitungen, weil die Anhänger beider Seiten an ihren Kundgebungsorten blieben. Vor einer Woche war es dagegen nach rivalisierenden Demonstrationen zu schweren Krawallen gekommen, bei denen neun Menschen gestorben waren und über 700 verletzt worden waren.

Wie die New York Times und die ägyptische Zeitung Al Masry Al Youm übereinstimmend berichteten, hatten Muslimbrüder damals in Sichtweite des Präsidentenpalastes ein provisorisches Gefängnis errichtet, wo sie rund 50 Gegendemonstranten fesselten, verprügelten und zu dem Geständnis zwingen wollten, sie seien von alten Regimegrößen bezahlte Gewalttäter.

Inzwischen tauchen immer mehr Videos der Misshandelten im Netz auf, darunter auch junge Frauen. 24 Stunden später sagte Mohammed Mursi in einer Fernsehansprache, er verfüge über schriftliche Geständnisse von Festgenommenen. Sie hätten Verbindung zu Vertretern der politischen Opposition und Geld für ihre Randale bekommen.