Ägyptens islamistischer Präsident Mohammed Mursi gibt nicht nach. In seiner ersten Ansprache seit Beginn der gewaltsamen Ausschreitungen in Kairo ging er am Donnerstagabend mit keinem Wort auf die Forderungen der Opposition ein. Er gab den Gegnern der Islamisten die Schuld an der Gewalt und verteidigte seine Machtpolitik. Mursi, der im Juni als Kandidat der Muslimbrüder zum Präsidenten gewählt worden war, sagte, die Mehrheit der Ägypter, die ihm ihre Stimme gegeben hätten, müsse nun über die Zukunft des Landes entscheiden. "Ist das nicht Demokratie?", fragte er.

Den Oppositionellen bot er ein Treffen am Samstag an. Diese nahmen Mursis Rede erst einmal mit Entsetzen und Spott auf. Der vor allem bei der städtischen Jugend und den Sozialisten beliebte linke Aktivist Hamdien Sabahi wies das Dialogangebot des Präsidenten als "unseriös" zurück.

Ein Bündnis um den Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei rief zu weiteren Demonstrationen auf. Neue Kundgebungen seien nötig, weil Mursi "die Tür für jeden Versuch des Dialogs geschlossen hat". Die Menschen "in den verschiedenen Teilen Ägyptens" sollten daher erneut auf die Straßen gehen.

Die oppositionelle Sozialistischen Bündnispartei sah in der Rede Mursis "keine passende Antwort auf die politische Krise". "Ähnliche Reden haben wir schon vom Mubarak-Regime und vom Obersten Militärrat gehört", sagte die Parteisprecherin Mona Esat. Auch der Schriftsteller Alaa al-Aswani sagte einem ägyptischen Fernsehsender, Mursis Ansprache habe ihn stark an die Reden des gestürzten Langzeit-Machthabers Mubarak erinnert.

Demonstranten setzten Sitz der Muslimbrüder in Brand

Die liberalen und linken Parteien verlangen, dass der von den Islamisten formulierte Entwurf für eine neue Verfassung geändert werden muss. Außerdem bestehen sie auf einer Verschiebung der Volksabstimmung über die Verfassung, die für den 15. Dezember geplant ist. Mursi lehnt das ab. Sollte die Mehrheit der Bürger gegen den Entwurf stimmen, sei er aber bereit, eine neue Verfassungsgebende Versammlung einzuberufen.

Auch an der umstrittenen Verfassungserklärung, mit der er seine Machtbefugnisse im November erheblich ausgeweitet hatte, hielt Mursi fest. Lediglich auf Artikel VI der Erklärung sei er bereit zu verzichten, sagte der Präsident. Dieser Artikel hätte es Mursi erlaubt, ohne Rücksprache "alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Revolution, die Einheit und die nationale Sicherheit zu wahren".

Nach Mursis Ansprache zogen etwa 200 aufgebrachte Demonstranten vor den Kairoer Sitz der Muslimbrüder, aus denen auch Mursi hervorging. Einige von ihnen hätten das Gebäude in Brand gesetzt, sagte Muslimbrüder-Sprecher Mahmud Ghoslan.

Mursi vermutet ausländische Verschwörungen

Bereits in der Nacht zum Donnerstag war es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern Mursis gekommen. Dabei wurden sieben Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt. Nach erneuten gewaltsamen Ausschreitungen am Donnerstagmorgen bezog die Armee mit Panzern vor dem Präsidentenpalast in Kairo Stellung.

Der Präsident sagte, einige der bewaffneten Gewalttäter, die von der Polizei nach den Straßenschlachten festgenommen worden seien, hätten Kontakte zu "politischen Kräften" gehabt. Unter den Festgenommenen seien auch "bezahlte Schläger". Diese seien von Anhängern des alten Regimes des gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak angeheuert worden. Auch ausländische Mächte seien hinter den Kulissen aktiv, warnte er.

Seit Tagen gibt es in Ägypten Demonstrationen für und gegen Mursis Führung. Besonders große Kundgebungen gibt es traditionell an Freitagen nach den Gebeten.

US-Präsident Barack Obama forderte Mursi in einem Telefongespräch auf, einen Dialog mit der Opposition ohne Vorbedingungen zu suchen. Das teilte das Weiße Haus mit. Obama sagte in dem Gespräch, dass alle politischen Führer in Ägypten ihren Gefolgsleuten klarmachen sollten, "dass Gewalt nicht hinnehmbar ist".