Die Opposition in Ägypten – Liberale, Linke, Christen und laizistische Organisationen, Teile von Justiz und Medien – sind in Alarmbereitschaft : Präsident Mohammed Mursi schickt sich an, alle Macht auf sich und seine islamistische Gefolgschaft zu vereinen. So warnen sie und setzen sich dagegen zur Wehr. Die Szenen in Kairo , vor allem auf dem Tahrir Platz und vor dem Präsidentenpalast, ähneln denen am Ende der Herrschaft von Hosni Mubarak : Ägypten ist so aufgewühlt wie kurz vor dessen Rücktritt im Februar 2011.

Die Demonstrationen, Proteste und Boykottaufrufe der vergangenen Wochen – allein in der Hauptstadt gingen Hunderttausende Menschen gegen den Staatschef auf die Straße – kulminierten am Abend in einem Marsch der "letzten Warnung". Auf dem zentralen Tahrir-Platz, wo seit zwei Wochen Oppositionelle ein Zeltlager errichtet haben, strömten am frühen Abend mehrere Tausend Demonstranten zusammen. "Der Präsident glaubt, dass die Opposition schwach ist und keinen Biss hat", sagte ein Aktivist der Nachrichtenagentur AFP . "Heute zeigen wir ihnen, dass man mit der Opposition rechnen muss."

Schließlich zogen Zehntausende vor den Präsidentenpalast im Kairoer Stadtteil Heliopolis, rissen dort die Stacheldrahtabsperrungen ein; einige Teilnehmer versuchten, auf die Mauern des Palastes zu klettern. Aus Sicherheitsgründen verließ Präsident Mursi das Gebäude.

Anti-Mubarak-Parolen nun gegen Mursi

Die Polizei setzte vergeblich Tränengas ein, um die Menge zu zerstreuen. "Seht ihr", schrie laut Augenzeugen eine junge Frau, "Mursi feuert auf sein eigenes Volk wie damals Mubarak". Einige Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften, die durch Einheiten der Bereitschaftspolizei verstärkt worden waren. Die Mursi-Gegner skandierten "Freiheit, Freiheit", "Hau ab" und "Nieder mit dem Regime" – Losungen, die die Menschen auch schon gegen den alten Machthaber schmetterten.

18 Menschen wurden verletzt. Auch in Alexandria , Sohag und Minja demonstrierten Tausende. In Minja kam es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Mursi-Gegnern und -Anhängern, die Polizei setzte Tränengas ein, drei Menschen wurden hier verletzt.

Ägypten steckt in einer tiefen politischen Krise , seitdem Mursi sich am 22. November per Dekret weitreichende neue Befugnisse sicherte. Vor allem untersagte er der Justiz die Prüfung und Aufhebung seiner Beschlüsse und verbot die gerichtliche Auflösung der von den Islamisten dominierten Verfassungsgebenden Versammlung, die im Eilverfahren den Entwurf des neuen Grundgesetzes absegnete. Am 15. Dezember soll darüber in einem Referendum abgestimmt werden .