ÄgyptenTote bei schweren Krawallen in Kairo

Vor dem Präsidentenpalast in Kairo sind Anhänger und Gegner des ägyptischen Präsidenten Mursi aufeinander losgegangen. Medien berichten von Schüssen und Toten. von afp, dpa und reuters

In Kairo sind die Proteste vor dem Präsidentenpalast eskaliert. Anhänger und Gegner des Staatschefs Mohammed Mursi gingen mit Steinen und Molotow-Cocktails aufeinander los. Es fielen Schüsse, Autos wurden angezündet, blutende Demonstranten in Sicherheit gebracht. Nach Angaben von Aktivisten wurden mindestens drei Menschen getötet, der Nachrichtensender Al Jazeera berichtete von zwei Toten . Mindestens 63 Menschen wurden nach Angaben staatlicher Medien verletzt.

Rund 300 Gegner des Präsidenten hatten seit Dienstagabend vor dem Palast campiert. Augenzeugen berichteten, Anhänger Mursis seien mit Steinen und Schlagstöcken auf die Demonstranten losgegangen und hätten die Zelte niedergerissen. Die Unterstützer Mursis feierten das später als ihren "Sieg" über die liberalen Demonstranten.

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Der Friedensnobelpreisträger und Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei verurteilte die Tat. Mit dem Angriff auf friedliche Demonstranten verliere das Regime jegliche Legitimität, twitterte er. Es sei nicht in der Lage, das Volk zu schützen und bringe Gewalt und Blutvergießen über das Land, sagte der ehemalige Chef der Internationalen Atomenergieagentur ( IAEA ).

Aus Protest gegen die Gewalt gegen Demonstranten haben auch drei Berater Mursis ihren Rücktritt erklärt. Der Politologe Seif Abdel Fatah verkündete seine Entscheidung live auf Al Jazeera. Er sagte, die komplette Elite des Landes sei eigennützig und habe nicht die Interessen der Bevölkerung im Blick. Die Kairoer Tageszeitung Al-Shorouk meldete, auch Eiman al-Sajed und der Fernsehmoderator Amr al-Laithi hätten sich aus dem Beratergremium zurückgezogen.

Mekki hält am Termin für Verfassungsreferendum fest

Zuvor hatte Vizepräsident Mahmud Mekki die Proteste als "ernste Bedrohung" für das Land bezeichnet und die Demonstranten beider Seiten zur Zurückhaltung aufgerufen. Der 15. Dezember stehe als Termin für das Referendum über die neue Verfassung fest und werde nicht verschoben, sagte er.

Im Streit um die neue Verfassung präsentierte Mekki seinen eigenen Lösungsvorschlag: Vor dem Referendum könne eine Übereinkunft mit der Opposition über Änderungen erzielt und diese schriftlich festgehalten werden, sagte er. Alle Beteiligten sollten das Dokument respektieren, bis nach den ersten Parlamentswahlen im kommenden Jahr formell die Verfassung entsprechend geändert werden könne.

"Ich bin mir sicher, dass wir in der Krise einen Durchbruch und einen Konsens erreichen werden, wenn nicht in den kommenden Stunden, dann in den kommenden Tagen", sagte Mekki.

Opposition bereit zu Gesprächen

Oppositionsführer Amr Mussa forderte vom Präsidenten eine verbindliche Einladung für Verhandlungen. "Wir sind bereit, wenn es etwas Formelles gibt", sagte Mussa am Rande eines Treffens mit anderen ranghohen Oppositionsvertretern. "Wir werden nichts ignorieren – besonders nicht, wenn es sich um etwas Nützliches handelt." Ein ranghoher Vertreter der Muslimbrüderschaft, aus deren Reihen Präsident Mursi ursprünglich stammt, sagte, der Vorschlag von Mekki müsse noch näher erörtert werden.

Kritiker der Verfassung sehen darin eine zu starke islamische Prägung und befürchten einen Versuch der muslimischen Kräfte um Mursi, ihre Macht zu festigen. Seit Tagen gibt es deswegen in Ägypten Demonstrationen für und gegen die Regierung Mursi .
 

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Leserkommentare
  1. und zwar angesichts von mir aus der Berichterstattung nicht absehbarer Hoffnungselemente: die Auslandshilfe für Ägypten einzustellen und den chinesischen Globalisierungspartnern nahe zu legen, sich für ihre Dollars die Pyramiden und die Tourismusrechte zu kaufen.

    Und dann auch selbst darauf aufzupassen.

  2. Es ist das Recht der Ägypter sich einen "Gottesstaat" zu wählen. Die liberalen Kräfte wissen jedoch, dass Ägypten abhängig ist von Auslandshilfen und vor allem vom Tourismus. Letzterer ist im Zuge der Unruhen absolut zum Erliegen gekommen. Sollten sich radikale islamische Kräfte in Ägypten durchsetzen (manche fordern ja schon die Vernichtung der großen Pyramiden), dann verliert Ägypten die Grundlage für den Wohlstand. Das Land hat kein Erdöl wie der Iran oder Irak und wird in der Internationalen Bedeutungslosigkeit versinken. Traurigerweise werden die religiös verblendeten die Schuld dann wieder im gottlosen Westen sehen. Rationalität und Realität existieren nämlich in den Gedanken der von Gott erwählten nicht.

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    "Es ist das Recht der Ägypter sich einen "Gottesstaat" zu wählen."

    Es ist sicher nicht das Recht von einem Teil der Ägypter, einen islamischen Gottesstaat zu implementieren, der von gewichtigen Teilen des ägyptischen Volkes, so auch den Kopten, den christlichen ägyptischen Ureinwohnern, abgelehnt wird und welcher eine Demokratie gleich wieder abschaffen würde - also nicht mehr die Selbstbestimmung des ägyptischen Volkes garantieren könnte.

    Also nein, es ist nicht das Recht "der Ägypter", sich einen Gottesstaat zu wählen, wenn es um das Selbstbestimmungsrecht des Volkes geht - und auch um die, die noch gar nicht wählen können.

  3. Mit seinem Angriff auf friedliche Demonstranten hat das Regime Mursi, wie seinerzeit auch Gadhafi in Benghasi, jegliche Legitimation verloren. Es kann nicht sein, dass wir weiterhin nichtstuend wegschauen, waehrend Mursis Haescher kurzen Prozess machen mit der Opposition, bis hin zur Folter hunderter von Menschen:
    http://english.alarabiya....

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    • Malliki
    • 05. Dezember 2012 22:03 Uhr

    Hat die deutsche Bundesregierung mit diesem Vorgehen gegen die Demonstranten ihre Legitimation verloren?

    Ist es korrekt, dass ein ehemaliger Ministerpräsident der CDU nun Bundesverfassungsrichter ist?

    Was würde wohl passieren, wenn sich der Facebook-Mob vor dem Bundestag versammelt und das Gebäude stürmen will?

  4. "Es ist das Recht der Ägypter sich einen "Gottesstaat" zu wählen."

    Es ist sicher nicht das Recht von einem Teil der Ägypter, einen islamischen Gottesstaat zu implementieren, der von gewichtigen Teilen des ägyptischen Volkes, so auch den Kopten, den christlichen ägyptischen Ureinwohnern, abgelehnt wird und welcher eine Demokratie gleich wieder abschaffen würde - also nicht mehr die Selbstbestimmung des ägyptischen Volkes garantieren könnte.

    Also nein, es ist nicht das Recht "der Ägypter", sich einen Gottesstaat zu wählen, wenn es um das Selbstbestimmungsrecht des Volkes geht - und auch um die, die noch gar nicht wählen können.

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    ... Demokratie ist nur dann gut, wenn das Ergebnis uns passt.

    Die USA hat es uns ja schon in Chile gelehrt, die Israelis in Palästina.

  5. Junge Männer hassen nicht; sie kennen keinen originären Fremdenhass, keinen Hass auf irgendeinen religiösen Gegner – im Gegenteil: Sie suchen, sie brauchen Gegner. Zu Feinden werden diese erst durch eine leitende Idee. Der junge Mensch hasst ande­re Menschen sowenig, wie er Tiere hasst, sowenig wie er die Fensterscheibe hasst, die er eintritt. Es ist daher weder Hass noch Wut, was junge Männer zur Tat treibt, sondern ein Überschuss an Kraft, das unbedingte Aus­leben von Expressivität (Jugendliche Expressivität und soziale Dynamik).

  6. von demokratisch gewählten Mehrheits-sunnitischen Regierungen, die sicherlich in bevölkerungsreichen und an Ressourcen armen Ägypten mit am prägnantesten hervortritt, birgt allerdings auch Chancen, die man nicht übersehen sollte:

    Unter den Aktivisten des Arabischen Erwachen bilden sich zwei unterschiedliche Stimmungsmilieus heraus: Enttäuschung bei eher säkular eingestellten Trägern der Bewegung gegenüber einer auch nicht zu übersehenden Entschiedenheit bei den eher religiös Motitivierten. Diese heraufziehende Polarität bietet Chancen, das Migrationsgeschehen mehr zu einem beiderseitigen und nachhaltigeren Gefallen zu gestalten.

    Stark religiös motivierten Menschen ist die Chance zugewachsen, in einem (jedenfalls nicht von religiös kontroversen) Tyrannen belastetem Umfeld nach ihrer Facon zu leben.

    Umgekehrt erhält Europa eine gewisse Chance auf einen Zuzug von eher säkularen und westlichen Werten zugetanen MirantInnen - nach gemachten Erfahrungen und sorgfältiger Abwägung von deren Seite.

    Stellvertretend sei hier aus einer BBC-Reportage das Beispiel einer jungen Libyschen Aktivistin angeführt, die nach reiflicher Überlegung über ihre Aussichten in einem für sie nicht vollumfänglich zufriedenstellenden post-revolutionärem Umfeld - sich für England entscheiden hat. Eine Wahl,die sich sicherlich weder von der klimatischen noch der kulinarischen Seite empfahl.

    'Libya rebel flees to UK as revolution sours for women'

    http://www.bbc.co.uk/news...

  7. Sie wussten doch zur Wahl, dass Mursi zu den Moslembrüdern gehört. Also sollte ihnen auch klar gewesen sein, was sie wirklich von ihm zu erwarten haben.

    Oder sind die Gegner die, die seinerzeit zum Boykott der Wahlen aufgerufen haben?
    .
    Dann haben sie billigend diese Entwicklung in Kauf genommen.

    Und noch ein Hinweis an alle die behaupten, Islamisten (gemeint sind wohl Mursi-Anhänger) können nur töten.

    Die "Gegner" sind auch Islamisten. Hier kämpfen Leute gleicher Religion gegeneinander. Es ist also ein gewollter Bürgerkrieg.

  8. Vielleicht interessiert sich jemand für den Text der zur Abstimmung anstehenden ägyptischen Verfassung:

    http://www.kriegsberichte...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, Reuters, sk
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Ägypten | Kairo | IAEA | Molotow-Cocktail | Parlamentswahl
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