ÄgyptenStraßenschlachten in Kairo bis in die frühen Morgenstunden

Nacht der Krawalle: Bei Kämpfen zwischen Islamisten und Liberalen starben in Kairo mehrere Demonstranten, 350 wurden verletzt. Vor dem Parlament fuhren Panzer auf. von afp, dpa und reuters

Unterstützer der machthabenden Muslimbruderschaft vor dem Präsidentenpalast in Kairo, wo in der Nacht meherere Panzer auffuhren

Unterstützer der machthabenden Muslimbruderschaft vor dem Präsidentenpalast in Kairo, wo in der Nacht meherere Panzer auffuhren  |  © Asmaa Waguih/Reuters

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi haben bis in die frühen Morgenstunden angehalten. Am Morgen fuhr die Armee vor dem Präsidentenpalast mit schwerem Gerät vor. Nur wenige Meter vor dem Eingang des Amtssitzes Mursis stationierte sie drei Panzer und drei weitere Militärfahrzeuge. Das Militär sagte zu, nicht mit Gewalt gegen jedwede Demonstranten vorgehen zu wollen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Mena berichtete.

In Kairo hatten die Kontrahenten zuvor Brandsätze und Steine aufeinander geworfen; Autos waren in Flammen aufgegangen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden drei Menschen getötet und 350 verletzt; ägyptische Medien und der TV-Sender Al Jazeera berichten sogar von vier Toten. Die amtliche Nachrichtenagentur Mena meldete, es seien fünf Menschen getötet worden.

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Die Gegner des Präsidenten riefen "Keine Diktatur". Seine Anhänger antworteten "Mursi verteidigen heißt, den Islam verteidigen". Die Islamisten überpinselten Anti-Mursi-Graffiti, die Demonstranten am Vortag auf der Mauer vor dem Präsidentenpalast gemalt hatten. Nach einer Massenschlägerei feierten sie ihren "Sieg" über die liberalen Demonstranten.

Auch in anderen Städten gab es Gewalt und Demonstrationen. In Ismailia und Sues steckten Gegner von Mursi die Büros der ihm nahestehenden Muslimbruderschaft in Brand. In Luxor gingen Tausende von Anhängern der Islamisten auf die Straße und forderten die Einführung der Scharia.

Die Krawalle in Kairo hatten am Mittwoch begonnen, als Anhänger von Mursi zu den vor dem Präsidentenpalast protestierenden Gegnern einer Islamisierung des Landes zogen und anfingen, deren Zelte niederzureißen. Reporter berichteten, einige der 10.000 demonstrierenden Islamisten hätten auch Journalisten angegriffen. Nach einer leichten Beruhigung der Lage am Abend seien die Auseinandersetzungen in der Nacht erneut aufgeflammt, meldete Al Jazeera.

Mitglieder der Muslimbruderschaft prügelten sich in Kairo mit Gegnern des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi.

Mitglieder der Muslimbruderschaft prügelten sich in Kairo mit Gegnern des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi.  |  © Gianluigi Guercia/AFP/Getty Images

Mehrere radikale Islamisten drohten den Oppositionellen mit einem Heiligen Krieg (Dschihad), falls diese ihre "Sabotagepolitik" gegen Präsident Mursi fortsetzen sollten. Der Generalsekretär der Partei für Unversehrtheit und Entwicklung, Mohammed Abu Samra, sagte in einem Interview des Nachrichtensenders Al-Arabija: "Wenn sie sich gegen die Legitimität stellen, dann werden wir äußerste Gewalt anwenden. Wir sind keine Muslimbrüder und auch keine Salafisten, wir sind Dschihadisten."

TV-Prediger droht den Christen

Der für seine radikalen Ansichten bekannte Fernsehprediger Abdullah Badr sagte in einer Talkshow des ägyptischen Islam-Senders Al-Hafez, es seien die Christen, die den Protest gegen Präsident anführten: "Und wenn ihm auch nur ein Haar gekrümmt wird, dann reißen wir ihnen die Augen aus."

Ministerpräsident Hischam Kandil rief die Anhänger beider Lager zu Zurückhaltung auf, damit die jüngsten Bemühungen für einen nationalen Dialog eine Chance bekommen könnten. Vize-Präsident Mahmud Mekki hatte der Opposition einen Kompromiss im Verfassungsstreit vorgeschlagen. Drei Berater Mursis waren am Mittwoch aus Protest gegen die Gewalt auf der Straße zurückgetreten .
 

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Leserkommentare
    • road90
    • 06. Dezember 2012 8:07 Uhr

    Die Egypter haben in Rahmen demokratischer Wahlen mit überwältigender Mehrheit Mursi gewählt. Wozu jetzt die Randale? In 3 Jahren gibt es wieder Wahlen, dann kann man Mursi abwählen, wenn die demokratische Mehrheit das will. Die Randalen reißen Egypten nur in den Abgrund.

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    Sind Sie sich da sicher?
    Würden Sie stillhalten, wenn sie sehen würden, dass Ihr Land in eine politische Situation rutscht, in der ihre Rechte auf Freiheit und Selbstbestimmung massiv bedroht sind? Das Problem der Demokratie sind schon immer die Dummen (und Ungebildeten) gewesen. Wie hoch der Bildungsstand in arabischen Ländern ist, ist ja nun gemeinhin bekannt. Sollen sich die freiheitlich denkenden und gebildeten Menschen wirklich Jahrhunderte weit zurückschicken lassen? Würden Sie es hinnehmen, wenn hier die Sharia eingeführt würde, weil eine religiös verblendete Mehrheit das so fordert? Ich glaube noch nicht einmal, dass es diese Mehrheit gibt. Ich glaube, dass sich viele Menschen, die Mursi gewählt haben, gar nicht bewusst waren, was das für die Zukunft bedeuten könnte . . . Ich bleibe dabei: Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe !!!

    Ein drastischer Vergleich, bewusst überspitzt.
    Die NSDAP wurde auch gewählt: www.focus.de/wissen/mensc...

    Rückblickend wirft man den Deutschen vor, dass sie hätten aufbegehren müssen, als Adolf und andere den Staat in ein totalitäres Regime umwandelten.

    Wenn man jetzt den Oppositionellen Bürgern der aufgeklärten Mittelschicht vorwirft, dass ihre Demonstrationen und ihr Widerstand nicht gerechtfertigt sei, weil die Muslim Brüder irgendwann einmal gewählt wurden, so überzeugt dies nicht.

    Mag sein, dass die Moslem Brüder gewählt wurden. Aber erst im Nachhinein wurden durch den Mursi selbst seine eigenen Befugnisse derart erweitert, wie sie selbst der Diktator Mubarak nie hatte. Durch seine Dekrete steht Mursi nun offiziell über dem Gesetz. Die Justiz hat er entmachtet. Das Militär hat er ebenso entmachtet. Der islamische Radikalismus ist klar durch den Verfassungsnetwurf, den die Muslim Brüder ohne die anderen gewählten Volksvertreter ausgearbeitet haben. Demnach sollen kleine Kinder mit Erwachsenen verheiratet und zum Geschlechtsverkehr gewzungen werden können, Frauen werden laut der neuen Verfassung dem Mann untergeordnet, genau wie Minderheiten und andere GLaubensrichtungen wie etwa das CHristentum keinen Schutz mehr genießen.

    Hier ist dann Wiederstand der Bevölkerung Plficht! Anders als die damaligen Deutschen stehen die Ägypter auf!

    "Mit überwiegender Mehrheit gewählt"? Nach dem Sturz Mubaraks existierte so etwas wie Demokratie noch nicht wirklich und während die Muslimbruderschaft an sich schon gut organisiert war, waren Parteien aus dem liberalen Spektrum eher rar gesäht.
    In Anbetracht der Umstände schon eine ordentliche demokratische Leistung, das muss man anerkennen, aber da Mursi nicht wirklich gesagt hat, dass er die Demokratie abschaffen/ordentlich zurechtstutzen will, was er ja tut, wenn er sich für die Justiz unangreifbar macht und beim Schreiben der Verfassung alle gemäßigten Kräfte quasi rausgemobbt hat (die sind sicherlich nicht gegangen, weil sie keine Lust mehr hatten), ist es schon sportlich von "Demokratisch" zu sprechen. Zumindest scheinen die Verfassungsgegner zahlreicher zu sein, als es die Zusammensetzung der Versammlung reflektiert.

  1. 2. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierteren Kommentarstil. Die Redaktion/mak

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    "Die Krawalle in Kairo hatten am Mittwoch begonnen, als Anhänger von Mursi zu den vor dem Präsidentenpalast protestierenden Gegnern einer Islamisierung des Landes zogen und anfingen, deren Zelte niederzureißen."

    Da sieht man doch schon, wie es kommen wird bzw, schon ist. Andersdenkende und Andersgläubige werden niedergetrampelt. Tolles Demokratieverständnis. . . .

    • bivi
    • 06. Dezember 2012 8:37 Uhr

    und eines Rechtsstaates ist eine Verfassung mit der sich die größtmögliche Mehrheit der Bevölkerung identifizieren kann, die parteiübergreifend Akzeptanz geniest und den Schutz von Minderheiten garantiert. Eine Verfassung ohne diese Grundsätze endet nicht in Demokratie sondern in Demokratur, einer Diktatur der Mehrheit über Minderheiten.

    Eine Demokratie kann nur auf Grundlage einer allgemein akzeptierten Verfassung gedeihen - ohne eine solche Verfassung gibt es keine Demokratie.

    Freie Wahlen sind eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung für eine Demokratie.

    Dass Mursi und den Islamisten wenig am breiten gesellschaftlichen Konsens liegt, das ist das derzeitige Problem!

    denn er ist frei gewählt. Er übt die Macht im Namen der Mehrheit seines Volkes aus.
    Das zu behaupten, finde ich gar nicht undifferenziert, liebe Zeit-Redakteure.
    Undifferenziert wäre, wenn man wieder einmal die Randalierer auf Kairos Straßen bejubeln würde, obwohl sie doch diesmal keine Revolution anzetteln sondern einen mehrheitlich gewählten Präsidenten stürzen wollen.
    Solche Randalierer bezeichnet man zu recht, und nicht undiffenziert, als Terroristen, Kriminelle und Demokratiefeinde.
    Erbitte mir hierzu Diskussion und nicht Kommentarlöschung nur weil der Redaktion die Meinung nicht passt.

  2. Sind Sie sich da sicher?
    Würden Sie stillhalten, wenn sie sehen würden, dass Ihr Land in eine politische Situation rutscht, in der ihre Rechte auf Freiheit und Selbstbestimmung massiv bedroht sind? Das Problem der Demokratie sind schon immer die Dummen (und Ungebildeten) gewesen. Wie hoch der Bildungsstand in arabischen Ländern ist, ist ja nun gemeinhin bekannt. Sollen sich die freiheitlich denkenden und gebildeten Menschen wirklich Jahrhunderte weit zurückschicken lassen? Würden Sie es hinnehmen, wenn hier die Sharia eingeführt würde, weil eine religiös verblendete Mehrheit das so fordert? Ich glaube noch nicht einmal, dass es diese Mehrheit gibt. Ich glaube, dass sich viele Menschen, die Mursi gewählt haben, gar nicht bewusst waren, was das für die Zukunft bedeuten könnte . . . Ich bleibe dabei: Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe !!!

    Antwort auf "Schwer zu verstehen"
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    Vielleicht meinen Sie es nicht so verkürzt, wie ich es aus ihrem Text extrahiert habe. Mir scheint aber diese Logik nicht wirklich passend zu sein, da viele gebildete Menschen religiös sind, viele religiöse Menschen demokratisch handeln und schließlich viele Menschen in demokratischen Ländern Bildung genießen und trotzdem undemokratisch, menschenverachtend, egoistisch usw. vorgehen.

    Es ist, wie ich denke, ein Trugschluss, dass man Demokratie zum Erziehungsprogramm machen kann. Als würde es einen Idealmenschen geben, zu dem man hinbilden könnte.
    Demokratisches Handeln ist eine Entscheidung. Abhängig sind diese Entscheidungen aus mir selbst heraus und genauso von meinem Umfeld bedingt. Und ich meine, dass jegliches demokratische Handeln einer sozialen Logik unterliegen sollte. Und schließlich die Frage, was genau mit Bildung gemeint sein soll? Was meint man eigentlich mit Bildung und Gebildetem? Was genau soll sich denn bilden in einem Menschen, der Bildung genießt? Und ist das, was sich im Menschen bildet, in jedem Menschen angelegt und muss nur gefördert werden oder woher kommt der sichere Glaube daran, dass 'Bildung' heilt?

    Wer Demokratie sagt, muss sich klar machen was die Herrschaft des Pöbels bedeutet. Es ist nicht die Herrschaft der Fähigen.
    Wenn die „Mehrheit“ / „das Volk“ die Sharia oder einen starken Präsidenten wünscht, dann soll das so sein.
    Die Ägypter müssen mit dieser Entscheidung leben.
    Klar muss auch sein das Opposition nichts gemein hat mit gut, gerecht oder richtig.
    In Ägypten überrascht die Toleranz und Mäßigung des Präsidenten.
    Was würde in Deutschland passieren wenn die „Opposition“ die Büros der CDU niederbrennt und versucht das Kanzleramt zu stürmen.

    • road90
    • 06. Dezember 2012 19:06 Uhr

    ... klugen Demokraten wollen Sie etwa einführen?

  3. Herr Thierse hat vor kurzem erst wieder in einem Interview betont wie schön und wichtig es doch sein wenn Religion erstarke und in der Politik eine Rolle spiele. Wenn er aus unserer eigenen Geschichte nichts gelernt hat dann sollte er langsam am aktuellen Islam doch sehen dass dem nicht so ist. Speziell unsere monotheistischen Religionen sind per se anti-demokratisch und führen zu einer gefährlichen Rechthaberei, nach dem Motto "Gott hat immer recht und ich bin Vertreter Gottes". In Mitteleuropa haben Aufklärung und Säkularisierung der Religion die Reißzähne gezogen und sie weitgehend domestiziert, der Wahn lauert aber ständig unter der Oberfläche.
    In Ägypten lief es ja auch so dass man sich erst am demokratischen Prozess beteiligt um die Macht zu bekommen und dann den Rest der Gesellschaft unter die religiöse Knute zwingen will, ohne den mindesten Selbstzweifel.

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    und die sich daraus ergebenen konsequenzen.
    herr mursi wird in ägyten siegen. die scharia wird kommen. und es wird wieder die üblichen positiven deutungsversuche in den medien geben-alles nicht so schlimm.
    ich frage mich manchmal: was muß eigentlich noch alles passieren.

  4. 5. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    • EU fan
    • 06. Dezember 2012 8:26 Uhr

    die Demokratie ausschliesst muss das Aegyptische Volk alles tun um Mursi von der Macht zu vertreiben! Da kann nicht bis zur naechsten Wahl gewartet werden denn die würde nach Iranischem Muster ablaufen!

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    • road90
    • 06. Dezember 2012 19:19 Uhr

    ... das Volk hat Mursi gewählt. Was nun? Soll das Volk gegen seinen gewählten Präsidenten aufbegehren? Und die Diktatur der klugen Demokraten einführen?

  5. "Die Krawalle in Kairo hatten am Mittwoch begonnen, als Anhänger von Mursi zu den vor dem Präsidentenpalast protestierenden Gegnern einer Islamisierung des Landes zogen und anfingen, deren Zelte niederzureißen."

    Da sieht man doch schon, wie es kommen wird bzw, schon ist. Andersdenkende und Andersgläubige werden niedergetrampelt. Tolles Demokratieverständnis. . . .

    Antwort auf "[...]"
    • bivi
    • 06. Dezember 2012 8:37 Uhr

    und eines Rechtsstaates ist eine Verfassung mit der sich die größtmögliche Mehrheit der Bevölkerung identifizieren kann, die parteiübergreifend Akzeptanz geniest und den Schutz von Minderheiten garantiert. Eine Verfassung ohne diese Grundsätze endet nicht in Demokratie sondern in Demokratur, einer Diktatur der Mehrheit über Minderheiten.

    Eine Demokratie kann nur auf Grundlage einer allgemein akzeptierten Verfassung gedeihen - ohne eine solche Verfassung gibt es keine Demokratie.

    Freie Wahlen sind eine notwendige, nicht aber eine hinreichende Bedingung für eine Demokratie.

    Dass Mursi und den Islamisten wenig am breiten gesellschaftlichen Konsens liegt, das ist das derzeitige Problem!

    Antwort auf "[...]"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, Reuters, sc
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Brand | Gesundheitsministerium | Gewalt | Muslimbruderschaft | Protest
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