Die Ägypter haben nach Angaben der Muslimbruderschaft in der ersten Wahlrunde mit knapper Mehrheit für die umstrittene Verfassung gestimmt. "Im Referendum votierten 56,5 Prozent mit Ja", sagte ein hochrangiger Vertreter der Muslimbrüder. Andere Quellen berichten von 59 beziehungsweise 70 Prozent. Die offiziellen Ergebnisse sollen jedoch erst nach der zweiten Wahlrunde am 22. Dezember bekannt gegeben werden.

Die Wähler in der Hauptstadt Kairo stimmten demnach mehrheitlich mit Nein. Auch in der Provinz Gharbia habe eine knappe Mehrheit gegen den Entwurf gestimmt. Dort liegt auch die Industriestadt Mahalla, wo die Opposition sehr stark ist. In den restlichen acht Provinzen, darunter auch Alexandria , die Sinai-Halbinsel und Assuan, votierten die meisten Wähler nach den von der Muslimbruderschaft veröffentlichten Angaben mit Ja.

Die Opposition widersprach den Angaben der Muslimbrüder umgehend. Ihren Angaben zufolge zeigten die vorläufigen Ergebnisse der ersten Runde, dass 66 Prozent den Entwurf ablehnten. Friedensnobelpreisträger und Oppositionspolitiker Mohammed ElBaradei verwies darauf, dass mehr als 40 Prozent gegen die Verfassung gestimmt hätten. Die Nation sei zunehmend gespalten und die Grundfeste des Staates ins Wanken geraten, twitterte er.

Die Gegner Mursis , der aus der Muslimbruderschaft kommt, befürchten, dass Grundrechte eingeschränkt werden können, weil die Verfassung die Macht der Religionsgelehrten zulasten der Justiz ausweitet. So sollen die Scheichs des renommierten sunnitisch-islamischen Al-Azhar-Instituts ein Mitspracherecht bei der Gesetzgebung haben und auch in alle anderen wichtigen Streitfragen einbezogen werden. Das könnte bis ins Privatleben hinein zu einer strengeren Auslegung der Scharia führen, die die wichtigste Quelle der Gesetzgebung bleibt.

Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung

Oppositionelle warfen der Muslimbruderschaft Manipulation vor. Das liberale und säkulare Oppositionsbündnis Nationale Heilsfront sprach am Samstag von unversiegelten Wahlurnen mit Stimmzetteln und weit verbreiteter Beeinflussung der Wähler. Aus mehreren Regionen wurde über die Einschüchterung von Aktivisten durch bärtige Männer berichtet. In einigen Wahllokalen riefen Muslimbrüder Oppositionsangaben zufolge dazu auf, mit Ja zu stimmen. Zudem hätten sie Zucker, Öl und Tee an die Wähler verteilt. In allen zehn Provinzen, in denen am Samstag abgestimmt wurde, habe es ähnliche Unregelmäßigkeiten gegeben, berichtete die Nationale Heilsfront. Oppositionelle Richter beklagten, dass 26 Wahllokale in Kairo, Alexandria und zwei weiteren Provinzen ohne juristische Aufsicht gewesen seien. Das Justizministerium wies dies zurück. Die Heilsfront rief dazu auf, mit Nein zu stimmen. Von einem zuvor angedrohten Boykott sah das Parteienbündnis ab.

Die Wahllokale öffneten am Samstag in zehn Provinzen, darunter die Großstädte Kairo und Alexandria. Die anderen 17 Provinzen stimmen in der zweiten Wahlrunde ab. Insgesamt sind 51,3 Millionen Ägypter zur Stimmabgabe aufgerufen. Trotz heftiger Proteste hatte Präsident Mohammed Mursi die Abstimmung nicht verschoben, sie fand aber unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Polizei und etwa 120.000 Soldaten sicherten die Abstimmung. Die Wahlkommission rechnete mit einer Wahlbeteiligung von mehr als 50 Prozent.