Nach einem lange weitgehend friedlichen Ablauf des Verfassungsreferendums in Ägypten ist es in Kairo zu Gewalt gekommen. Hunderte Islamisten griffen die Zentrale der liberalen Wafd-Partei mit Brandsätzen an.

Ägyptische Medien berichteten, die Polizei sei während des Angriffs nicht eingeschritten. Später seien sowohl die Islamisten als auch die Oppositionellen mit Tränengas beschossen worden. Auch Schüsse seien gehört worden. In dem Gebäude in der Innenstadt wird die Parteizeitung hergestellt.

Medienberichten zufolge wurden landesweit 19 Menschen bei Unruhen und Schlägereien verletzt. Laut Staatsfernsehen kam eine Frau im Gedränge ums Leben, die im Kairoer Nobelstadtteil Samalek ihre Stimme abgeben wollte. Auch aus der Provinz Assiut wurde ein Todesopfer gemeldet. Grund war eine Familienfehde. Um Zusammenstöße zwischen Islamisten und Oppositionellen zu vermeiden, sicherte ein Großaufgebot von 300.000 Sicherheitskräften die Wahllokale ab. Darunter waren 130.000 Polizisten.

Opposition beklagt Wahlbetrug

Oppositionelle Richter beklagten, dass 26 Wahllokale in Kairo, Alexandria und zwei weiteren Provinzen ohne juristische Aufsicht gewesen seien. Das Justizministerium wies dies zurück. Aus mehreren Regionen wurde über die Einschüchterung von Aktivisten durch bärtige Männer berichtet. In Alexandria übernahmen laut Zeitung Al-Ahram an einer Schule Salafisten die Wahlaufsicht und sagten den Wählern, sie sollten mit Ja stimmen.

Rund 26 Millionen Wahlberechtigte waren am Samstag in einer ersten Runde aufgerufen, über den umstrittenen Entwurf der ersten Verfassung seit dem Sturz von Langzeitmachthaber Husni Mubarak vor knapp zwei Jahren abzustimmen. Eine zweite Runde folgt in einer Woche in 17 weiteren Provinzen. Die Islamisten und Anhänger von Präsident Mohammed Mursi rechnen mit einer deutlichen Mehrheit für das von ihnen erarbeitete Regelwerk, das mehr Einfluss von Religionsgelehrten vorsieht. Damit würden sie den seit Wochen andauernden Machtkampf für sich entscheiden.

Großer Andrang an Wahllokalen

Wegen des großen Andrangs blieben die Wahllokale bis 22.00 Uhr MEZ geöffnet und damit vier Stunden länger als zunächst geplant. Die Wahlkommission rechnete mit einer Wahlbeteiligung von mehr als 50 Prozent. Die Opposition hatte ihre Anhänger aufgerufen, mit Nein zu stimmen.

Der Entwurf war von den islamistischen Muslimbrüdern mit Unterstützung der radikalen Salafisten im Eiltempo erarbeitet und durchgeboxt worden. Linke und Liberale sowie die Christen verließen aus Protest das Gremium, in dem der Verfassungsentwurf erarbeitet worden war. Aus ihrer Sicht handelt es sich um eine Verfassung für die Islamisten und nicht das ganze ägyptische Volk.

Wird der Verfassungsentwurf angenommen, muss innerhalb von zwei Monaten ein neues Parlament gewählt werden. Das erste nach dem Sturz von Mubarak gewählte Unterhaus wurde im Sommer von einem Gericht aufgelöst. Dort hatten die Islamisten eine deutliche Mehrheit. Lehnt eine Mehrheit der Wähler den Entwurf ab, muss eine neue Verfassunggebende Versammlung gewählt werden. Diese hat dann sechs Monate Zeit, einen Entwurf zu erarbeiten.

Die Stimmen aus der ersten Runde sollen in den kommenden Tagen ausgezählt werden. Unklar ist, ob oder wann vorläufige Ergebnisse bekannt gegeben werden. Die Opposition warnte vor einer Veröffentlichung, weil damit aus ihrer Sicht die Abstimmung in der kommenden Woche beeinflusst werden könnte. Die Aufteilung in zwei Wahlrunden wurde wegen eines Boykotts von Richtern notwendig. Es fanden sich nicht genug Richter, um das Referendum an einem Tag landesweit zu überwachen.