Amokläufer von Newtown : Der nette Junge von nebenan

Klug, höflich, unauffällig – so beschreiben ehemalige Mitschüler und Bekannte den Amokschützen. Es entsteht das Bild eines Einzelgängers, der kaum Emotionen zeigte.
Eine Frau trauert in der katholischen Kirche von Newtown. © Joshua Lott/Reuters

Wer war der Junge, der in einer Grundschule in Newtown erst 20 Kinder und sechs Erwachsene niederschoss und schließlich sich selbst tötete? Diese Frage stellt sich seit Freitagmorgen ein ganzes Land. Ein Klassenclown, ein Draufgänger oder Aufschneider war Adam L. jedenfalls nicht. Klassenkameraden erinnern sich an einen unauffälligen Jungen, blass, groß und still.

Die Studentin Alex I. lebte nur wenige Häuser von ihm entfernt und besuchte mit ihm zusammen die Mittelschule. In einem Interview mit dem CNN-Moderator Piers Morgan e rzählt sie : "Die meiste Zeit, wenn ich ihn gesehen habe, war er alleine." Er sei still gewesen, aber hochintelligent. Wenn man ihn ansah oder ansprach, habe er sich offenbar unwohl gefühlt.

Auch andere ehemalige Mitschüler schildern den 20-Jährigen als einen unauffälligen Einzelgänger. Der New York Times erzählten sie, Adam L. sei oft mit einem Aktenkoffer in die Schule gekommen und habe im Unterricht in der Nähe der Tür gesessen, um schnell hinein- und hinausschlüpfen zu können.

Wenn man ihn ansah, so zitiert die Zeitung die Bekannten, habe der Junge keine erkennbaren Emotionen gezeigt. Er wäre intelligent gewesen, habe aber oft einen nervösen Eindruck gemacht. Andere sagen, er sei krank gewesen. CNN meldet, er habe unter einer Form von Autismus gelitten.

In Newtown lebte er anfangs zusammen mit seinen Eltern und seinem vier Jahre älteren Bruder Ryan. Die Familie war aus Kingston, New Hampshire in die Kleinstadt im Südwesten Connecticuts gezogen. Als Adam dann 17 Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden, sein Vater hat wieder geheiratet. Der Junge wohnte dann bei seiner Mutter Nancy, sein Bruder bei seinem Vater.

Freunde beschreiben Nancy L. als fürsorgliche Mutter. Ihr Kinder hätten immer an erster Stelle gestanden. Nachbarn in der Kleinstadt konnten den US-Medien wenig über Adam L. berichten. Eine Busfahrerin beschrieb die Brüder als "nette und höfliche Kinder".

Im Jahrbuch seiner Highschool-Klasse ist kein Foto von Adam L. abgedruckt. Stattdessen steht an der Stelle, wo es hätte sein sollen: "kamerascheu".

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Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Vorsicht vor den Sonderlingen, Einzelgängern, Menschenscheuen..

Was sollen diese plakativen Hinweise auf untypisches Sozialverhalten eines Jugendlichen? An den Anfang einer Täterbeschreibung für solche Taten sollte stehen: Er ist psychisch krank, und nicht "er war ein Einzelgänger".

Was heisst das schon: Er war ein Einzelgänger. Vielleicht bedeutet das, dass er als "uncool" Ablehnung erfahren hat. Dann hat er sich zurück gezogen, um der Ablehnung zu entgehen. Aber zugleich hat er einen mörderischen Hass aufgebaut, der beweist, dass er eine kranke Psyche hat.

Es gibt Millionen von Einzelgängern, Aussenseitern und Sonderlingen die aber keine Verbrechen begehen.

Mit solchen dummen Bemerkungen (auch in BILD) stigmatisiert man die Schüchternen noch mehr.

Werden demnächst alle Leute als verdächtig erfasst, die auf Facebook weniger als 10 Freunde haben?

@NETSUBJEKT

> Es gibt Millionen von Einzelgängern, Aussenseitern und
> Sonderlingen die aber keine Verbrechen begehen.

Mord- und Gewaltfantasien haben trotzdem viele. Es sind eben auch entsprechende Bedingungen (wie Waffen im Haushalt), die letztlich dazu führen, eine Tat zu begehen.

Stigmatisieren Sie nicht gerade _alle_ diese Leute, wenn sie "psychisch krank" schreiben? Was heißt das schon? _Jeder_ der Sonderlinge hat das Potenzial.

Psychisch kranke

"Aber zugleich hat er einen mörderischen Hass aufgebaut, der beweist, dass er eine kranke Psyche hat."

Hass zu empfinden ist etwas zutiefst menschliches und nichts psychisch krankes oder eine kranke Psyche.

Das Kranke in dieser Gesellschaft ist dieses ewig politisch Korrekte und das Muss jedes unangenehme Gefühl unterdrücken müssen aufgrund irgendwelcher Befindlichkeiten der Gesellschaft. Das führt nur dazu, dass sich Menschen ausgegrenzt fühlen und nicht mehr wissen, wie und wo sie ihre Emotionen ausleben können. Der Gefühlsstau kann sich eben in Gewalttaten äußern. Es spielt keine Rolle ob ein Amoklauf oder Schlägereien oder Messerstechereien usw.

Nur weil sich die meisten nicht in einen Täter hineinversetzen können, welcher eine solche Tat ausführt, wird dieser immer als psychisch krank bezeichnet.

Das ist ziemlich unprofessionell

umgekehrt

"Klug, höflich, unauffällig" ist in der heutigen Gesellschaft das vermeintlich erstrebenswerte (deswegen ist man ja so erschrocken wenn SO einer durchdreht).

Und die "auffälligen" Kinder/Jugendlichen sind im Alltag die angeblich "schlechten/gefährlichen". Sie werden stigmatisiert oder auch stillgelegt mit Ritalin. Vielleicht sind es gerade die schwierigen Kinder die gesund auf eine kranke Gesellschaft reagieren.....

@Amparos

Ich bestreite nicht, dass auch der "Normalbürger" gelegentlich mit einer Knarre im Kopf seinen Frust abreagiert. Aber zwischen Vorstellen und Tun gibt es bei Menschen mit gesunder Psyche eine natürliche Hemmung. Und weil es diese gibt, werden Soldaten sogar mit wissenschaftlichen Methoden darauf dressiert, diese "Schiesshemmung" zu überwinden.

Aber wenn jemand, der in einer friedlichen Zivilgesellschaft sozialisiert ist, die Hemmung verliert auf seine Mitmenschen und sogar Kinder zu schiessen, um seine Wut, Frust, Hass oder was auch immer abzureagieren, dann ist dessen Psyche krank.

zu 18

"Aber wenn jemand, der in einer friedlichen Zivilgesellschaft sozialisiert ist, die Hemmung verliert auf seine Mitmenschen und sogar Kinder zu schießen, um seine Wut, Frust, Hass oder was auch immer abzureagieren, dann ist dessen Psyche krank."

Das halte ich schlichtweg zu einfach. Ich glaube eher, dass es innerhalb unsere. sog. Zivilgesellschaft viele tickende Bomben gibt. Und alle sind sicher nicht psychisch krank. Sie sind schlichtweg wütend.

Auf Menschen zu schießen halte ich schlichtweg nur für die intensivste Art seine Wut und seinen Hass auszudrücken. Ob Kinder oder Erwachsene spielt genau in diesem Moment keine Rolle. Ich glaube eher, dass die andauernde Wut sich in einen Rauschzustand verändert.

Dazu kann man jeden bringen. Bombadiere einen zivilisierten Menschen täglich mit Ausgrenzung, Ungerechtigkeit- Früher oder später wird er zum Amokläufer oder Mörder.

@Amperos: Was Krankheit genannt wird, entspricht Konventionen

Ihre Argumentation zielt darauf ab, Amoklauf als eine eher "natürliche" Folge von belastenden bzw. verletzenden Lebensumständen zu sehen, die ansich keine Krankheit sondern vielmehr das Ergebnis dieser Umstände ist. Das ist nicht falsch.
Damit erklären Sie jedoch nicht, weshalb die einen töten und die anderen (mehrheitlich) nicht. Und darum geht es. Hier wird eine Norm verlassen, was -zugegeben- willkürlich als pathologisch eingestuft wird. Es ist die Hemmung, die sogar bei Tieren beobachtbar ist (Beisshemmung gegen Artgenossen).
Das heisst, schon für die blosse Vorstellung, ich könnte 20 fremde Kinder erschiessen, fehlt mir jede Motivation. Obwohl ich auch oft ziemlichen "Frust schiebe". Und dies in die reale Tat umzusetzen ist mir noch viel fremder.

Aber nach ihrer Logik, gäbe es dann überhaupt keine Krankheiten, sondern nur Folgen von Störungen unserer Gesundheit, bzw. Abweichungen von mehrheitlich anzutreffenden physiologischen Zuständen.
So kann man Krankheiten oder psychische Anomalien natürlich auch betrachten. Und es ist nicht einmal falsch.

Aber hilft nicht weiter. Denn der Begriff "Krankheit" für was auch immer, ist durch eine gesellschaftliche Übereinkunft gedeckt: Es gibt unerwünschte körperliche oder psychische Zustände und Befindlichkeiten. Diese nennen wir "Krankheit".

Die Hobby-Psychologen...

Man sollte bei solchen Analysen niemals vergessen, dass die Täter von der Columbine zwar Außenseiter aber keine Einzelgänger waren.

Ich teile Ihre Auffassung, dass hier wieder auf Kosten einer nicht kleinen Bevölkerungsgruppe Stimmung gemacht wird. Wer kann den beurteilen, dass jemand ein Einzelgänger ist? Wer sich in Schule oder Beruf absondert, kann durchaus woanders in der Mitte einer Gemeinschaft stehen. (Z.B im Verein.)

Warum ...

... muss der Amokläufer in einem eigenen Artikel eingehend analysiert werden? Nicht nur, dass hier keinerlei Informationen ausgebreitet werden, die nicht auch in zwei Sätzen vollständig zu erfassen wären. Es wird auch vollkommen unnötigerweise Aufmerksamkeit auf den Täter gelenkt, die dieser nicht verdient. Während die Anonymisierung ein Schritt in die richtige Richtung ist, wird mit diesem Artikel zu einem Gesamtbild der Berichterstattung beigetragen, das Amokläufe möglicherweise für psychisch gestörte Menschen als probaten Weg zu öffentlichem Interesse an der jeweiligen Person erscheinen lässt.

Ist das wirklich nötig

diesem Psychopathen auch noch einen eigenen Artikel zu widmen?
Der stille, große, schüchterne Einzelgänger, missverstanden und ängstlich und der ganze Schmonzes. Wieso setzt man diesem Irren ein Denkmal? Weshalb wird er überhaupt erwähnt? Richtig wäre ein Signal zu setzen und die Täter bei solchen Massakern gar nicht mehr zu erwähnen, sondern sie in Stille ersaufen zu lassen. Wieso kriegen solche Leute eine Bühne?

Introvertierte Personen sind besonders wertvoll

Die meisten, bedeutenden Leistungen der Natur-Wissenschaften werden von introvertierten Personen erbracht. Und man muß es mal deutlich
sagen ... der größere Teil der sog. 'normalen' Personen führen ein erbärmlich oberflächliches Leben, dass hier indirekt Anderen zum Masstab erklärt werden soll. Wer nach Tiefe sucht, ist jedenfalls beim Durchschnitts-Bürger ganz falsch.