"Energiepolitik bedarf vieler Standards, einer Menge Verwaltung und guten Projektmanagements", sagt der unabhängige Pariser Energieexperte Mycle Schneider . Die nötigen Standards und gute Einzelprojekte besitzt das Land. Aber: "In Indien ist die staatliche Verwaltung katastrophal", urteilt Schneider. Als er kürzlich in Delhi einen berühmten Physiker besuchte, funktionierte dessen Klimaanlage nicht. Nicht einmal im Regierungsviertel klappte es mit der Stromversorgung.

Das wäre in China undenkbar. Das Land ist inzwischen zum Weltlabor für alle Formen der modernen Energieversorgung avanciert, gerade weil dort alles funktioniert. Wer zu Energie forscht, ob in den USA , Deutschland oder Japan , geht nach China, wo die Behörden für jedes neue Projekt zu haben sind. "China hat sich entschieden, das Land für alle neuen Ideen im Energiebereich aufzumachen", sagt Schneider. Deshalb finde man heute in China "das Schlechteste und das Beste im Energiebereich".

Das Energiesystem des Landes ist hochzentralisiert. Ein einziges Stromversorgungsunternehmen, der Staatsmonopolist State Grid, beherrscht fast den gesamten Markt. Das erschwert moderne, dezentrale Lösungen für die Stromversorgung, wie sie auch in China längst angebracht wären. Indien aber, mit seiner Vielzahl korrupter Strom- und Gaskonzerne, steht weder für eine gesicherte, noch für eine moderne Energieversorgung. Auch dort wären dezentrale Modelle nötig, doch es fehlt vielleicht gerade an einer zentralen Planungsstelle, die solche Programme landesweit antreibt.

Die Klimabilanz beider Länder ist im Vergleich zum Westen allerdings immer noch erstaunlich positiv. Jeder Chinese verbraucht heute fünf Tonnen CO 2 pro Jahr, jeder Inder nur 1,5 Tonnen. Damit liegen beide Länder deutlich unter dem Niveau der Industriestaaten.

Ein paar Wochen im Jahr friert jeder mal

In Indien geht das sicher darauf zurück, dass weite Teile des Landes energietechnisch noch immer unterversorgt sind. In China dagegen mag es der ungeliebten staatlichen Autorität zugute gehalten werden, die neben allen Machtansprüchen doch wirtschaftlich handelt. Die Heizungen beispielsweise werden in China von der Regierung zentral ein- und ausgeschaltet. Kein Chinese kann bei Kälteeinbruch seine Heizung einfach auf Hochtouren stellen. Ein paar Wochen im Jahr friert jeder. Das ist der Nebeneffekt einer Zentralregierung, die sich wenig um individuelle Ansprüche der Bürger schert, am Ende aber doch die Massen mit lebensnotwendiger Energie versorgt.

Hinzu kommt, dass der historisch akkumulierte CO 2 -Verbrauch in China und Indien ebenfalls viel niedriger liegt als im Westen. Genau besehen, geht auch heute noch mehr als die Hälfte des CO 2 -Ausstoßes der chinesischen Industrie auf Konto des Westen – weil er von westlichen Firmen in China ausschließlich für den westlichen Konsum produziert wird. Das Ergebnis ist jedenfalls klar: "Was die Umweltgerechtigkeit betrifft, verfügen China und Indien noch jeweils über einen Riesen-Emissionskredit", sagt der Energieexperte Schneider.

Das kann zu Leichtsinn führen, wenn Peking und Delhi auch in Zukunft vornehmlich auf die heimische Kohle setzen. Doch darüber aus westlicher Sicht kritisch zu urteilen, ist nicht sinnvoll. Erst müssten die westlichen Länder, die auf dem Zenit der Entwicklung angelangt sind, mit gutem Beispiel vorausgehen.