Schlagzeilen machen immer nur die einen. Die mit den wehenden Schläfenlocken und vor Wut verzerrten Gesichtern, wenn sie sich wieder einmal weigern, ihre illegalen Wellblechhütten zu räumen. Jüdische Siedler auf palästinensischem Gebiet sind in der Welt nicht gern gesehen. Dabei machen die Radikalen unter ihnen kaum mehr als fünf Prozent aus. Die große Mehrheit von ihnen packt morgens ihre Aktentasche, schmiert Butterbrote für den Nachwuchs und freut sich darüber, nach Feierabend die Füße im erschwinglichen Heim hochzulegen. Sie würden sich als vieles bezeichnen lassen. Aber sicherlich nicht als Siedler.

"Normale Person in einer völlig absurden Situation"

Meraw Gotlieb gehört zu den 360.000 jüdischen Israelis, die jenseits der grünen Grenze zu Hause sind. Sie ist Sozialarbeiterin an der Tel Aviver Universität und lebt in Schaarei Tikwa, 15 Autominuten vom Kernland entfernt. "Wir mieten ein Cottage mit riesigem Garten für 400 Dollar. In Israel ist das unmöglich, das Leben ist dort kaum noch zu bezahlen." Ideologie, das Land für Juden zu beanspruchen, spielt keine Rolle. Sie will Lebensqualität für sich und ihre drei Kinder. Zwar waren Bilder von Schießereien und Menschen in Angst in ihr Gedächtnis gebrannt, doch ein erster Besuch überzeugte sie. "Es war so grün, ruhig und hübsch hier." Die Nachbarn im palästinensischen Dorf um die Ecke kennt Gotlieb nicht. Stacheldraht rund um die Siedlung macht eine Interaktion so gut wie unmöglich.

Wer sich die 38-Jährige als Frau in Kopftuch, mit langem Rock und bedeckten Armen vorstellt, scheint Opfer stereotyper Bilder. Ihre langen blonden Haare trägt sie offen, dazu Jeans, T-Shirt und einen Silberring am kleinen Zeh. "Ich denke von mir, dass ich eine recht normale Person in einer völlig absurden Situation bin", sagt sie und schmunzelt.

Absurdität ist Alltag auf diesem kleinen Stück Land. Denn das von Israelis bebaute Gebiet im Westjordanvorland umfasst kaum mehr als ein Prozent der Gesamtfläche. "Wie kann ein läppisches Prozent den Frieden verhindern?" Gern bemühen Befürworter der jüdischen Siedlungen diese Zahl, um ihre Politik zu verteidigen. In der Realität zeigt sich ein anderes Bild: Die Siedlerorganisationen kontrollieren etwa vierzigmal so viel Fläche dank Sicherheitszonen, Straßen und anderer Infrastruktur, die für Palästinenser tabu sind, geben die israelischen Friedens- und Menschenrechtsorganisationen Peace Now und Betselem an.