Demonstration in Kairo"Wir sind alle für die Scharia"

Mit ihrer größten Demonstration in Ägyptens Geschichte zeigen die Islamisten ihre Stärke. Sie sind überzeugt, den Machtkampf zu gewinnen. von 

Unterstützer von Präsident Mohammed Mursi vor der Universität in Kairo

Unterstützer von Präsident Mohammed Mursi vor der Universität in Kairo  |  © Kahled Desouki/AFP/Getty Images

Keine einzige Frau ohne Kopftuch weit und breit, viele Männer tragen Bärte, schwenken die Fahne Ägyptens oder die Banner von Muslimbrüdern und Salafisten. "Das Volk ist für den islamischen Staat, ob die Säkularen wollen oder nicht", skandiert die Menge und: "Wir unterstützen die Entscheidungen des Präsidenten."

Hunderttausende aus dem ganzen Land sind am Samstag nach Kairo gekommen . In endlosen Schlangen reihten sich die Busse in den Seitenstraßen rund um den Al-Nahda-Platz vor der Kairo Universität. Hier hatte vor vier Jahren US-Präsident Barack Obama seine Rede an die muslimische Welt gehalten. Hier lassen jetzt Ägyptens Islamisten ihre Muskeln spielen und trumpfen im Kampf um die Verfassung auf mit der größten Demonstration in der Geschichte Ägyptens.

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Nur der Nil und knappe 30 Minuten Fußweg liegen zwischen den frommen Heerscharen und ihren säkularen Kontrahenten, die seit Tagen auf dem Tahrir-Platz campieren. Die sind gegen die neue Verfassung und halten Präsident Mursi für einen gefährlichen Diktator.

Mursi, der Erlöser?

Die Stimmung ist euphorisch und aufgeheizt, aber die Sondertruppen des Innenministeriums halten sich zurück. Allerdings gab es einen Toten, als mehrere Menschen versuchten, auf einen Baum zu klettern, der daraufhin umstürzte.

"Wir sind alle für die Scharia", hat Ahmed Farouk auf sein Transparent gemalt. Der füllige Salafist mit schwarzer Häkelkappe, langer blauer Galabiyya und orange gefärbtem Bart ist bereits am frühen Morgen aus Alexandria angereist. "Die ganze Welt soll sehen, die Menschen hier wollen Islam und Scharia", sagt der 35-Jährige, der in einer Lebensmittelfabrik sein Geld verdient. Es gebe nicht nur die Leute auf dem Tahrir-Platz, wie die Medien weismachen wollten. "Es gibt auch uns und wir sind die Mehrheit", fügt er hinzu, während vor seinem Schild zwei Männer auf das Pflaster sinken und anfangen zu beten.

Andere tragen verklärende Poster von Mohammed Mursi vor sich her, wie eine heilige Ikone hält darauf der Präsident das Sternenfirmament in seinen Händen. Wenn sie über ihn reden, dann wie von einem Erlöser oder einem Vollkommenen, einem, der nur das Beste will, und jetzt von dunklen Kräften des alten Mubarak-Regimes gestürzt werden soll.

"Das Verfassungsgericht sind Mubarak-Leute. Sie haben alles blockiert, so ging es nicht mehr weiter. Präsident Mursi musste eine revolutionäre Entscheidung treffen", rechtfertigt Essam El-Gaweesh, Lehrer aus der Suezkanal-Stadt Ismailia, die umstrittenen Justizdekrete , an denen sich vor zehn Tagen die ganze Staatskrise entzündet hatte. Fein säuberlich in Handschrift hat er zu Hause alle seine Gedanken und Argumente auf vier Blatt liniertem Papier notiert, die er sorgfältig gefaltet in seinem Proviantbeutel zusammen mit Käse-Sandwichs, gekochten Eiern, Papiertaschentüchern und seiner ausgelesenen Zeitung bei sich trägt – seine eigene Methode, in den jüngsten inneren Wirren Ägyptens nicht den Überblick zu verlieren.

Leserkommentare
    • lxththf
    • 01. Dezember 2012 19:14 Uhr

    was ganz konkret in Ägypten? Man kann doch nicht permanent einfach Behauptungen aufstellen, ohne entsprechende konkrete Beispiele zu nenne.

  1. "- Frau Merkel tritt die Menschenrechte in der Palästinafrage mit Füßen"

    Weil sich Deutschland enthalten hat? Man könnte meinen, es hätte ein zählendes Veto eingelegt...

    "- die von den Medien angeheizte Islamophobie ist GG-widrig"

    Nein. Und Ihren Begriff, den Sie wohl sehr weit fassen werden, lehne ich auch ab, dient er doch auch hauptsächlich dazu, andere Meinungen zu diskreditieren und wird zwar von der Meinungsfreiheit gedeckt, ist aber selbst auch nicht selten gegen diese gerichtet.

    "- auch die Frauenquote ist GG-widrig"

    Das kommt darauf an... wie der Jurist sagt. :)

    "Man könnte viel mehr schreiben. Aber die Bevölkerung hierzulande ist eben auch nicht bereit für wirkliche Demokratie und verheddert sich wieder in Ideologien."

    Was aber ist "wirkliche Demokratie" für Sie?

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@ lxththf "
  2. "Dann sollen sie glücklich werden mit ihrer Scharia. Das Volk entscheidet und gut is. Die westliche Arroganz, die glaubt, "ihre" Demokratie sei die richtige, das geht mir viel mehr auf den Keks. Als wäre unser Wertesystem perfekt. Mittlerweile nervt es einfach nur noch."

    Perfekt sicher nicht, aber eindeutig zu bevorzugen, wenn man Menschenrechten einen Wert beimisst.

    5 Leserempfehlungen
    • vonDü
    • 01. Dezember 2012 19:30 Uhr

    "Was aber, wenn sich die Mehrheit für die Nazis und Hitler entscheidet ? Muß man diese Art der "Demokratie" auch noch akzeptieren ? Wie gut für uns Deutsche, dass nicht alle so gedacht haben ..."

    Akzeptieren oder nicht, hängt davon ab, inwieweit es Sie betrifft und angeht. Im eigenen Land sieht das anders aus, als in der Ferne.
    Können wir etwas tun in Ägypten? Nein. Wir können zwar einen Diktator wegbomben, aber nicht ein mehrheitliches Bedürfnis nach religiöser Führung. Klappt auch mit Besetzen nicht. Ich fürchte außer Akzeptanz bleibt da nicht viel.

    Und außerdem, warum werfen wir Ägyptern vor, was wir bei den übleren Varianten, bei Saudis und anderen Scheichs der Region, unkommentiert lassen?

    • Nizze
    • 01. Dezember 2012 19:31 Uhr

    Sie beurteilen vieles ganz anders als ich, düsterer möchte ich sagen.
    Viele sind unzufrieden, schreiben Sie und meinen dass diese Unzufriedenheit zuletzt zum selben Resultat führen wird wie die Machtübernahme Hitlers oder die wahrscheinliche Annahme der Scharia in Ägypten.
    Entschuldigung, aber glauben sie das wirklich? Sie meinen dass die Wähler, wenn sie keine Rücksicht zu nehmen bräuchten, am liebsten Extremisten wären, Kommunisten oder Antisemiten, wie Sie schreiben.
    Aber genau das ist ja der Beweis dafür dass die Demokratie funktioniert: Die Leute wählen mit dem Blick aufs Gemeinwohl, also verantwortlich als Bürger, Citoyens. Sie meinen sie tun das zähneknirschend, gegen ihre innere Überzeugung.
    Es gibt Psychologen die meinen dass die menschliche Gesellschaft nur eine dünne Fassade ist hinter der die dunklen Triebe auf ihre Zeit warten. Die Unzufriedenheit von der Sie schreiben kann ja sehr gut die verschiedensten seelischen Ursachen haben.
    Interessant, aber mehr für Psychologen als für politisch interessierte.

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  3. "Und was wäre
    wenn andere Länder unser Finanzsystem als diktatorisch betrachten und sich einmischen? Würden Sie das immernoch so unterstützenswert finden?"

    Das tun sie doch, die "anderen Länder". Das haben andere Länder schon immer getan, die meisten Revolutionen fanden das kapitalistische Finanzsystem diktatorisch und haben es im Handstreich abgeschafft. Dann haben sich diese anderen Länder zum Ziel gesetzt, die ganze Welt vom "diktatorischen Finanzsystem" zu befreien. Bei dieser gewaltigen historischen Mission haben sie rund 100 Millionen Menschen umgebracht, das waren nur die Morde in den eigenen Ländern. Überdies haben sie in freien demokratischen Ländern die Freiheit gut genutzt, um deren Systeme zum Kippen zu bringen, oft unter Beifall der dortigen Bevölkerung, die glaubte, "unter dem diktatorischen Finanzsystem" zu leiden. Manchmal marschierten diese Länder auch direkt ein, führten ihr revolutionäres Finanzsystem ein, führten dafür gefangene Bürger aus, nach Sibirien zum Beispiel, oder brachten sie gleich um. "Die Kapitalisten werden uns die Stricke verkaufen, an denen wir sie aufhängen", meinte der Kritiker des kapitalistischen Finanzsystems Lenin.
    Die iranischen Mullahs, die revolutionären Führer Lateinamerikas, der kämpfende Syrer Assad, die verstorbenen Führer Hussain und Gaddafi und nicht zuletzt Kim Jong un, sind und waren alle Kritiker unseres "diktatorischen Finanzsystems".

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Und was wäre "
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    ..unterlegt zunehmend Finanz-Scharia-Rechtssprechung.

    Auf Grund der Geheimhaltung und immer größerer Entscheidungsfreiheit z.B. des EZB Chefs, oder manchen Finanzminister, darf man so gar von Al-Mufti Stellung (richterliche Stellung ohne demokratischen Kontrolle) in der Entwicklung unseres Finanzsystems sprechen.

    Oder wenn z.B. S&P eine Bewertung bzw. Empfehlung ((al-fatawa) ausspricht, dann zittern die Regierungen und Regierungschef mit.

    • lxththf
    • 01. Dezember 2012 20:08 Uhr

    "Die iranischen Mullahs, die revolutionären Führer Lateinamerikas, der kämpfende Syrer Assad, die verstorbenen Führer Hussain und Gaddafi und nicht zuletzt Kim Jong un, sind und waren alle Kritiker unseres "diktatorischen Finanzsystems."

    als aktives Einmischen und genau hier besteht nunmal der Unterschied in Ihren Ausführungen. Kritik ist doch ok und berechtigt, aber aktive Einmischung ist etwas anderes. Stellen Sie sich vor, kritische Länder würden zum Beispiel auf einmal massiv die NPD unterstützen. Würden Sie das dann auch toll und heroisch finden?
    Ich habe nichts gegen Kritik und Bedenken, aber die Frage ist, welche Forderungen man aus ihr ableitet.

    • xy1
    • 01. Dezember 2012 23:30 Uhr

    Den USA ist zu danken, wenn wir hier noch in Ruhe und Fieden leben.
    Sie hat dem Dritten Reich und dem Kommunismus zum Exitus verholfen. Und anderen diktatorischen Regimen auch.

    • michati
    • 02. Dezember 2012 19:34 Uhr

    "Die iranischen Mullahs, die revolutionären Führer Lateinamerikas, der kämpfende Syrer Assad, die verstorbenen Führer Hussain und Gaddafi und nicht zuletzt Kim Jong un, sind und waren alle Kritiker unseres "diktatorischen Finanzsystems"."
    Erstmal: Hussein und Gadaffi sind keineswegs gestorben sondern zur Strecke gebracht worden, zumindest der erste von den Handlangern dieses Finanzsystems.
    Die Nennnung weiterer bizarrer Namen als angebliche Gegner
    rechtfertigt noch gar nichts. Ich halte mich da an den guten alten Karl Marx, wiewohl der ja nicht ahnen konnte, wie recht er mal hat.
    Das ganze "Finanzsystem" ist aus den Fugen geraten, es bedroht inzwischen systematisch unsere ganze Welt.
    Die paar o.g. Einzelkämpfer sind da eher belanglos. Aber gut geeignet, vom eigentlichen Problem abzulenken

    • Bashu
    • 01. Dezember 2012 19:37 Uhr

    In Osteuropa wurden sozialistische Regime den jeweiligen Völkern übergestülpt - mit Gewalt. Oder erinnern Sie sich daran, dass es in Polen oder seinen Nachbarn eine demokratische Wahl gab, bei der sich die Mehrheit des Volkes für den Sozialismus ausgesprochen hat??

    Und wie ist das in Ägypten? Da haben die Menschen die Wahl zwischen Säkularismus und Islam. Und sie entscheiden sich - demokratisch wohlgemerkt - für den Islam.

    Das kann Ihnen nun persönlich passen oder auch nicht (mir passt es persönlich auch nicht). Aber Demokratie heißt auch, die Meinung des Volkes zu akzeptieren, auch wenn sie einem nicht passt.

    Im übrigen ist die von ihnen herbeigesehnte Einmischung des Westens gerade der Grund dafür, dass die Menschen in Ägypten sich abwenden -- sie nehmen den Westen als doppelzüngig wahr. Zurecht, hat er doch einerseits auf Menschenrechte gepocht, andererseits den Diktator Mubarak hofiert und unterstützt ...

    Die Wende zum Islam ist auch UNSER Fehler!

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    "Im übrigen ist die von ihnen herbeigesehnte Einmischung des Westens gerade der Grund dafür, dass die Menschen in Ägypten sich abwenden -- sie nehmen den Westen als doppelzüngig wahr. Zurecht, hat er doch einerseits auf Menschenrechte gepocht, andererseits den Diktator Mubarak hofiert und unterstützt …"

    Da gebe ich Ihnen Recht, es war der alte Fehler, sich mit dem angeblich kleineren Übel gemein zu machen. Diese Inkonsequenz rächt sich jetzt und eigentlich immer, mit diktatorischen Regimes legt man sich nicht ins Bett. Es ist ein Pragmatismus, der eigene Werte verrät und den Menschen in den betroffenen Ländern nicht hilft. Obama hätte längst die Militärhilfe für Ägypten stoppen müssen. Wie konnte Obama so naiv sein, und 2009 eine anbiedernde Rede an den Islam in Kairo halten?

  4. " Da müssen Sie schon etwas konkreter werden. Wer wird denn unterdrückt und wer hat Freiheiten? Alles andere ist larifari"

    Berechtigte Frage. Darum ganz konkret:

    - Die Scharia wird als (Inspirations)Quelle der Gesetze bezeichnet
    - Die religiösen Gelehrten der (islamischen) Al-Azhar-Universität sollen zu Fragen der Gesetzgebung konsultiert werden
    - Der Staat ist zuständig, für Anstand, Moral und öffentliche Ordnung zu sorgen
    - Die Glaubensfreiheit wird nur für Muslime, Christen und Juden garantiert
    - Islamische Propheten und vor allem Mohammed dürfen nicht "beleidigt" werden
    - Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist nicht verboten, der Staat hat die Aufgabe, die "inhärente Natur der ägyptischen Familie" zu bewahren und die Notwendigkeit der "Vereinbarkeit der Pflichten der Frauen gegenüber ihrer Familie und ihrer Arbeit" wird betont
    - Generäle stehen über der Verfassung und über dem Parlament
    - Die Aburteilung von Zivilisten vor Militärgerichten wird nicht ausgeschlossen

    Sie können mich korrigieren, wenn ich etwas falsch gelesen habe.

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    • lxththf
    • 01. Dezember 2012 20:02 Uhr

    "Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist nicht verboten"
    Das ist vielleicht das massive Problem. Es gibt eventuell die rechtliche Möglichkeit zur Unterdrückung, aber weder wird sie gefördert, noch explizit gefordert und noch weniger institutionalisiert. Jedoch ist das ja auch nur ein kleiner Teil der Vfsg und ich persönlich hoffe, dass man sie im ganze demnächst nachlesen kann, um sich wirklich ein Urteil bilden zu können.
    Also wie gesagt. Potentiell besteht leider die Chance zur Diskriminierung, aber dass muss nicht stattfinden. Vieles ist eher Auslegungssache und wünschenswert wäre es dann, dass zumindest zivilrechtlich klare Grenzen gezogen werden. Vielleicht sollte man es wirklich zuerst als Prozess begreifen und dann sehen, in welche Richtung es geht. Die Chance muss man einer Demokratie geben, denn sonst ist sie keine.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Demonstration | Barack Obama | Kairo | Kopftuch | Plenum
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