Ägypten"Die Muslimbrüder haben Koran und Islam für sich okkupiert"

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo sind die Gegner der Verfassung unverdrossen: Ihre Stimmung schwankt zwischen Resignation und Trotz. Mit einem Sieg rechnen sie nicht. von 

Gegner von Präsident Mursi auf dem Tahrir-Platz

Gegner von Präsident Mursi auf dem Tahrir-Platz  |  ©Khaled Abdullah Ali Al Mahdi/Reuters

Aus vielen Läden dröhnen Fernseher mit Korangesängen, Händler bieten billiges Plastikzeug feil, jetzt im Winter auch Decken in schrillen Farbmustern. Vor einer Metzgerei warten zwei Kamele, eine Kuh und drei Dutzend Schafe auf ihren Schlachter. Und mitten im Gewühl thront die alte Moschee, jedes Jahr am Geburtstag des Propheten Mohammed Zentrum eines rauschenden Heiligenfestes mit Gauklern, Feuerschluckern und Sufitänzern.

In Kairos Stadtteil Sayyida Zeinab wohnen einfache Leute, alle hier sind fromme Muslime. Und trotzdem ist die Abstimmung über die neue Verfassung alles andere als ein Triumphlauf für Präsident Mohammed Mursi und seine Muslimbrüder. Schon seit den frühen Morgenstunden bildeten sich vor der Bahaia-Schule am Bur Said Boulevard lange Schlangen, rechts die Männer, links die Frauen. Rund drei Stunden müssen die Leute auf dem Bürgersteig ausharren, bis die Soldaten sie in das Innere des beige-weißen Schulkastens vorlassen, wo in zwei Klassenzimmern die Wahlurnen stehen.

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Draußen vor der Tür sind die Meinungen so geteilt wie im ganzen Land. Viele wollen mit Ja stimmen, die Zahl der Nein-Sager aber ist gleichfalls beträchtlich. Eine ist Heba Youssrey, die Verwaltungswissenschaften studiert hat und seitdem arbeitslos ist. Werde diese Verfassung verabschiedet, gebe es noch mehr Unruhe, meint sie. Besser wäre es, noch einmal zu beginnen und alles sauber durchzuziehen. Suada Abdel Gawad, eine resolute Erscheinung mit kariertem Jackett, sieht es genau andersherum.

"Wir müssen endlich zu unserem Rhythmus zurückfinden, als Nation und jeder für sich", sagt sie. Darum stimmt sie mit Ja genauso wie die voll verschleierte Hoda Mustafa, die zusammen mit Tochter Fatma gekommen ist. Ihr Mann wurde unter Hosni Mubarak verhaftet und ins Gefängnis geworfen. "Wir haben lange Zeit in Angst und Schrecken gelebt", sagt sie. Das werde künftig nicht mehr möglich sein – dank der neuen Verfassung, davon sind Mutter und Tochter überzeugt.

Drei Wochen lähmt das Finale um das post-revolutionäre Grundgesetz nun schon das Land, auch am Vorabend des Wahltages kam es in Alexandria wieder zu schweren Ausschreitungen mit Verletzten. Der Wahltag selbst dagegen blieb bisher weitgehend ruhig, auch wenn Aktivisten von zahlreichen Manipulationen berichteten. Erste Ergebnisse soll es am Sonntag geben.

"Gezeigt, dass wir viele sind"

Derweil campieren auf dem Tahrir-Platz die Verfassungsgegner unverdrossen weiter. Die Stimmung in den Zelten schwankt zwischen Resignation und trotziger Zuversicht. An ein Scheitern des Referendums glaubt niemand, aber "wir haben gezeigt, dass wir sehr viele sind", sagt Georgeus Basily, ein koptischer Christ, der mit Nein gestimmt hat. Examen hat er in landwirtschaftlicher Genetik gemacht, seit Jahren schlägt er sich als Kassierer an Tankstellen und Supermärkten durch. Und er ist überzeugt, dass nun bald die ersten Verhaftungswellen gegen die Opposition rollen werden.

Leserkommentare
  1. "Mir ist ganz egal, was in der Verfassung steht", stößt er nach kurzem Schweigen hervor. "Hauptsache, dieser Trubel im Land hört endlich auf."
    Vermutlich ist genau das die Haltung mit der diese Extremisten ihr Ding durchbringen werden. Und dann müssen erst Jahre in´s Land gehen, bis die harte Politik der Fundamentalisten zu so konkreten Problemen führt und liberaleren Kräfte sich soweit erholt haben, dass eine echte Chance besteht den Zustand so wie er heute ist wieder herzustellen. Aber anders geht es wohl nicht. Von außen jedenfalls kann man niemanden dazu zwingen sich nicht geschlagen zu geben. Hoffentlich ist das letztlich ein Prozess der die Hardliner genau so in ihre Schranken verweist, wie das in anderen Systemen weltweit auch geschahen ist.

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    • lxththf
    • 15. Dezember 2012 20:43 Uhr

    was die Extremisten durchbringen wollen. Die ersten 10 würden schon reichen.

    Die Haltung erst mal ruhe haben zu wollen und sich nicht um die Grosse Politik zu kümmern ist es die un der Reformation langsam zurückgegangen ist.

    So werden auch die Ägypter lernen das Ruhe um jeden preis ebend einen sehr hohen Preis forder kann, und es oft dadurch auch nicht zur Ruhe kommt.

    Wie es weitergeht wird man sehen, ich glaub aber nicht das das Volk eine neue Diktatur under anderen Vorzeichen akzeptieren wird, und auch die sogenanten "Hardliner" können eine recht gute Politik machen.

    Wir müüssen uns nur daran erinner das die Gesetze die sie nun verstschreiben wollen, schon lange in dem Staat gegolten haben auch wenn sie ne offiziell waren. Also die Mentschen sie meistens kennen und eh schon nach ihnen leben.

  2. So sollte es jedenfalls nach freien Wahlen sein!
    Ob das nun für Ägypten gut sein wird ist eine andere Frage,dem Tourismus und den Einnahmen daraus wird es jedenfalls mehr als Schaden

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    Opposition und Minderheiten werden nicht einbezogen? Ich kann mich noch gut erinnern, wozu sich so etwas in der Geschichte entwickelt hat.

    Hitler hatte die Mehrheit des Volkes, müssen Sie wissen.

  3. http://en.wikipedia.org/w...

    welche sich als Enkelin des Propheten und Tochter des doppelt - umständehalber aber auch konkurrierend - verehrten Alī ibn Abī Ṭālib und Schwester des bei Karbala tragisch und folgenwirksam Konfessionen-bildend geendeten Husayn, jedenfalls eigensinnig-widerständig vor dem Thron des obsiegenden und allseits ungern memorierten Kalifen Yazid I. geriert hat.

    Skeptiker von Befestigungen politischer Macht - auch wenn diese im Zeichen des Islam betrieben werden - haben in der Namensgeberin dieses Stadtteils jedenfalls eine legitimierende Referenzfigur.

    Während im Westen häufig optimistisch-zuversichtliche Selbstempfehlungen das Bild des politischen Islam prägen, sollte dieses nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch Macht-skeptische Züge in der Islamischen Tradition gibt, die allerdings auch zu einer Wurzel Konfessioneller Zerwürfnisse werden können.

    Keineswegs ein jeder, der "salafistisch" aussehen mag, entspricht dann auch den damit oft verbundenen Inhalten.

    • lxththf
    • 15. Dezember 2012 20:41 Uhr

    "Abdel al-Rafah trägt einen dichten weißen Bart und eine Häkelkappe. Er könnte ohne Weiteres als Salafist durchgehen" ??? Weil das nur Salafisten tragen. Es sind solche Formulierungen, die die gesamte Berichterstattung etwas undurchsichtig machen.
    Aber dennoch berührt dieser Artikel endlich einen ganz entscheidenden Punkt. Der Islam ist vielfältig und pluralistisch und die Moslembrüder sind nur eine von vielen Gruppen und Strömungen, jedoch wird mittlerweile im Sprachgebrauch alles vermischt. Salafist = Islamist = Fundamentalist = Moslem und so geht es weiter. Es ist enorm wichtig, auch für das Verständnis der Leser in der Begriffswahl klar zu differenzieren. Genial wäre es, wenn man bei ZO oder in anderen Portalen eine deutschsprachige Übersetzung oder zumindest eine aktuelle englischsprachige Übersetzung verlinken würde. Das wäre ebenfalls als Diskussionsgrundlage Pflicht, denn so diskutieren viele nur ins Blaue hinein.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Behauptungen. Danke, die Redaktion/au

    • lxththf
    • 15. Dezember 2012 20:43 Uhr

    was die Extremisten durchbringen wollen. Die ersten 10 würden schon reichen.

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    Ich schrieb: "Haltung mit der diese Extremisten ihr Ding durchbringen werden" Das ist eine Verfassung, die ja wohl nicht von allen Ägyptern mit getragen wird. Das heißt: Normalerweise würde man erwarten, dass eine Regierung, wenn es ihr ernst ist mit der Pluralität, die Sie in einem anderen Beitrag beschwören, dass sie entspannt und ohne zeitliche Probleme den Dialog mit der pluralistischen Gesellschaft aller ihrer Bürger sucht. Um dann vielleicht einen Entwurf zu schaffen der Kompromisse enthält dafür aber von Befürwortern und Gegnern geleichermaßen getragen werden kann. Da diese Entspanntheit aber offenbar nicht vorhanden ist und allgemein auch von vielen Bürgern des Landes öffentlich bekundet wird, das sie mit der Praxis ihrer molemischen Brüder nicht einverstanden sind gehe ich davon aus, dass es es hier um die Sache einer einzelnen Gruppe geht, die da durchgezogen wird. Auf Kosten all derer, die sich nicht so gut und effektiv organisieren und durchsetzen können. Das ist mit "Ihr Ding" gemeint. Es gibt keine einzelnen "Artikel" die ich Ihnen hier nachträglich verkaufen wollte. Es geht um ein Muster, wie man es von fundamentalistischen, islamistischen oder salafistischen Gruppen hier seit Jahren präsentiert bekommt. Deshalb würde mich auch weniger darüber wundern, dass hier so wenig differnziert wird. Ich würde mich fragen, warum das so ist und wie man das ändern könnte.

    doch mal die artikel des von mir verlinkten teils der zur abstimmung stehenden verfassung.
    falls sie aber eine andere version im netz finden, verlinken sie die doch bitte mit kommentar.

  4. Opposition und Minderheiten werden nicht einbezogen? Ich kann mich noch gut erinnern, wozu sich so etwas in der Geschichte entwickelt hat.

    Hitler hatte die Mehrheit des Volkes, müssen Sie wissen.

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  5. Ich schrieb: "Haltung mit der diese Extremisten ihr Ding durchbringen werden" Das ist eine Verfassung, die ja wohl nicht von allen Ägyptern mit getragen wird. Das heißt: Normalerweise würde man erwarten, dass eine Regierung, wenn es ihr ernst ist mit der Pluralität, die Sie in einem anderen Beitrag beschwören, dass sie entspannt und ohne zeitliche Probleme den Dialog mit der pluralistischen Gesellschaft aller ihrer Bürger sucht. Um dann vielleicht einen Entwurf zu schaffen der Kompromisse enthält dafür aber von Befürwortern und Gegnern geleichermaßen getragen werden kann. Da diese Entspanntheit aber offenbar nicht vorhanden ist und allgemein auch von vielen Bürgern des Landes öffentlich bekundet wird, das sie mit der Praxis ihrer molemischen Brüder nicht einverstanden sind gehe ich davon aus, dass es es hier um die Sache einer einzelnen Gruppe geht, die da durchgezogen wird. Auf Kosten all derer, die sich nicht so gut und effektiv organisieren und durchsetzen können. Das ist mit "Ihr Ding" gemeint. Es gibt keine einzelnen "Artikel" die ich Ihnen hier nachträglich verkaufen wollte. Es geht um ein Muster, wie man es von fundamentalistischen, islamistischen oder salafistischen Gruppen hier seit Jahren präsentiert bekommt. Deshalb würde mich auch weniger darüber wundern, dass hier so wenig differnziert wird. Ich würde mich fragen, warum das so ist und wie man das ändern könnte.

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    • lxththf
    • 16. Dezember 2012 0:17 Uhr

    die Antwort, die ich mir gewünscht habe, dennoch zumindest ein deutlich differenzierter Beitrag und dafür ersteinmal danke, denn so lässt es sich leichter diskutieren.
    Zum Teil würde ich Ihnen zustimmen, aber ich könnte es nicht gänzlich, denn es gibt ein grundsätzliches Problem. Wir, also die westlichen Gesellschaften müssen zwingend etwas lernen und das ist unter anderem, dass ein Demokratisierungsprozess eben genau das ist. Es ist ein Prozess, mit Lernkurven, Enttäuschungen, Wachstumsschmerzen, Fehlern und primär ist es eine Entwicklung des kollektiven Bewußtseins. Genau das passiert in Ägypten. Wie können wir uns also anmaßen, davon auszugehen, dass genau diese Verfassung von allen geschrieben werden muss? Es gab Wahlen und eine Übergangsverfassung in der das Prozedere festgeschrieben wurde und damals waren die "Liberalen" einverstanden. Nach der Wahlniederlage nicht mehr? Die wenigsten Verfassungen wurden im Kompromiss erarbeitet. Denken Sie an die US-Verfassung, die dt. Verfassung etc. und dennoch ist etwas daraus erwachsen. Umso wichtiger ist dann jedoch ein Blick auf die einzelnen Artikel, denn an Hand derer kann man, nein man muss auch inhaltlich argumentieren. Kleines Beispiel. Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist z.B in dem Verfassungsentwurf im Artikel 6 festgeschrieben: http://www.egyptindepende...
    Ausserdem ist ein Referendum ebenfalls ein demokratisches Element. Das darf man einfach nicht ignorieren.

  6. der erste teil des entwurfs der verfassung ist

    http://www.acus.org/egypt...

    dann kann man schon bei manchen artikeln ins grübeln kommen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Genetik | Grundgesetz | Hosni Mubarak | Verfassung | Alexandria
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